Am besten, man geht den Pollen aus dem Weg. Das aber ist so gut wie unmöglich. Zum Glück arbeiten Wissenschaftler bereits an neuen Behandlungsmethoden.
Berlin - Frühling ist für etwa 16 Prozent der Bevölkerung mit Müdigkeit, verminderter Leistungsfähigkeit in Schule und Beruf und schlechter Stimmungslage verbunden. Schuld sind die Pollen. Die in den Pollenkörnern enthaltenen Eiweißkörper, Allergene genannt, lassen die Augen jucken, den Hals kribbeln und die Nase laufen.
Und warum all das? Weil das Immunsystem von Allergikern an sich harmlose Allergene von Birke oder Gräsern mit gefährlichen Eindringlingen verwechselt. Im ersten Schritt stuft es bestimmte Allergene „nur“ als verdächtig ein. Offenbar kommt es bei immer mehr Menschen zu einer derartigen Sensibilisierung gegen Allergene. „Wir haben Untersuchungen in Schulklassen durchgeführt und festgestellt, dass der Prozentsatz sensibilisierter Schüler im vergangenen Jahrzehnt von 20 Prozent auf 40 Prozent angestiegen ist. Etwa 20 bis 30 Prozent der sensibilisierten Kinder und Jugendlichen reagieren dann im Laufe ihres Lebens allergisch und bekommen Symptome wie beispielsweise juckende Augen bei einer Gräserpollenallergie“, berichtet Carsten Schmidt-Weber, Direktor des Instituts für Allergieforschung der Technischen Universität München.
Übergang zum Asthma soll verhindert werden
Nach zwei bis zehn Jahren kommt es vielfach zu einem sogenannten Etagenwechsel vom Heuschnupfen zum allergischen Asthma. „Es ist sehr wichtig, das zu verhindern“, sagt der Allergologe Karl-Christian Bergmann vom Allergie-Zentrum-Charité. Augentropfen, Antihistaminika und Kortikoidsprays lindern die allergische Entzündung nur kurzzeitig. Wer Heuschnupfen ursächlich bekämpfen und einen Etagenwechsel verhindern möchte, sollte zusätzlich eine Hyposensibilisierung über drei, besser vier Jahre machen.
Bei der Therapie wird ein Allergenextrakt zunächst wöchentlich in steigenden Konzentrationen unter die Haut gespritzt, dann monatlich bis zum Therapieende eine Erhaltungsdosis injiziert. Das Immunsystem soll sich so an die Allergene „gewöhnen“. Zumindest für die darauffolgenden sechs bis zehn Jahre wird eine merkliche Toleranz des Körpers für diese Allergene erreicht – wobei etwa 55 Prozent davon eine Linderung der Symptome darstellen. Mehrere moderne Studien mit gut definierten Allergenpräparationen erreichen laut Bergmann insgesamt bis zu 70 Prozent Symptomlinderung. Die Voraussetzung: Die Patienten müssen die Therapie durchhalten. Das gilt auch für Hyposensibilisierungen. Tropfen oder Tabletten werden dabei täglich unter der Zunge appliziert.
Neue Immuntherapie
Der Wiener Allergologe Rudolf Valenta und die mit ihm kooperierende Wiener Firma Biomay AG arbeiten speziell für Gräserpollen-Allergiker an einer weiteren Immuntherapie. Sie setzen auf einen synthetisch hergestellten „Impfstoff“ namens BM32. Valenta und seine Mitarbeiter isolierten das genetische Material der vier wichtigsten Gräserpollenallergene. Sie modifizierten es so, dass es sich nicht mit den vorhandenen Antikörpern verbindet und Symptome auslöst. Laut den kürzlich im Fachblatt „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ veröffentlichten Ergebnissen ist der Wirkstoff BM32 sicher.
BM32 lindert die subjektiven Symptome im Vergleich zu einem Placebo um durchschnittlich 25 Prozent. „Je stärker die Teilnehmer von den Gräserpollen betroffen waren, umso ausgeprägter war auch der positive Effekt nach der Impfung“, so die Erstautorin Verena Niederberger-Leppin, HNO-Ärztin und Kollegin Valentas.
Die Zahl der nötigen Injektionen ist laut Valenta deutlich kleiner als bei der herkömmlichen Hyposensibilisierung. An der Feldstudie nahmen 181 Patientinnen mit Heuschnupfen und gut eingestelltem Asthma aus elf europäischen Zentren teil. „In dieser Studie wurde zwar die Sicherheit des Impfstoffs gezeigt, aber die angepeilte Wirksamkeit nicht erreicht“, äußert sich Schmidt-Weber zurückhaltend optimistisch zu den Ergebnissen. Eine zweite Studie, deren Ergebnisse noch nicht veröffentlicht sind, ergab nun nach Aussage Valentas deutlich bessere Werte. Eine einjährige Zulassungsstudie mit 600 Probanden wie auch eine Studie mit Kindern sollen demnächst beginnen. Erst nach Studienende wird ein abschließendes Urteil möglich sein und abhängig davon die erhoffte Zulassung.
Ein Gel-Reservoir unter der Haut
Schmidt-Weber arbeitet mit seinen Mitarbeitern ebenfalls an einer interessanten und neuen Variante der spezifischen Immuntherapie. „Es geht um ein allergenhaltiges Hydrogel, das unter der Haut als Depot dient und kontinuierlich eine gewisse Allergendosis abgibt. Zusätzliche Wirksubstanzen können mit verpackt werden, um den Impfstoff so gut wie möglich auf die Bedürfnisse des einzelnen Allergikers abzustimmen“, berichtet Schmidt-Weber. „Aber wir stehen noch am Anfang.“ Es gibt weitere Ansätze, die ebenfalls dazu dienen, das Spritzen zu vermeiden. So wird derzeit erforscht, wie wirksam eine Hyposensibilisierung ist, bei der das Allergen äußerlich auf die Haut aufgebracht wird.
Zwar wurde die Sicherheit und Dosierung der Allergenextrakte in den letzten zehn Jahren verbessert. „Aber die Hyposensibilisierung nutzt manchen Allergikern trotzdem nur eingeschränkt“, so Bergmann. Dafür gibt es außer der mitunter fehlenden Therapietreue mehrere Gründe. So hängt die Qualität des Extraktes vom natürlichen Rohstoff ab, und mitunter wird die Diagnose nicht richtig gestellt. „Die Blütezeit von Birke und Esche überschneiden sich, die Esche wird aber zumeist nicht mitgetestet“, sagt der Berliner Allergologe.
Inzwischen wisse man, dass manche unterschätzten Allergene im Extrakt bislang weggelassen oder zu niedrig dosiert wurden. Und manche Allergene seien in einer Form enthalten, die das Immunsystem völlig unbeeindruckt lässt. Bergmann setzt auf Individualität: „Es wäre optimal, wenn wir bei jedem Allergiker einen passenden individuellen Allergenextrakt herstellen könnten.“