Rund zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden an Heuschnupfen. Welche Möglichkeiten der Vorbeugung gibt es und was können Betroffene tun?
Stuttgart - Allergien machen vielen Menschen zu schaffen. Besonders häufig sind Allergien gegen Pollen, die sich als Heuschnupfen und Asthma bronchiale äußern. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema.
Leiden tatsächlich immer mehr Menschen unter Heuschnupfen?
Rund zwölf Millionen Menschen in Deutschland leiden an Heuschnupfen, etwa eine Million Kinder und Jugendliche sind davon betroffen. Einen starken Anstieg verzeichnet das Robert-Koch-Institut (RKI) in den vergangenen zehn Jahren allerdings nicht, die Zahlen hätten auf hohem Niveau stagniert. Ähnlich ist die Situation nach Angaben der AOK auch in Baden-Württemberg. Von 2013 bis 2017 hat die Zahl der AOK-Versicherten im Land, die wegen Heuschnupfen in Behandlung waren, jährlich sogar um durchschnittlich 1,7 Prozent abgenommen.
Dennoch spricht das Robert-Koch-Institut von einer hohen Zahl von Betroffenen – speziell auch unter jungen Menschen: Laut einer 2018 veröffentlichten RKI-Erhebung wurde bei 9,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland innerhalb eines Jahres Heuschnupfen ärztlich festgestellt. Gut zehn Jahre zuvor waren es 9,6 Prozent. Generell sind Jungen etwas stärker betroffen als Mädchen. In Baden-Württemberg ist die Häufigkeit von Heuschnupfen bei Kindern und Jugendlichen etwas geringer als in Deutschland insgesamt.
Was sagen Allergologen?
Allergien und auch Heuschnupfen würden heute durchaus häufiger registriert als noch vor einigen Jahren, sagt Markus Rose, der am Stuttgarter Olgahospital den Bereich Pädiatrische Pneumologie und Allergologie leitet. Gründe dafür seien eine bessere Diagnostik und ein veränderter Lebensstil: „Wir wissen, dass Kinder, die sehr reinlich aufwachsen, häufiger Infekte und Allergien haben“, sagt Rose. Eine massive Bedrohung sieht er aber nicht, die Zahlen würden nicht explodieren, so der Kinderarzt. „Man sollte sich auch nicht zu viele Sorgen machen.“
Was sind Anzeichen für eine Allergie?
Die wichtigsten allergischen Erkrankungen sind Heuschnupfen und Asthma bronchiale. Heuschnupfen ist eine Reaktion auf sogenannte inhalative Auslöser wie Hausstaubmilben, Schimmelpilze oder Pollen. Derzeit sind etwa viele Pollen von Birke, Pappel, Weide und Ulme unterwegs. Typische Heuschnupfen-Symptome sind Juckreiz, Niesanfälle und verstärkte Schleimbildung. Das Atmen durch die Nase fällt den Betroffenen schwer, sie fühlen sich mitunter wie bei einer Erkältung. Bei einer Erkältung oder einen Infekt klingen die Symptome in der Regel aber nach maximal zehn Tagen wieder ab. Symptome einer Allergie können dagegen wochenlang anhalten – und jedes Jahr wiederkommen. Auch Erwachsene können noch eine Pollenallergie entwickeln. Asthma bronchiale hängt dagegen mit einer Überempfindlichkeit der Bronchien zusammen, die zu Verengungen und damit zu Atemnot führen kann.
Wie entstehen Allergien?
Allergien – egal ob etwa gegen bestimmte Pollen oder Lebensmittel – beruhen auf einer Überreaktion des Immunsystems. Dieses ist normalerweise dafür da, eingedrungene Krankheitserreger zu bekämpfen. Warum das Immunsystem allergiegeplagter Menschen blindwütig auf an sich harmlose Stoffe losgeht, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Mediziner gehen davon aus, dass dabei viele Faktoren zusammenwirken. Unbestritten ist, dass die genetische Veranlagung eine wichtige Rolle spielt. „Wenn beide Eltern Allergien oder Asthma haben, liegt das kindliche Allergie- oder Asthmarisiko bei über 70 Prozent“, sagt Eckard Hamelmann, Chefarzt im Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI).
Welche Rolle spielt die Hygiene
Gemäß der so genannten Hygienehypothese kommt das Immunsystem vieler Menschen in den industrialisierten Ländern zu selten mit fremden Proteinen in Berührung. Diese Eiweißverbindungen spielen eine wichtige Rolle bei der Aktivierung der körpereigenen Abwehr. Wird das Immunsystem in jungen Jahren zu wenig gefordert, verlerne es die Fähigkeit zur „unaufgeregten Auseinandersetzung mit den natürlicherweise vorkommenden Proteinen“, so der Mediziner Hamelmann. Ein Übermaß an Hygiene ist demnach schädlich. Tatsächlich gibt es Studien, laut denen Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, seltener Allergien entwickeln. Allerdings genüge es nicht, gelegentlich Ferien auf dem Bauernhof zu machen, sagt Hamelmann. Die positiven Folgen des frühen Kontakts mit den beispielsweise in Kuhställen vorkommenden Bakterien oder deren Überresten wurde unter anderem in Versuchen mit Mäusen nachgewiesen. Dass inzwischen auch mehr Kinder in ländlichen Regionen Heuschnupfen haben – laut DAK-Gesundheitsreport sogar mitunter häufiger als in städtischen Gebieten – zeige, dass es nicht so sehr darum gehe wo man lebt, sondern wie man lebt, sagt der Stuttgarter Mediziner Rose.
Welche Rolle spielen andere Umweltfaktoren?
Durch die Klimaerwärmung verlängert sich die Vegetationszeit – mit der Konsequenz, dass der Pollenflug einschlägiger Pflanzen früher beginnt. In den vergangenen 30 Jahren habe sich die Pollensaison in Deutschland deutlich verlängert, sagt Torsten Zuberbier, Leiter des Allergie-Centrums der Berliner Charité. Die Zeit, in der Allergiker frei durchatmen können, wird dadurch kürzer. Hinzu kommt, dass Blütenstaub insbesondere im städtischen Umfeld auch besonders stark mit Schadstoffen belastet sein kann, die sich an die Pollenkörner anheften – beispielsweise Rußpartikel. Dadurch nehme das allergene Potenzial des Pollens zu, sagen Umweltmediziner.
Kann man Pollenallergien bei Kindern vorbeugen?
Wichtig sei es, dass Kinder viel draußen seien und so in Kontakt kämen mit der Erdoberfläche, sagt der Stuttgarter Facharzt Markus Rose. Vorbeugend wirke auch, wenn Kinder wenig Tabakrauch einatmen würden, wichtige Schutzimpfungen bekämen und sich vielfältig und gesund ernährten – auch mit möglicherweise allergenen Lebensmitteln. Positive Effekte hat nach Ansicht vieler Allergologen auch das Stillen. „Mütter sollten, wenn möglich, ihre Kinder mindestens vier Monate voll stillen“, sagte Eckard Hamelmann. Eine Rolle spielt wohl auch die Ernährung in der Schwangerschaft. So raten viele Experten Schwangeren davon ab, vorsorglich auf bestimmte Nahrungsmittel wie Milch, Eier oder Weizen zu verzichten. Denn schon über die Nabelschnur könne der Organismus des Kindes lernen, sich mit den verschiedenen Nahrungsbestandteilen auseinanderzusetzen. Das könne späteren Lebensmittelallergien entgegenwirken. Untersucht wird auch, ob der Verzehr unbehandelter Rohmilch das Allergierisiko verringert.
Welche Behandlungen gibt es?
Experten raten dazu, schon bei den ersten Symptomen zu reagieren und direkt nach der Diagnose mit der Behandlung zu beginnen. Pollenallergien können sonst schlimmer werden, auf eine Allergie folgt mitunter im nächsten Jahr schon die nächste. Unbehandelt kann sich Heuschnupfen sogar zu Asthma entwickeln. Gängige Mittel sind Allergietabletten, Nasensprays oder sogenannte Kombinationspräparate. Bei Pollen- oder Hausstauballergien bestätigen Langzeitdaten die gute Wirksamkeit der sogenannten Hyposensibilisierung. Dabei werden Allergikern die entsprechenden Allergieauslöser (Allergene) in immer höherer Dosis zugeführt, um den Körper daran zu gewöhnen.
Was hilft noch gegen die laufende Nase?
Hilfreich kann es darüber hinaus etwa sein, getragene Kleidung nicht im Schlafzimmer abzulegen und vor dem Schlafengehen zu duschen und die Haare zu waschen, damit die Pollen nicht auf dem Kissen landen. Wäsche lieber drinnen trocknen und nicht auf dem Balkon oder im Garten. In Großstädten empfiehlt es sich, morgens zwischen sechs und acht Uhr zu lüften – auf dem Land ist es andersherum. Hier empfehlen Experten, zwischen sieben Uhr abends und Mitternacht zu lüften, weil dann weniger Pollen fliegen. Kurzfristig kann auch eine Nasendusche mit physiologischer Kochsalzlösung für Linderung sorgen. Einige Betroffene merken eine Besserung nach Regenfällen – allerdings werden die Beschwerden während eines Gewitters mitunter eher schlechter, es empfiehlt sich also, erst eine halbe Stunde bis Stunde nach dem Schauer wieder an die frische Luft zu gehen. Aufschluss über den aktuellen Pollenflug geben auch Apps und Portale im Internet.