Leise ist das neue Laut: Max Rieger von der Band Die Nerven hat mit seinem Soloprojekt All diese Gewalt das grandios-grüblerische Popalbum „Andere“ veröffentlicht und liefert damit aus Versehen den perfekten Lockdown-Soundtrack.
Berlin - Ein bisschen Billie Eilish, ein bisschen Muzak und ganz viel großartige Popkunst. Auf einem Balkon in Berlin-Friedrichshain hat Max Rieger, den man vor allem als Gitarristen der Band Die Nerven kennt, mit uns über „Andere“ gesprochen, das neue Album seines Soloprojekts All diese Gewalt.
Herr Rieger, wie hat das Coronavirus Ihr Leben verändert?
Ich war tatsächlich erst einmal froh, dass alles runtergefahren ist. Mein Leben bestand da sowieso vor allem aus Pendeln zwischen Studio, Wohnung und Supermarkt. Ich fand den Lockdown die ersten Wochen angenehm, weil ich dachte, dass das nicht lange dauern wird. Irgendwann wurde mir aber klar, dass das nicht so schnell verschwindet, dass das vielleicht Jahre dauert. Und dann ging es mit der Existenzangst los. Die wäre aber eigentlich schon vorher angebracht gewesen.
Sie haben während des Lockdowns mit Ihrem anderen Projekt Obstler eine Platte gemacht, die anders klingt als die meisten Lockdown-Alben.
Wie klingen die anderen denn? Ich habe mir tatsächlich keine angehört.
Quarantäne-Pop klingt oft sentimental und introvertiert – eigentlich ganz ähnlich wie nun Ihre All-diese-Gewalt-Platte. Das Obstler-Lockdown-Album hört sich eher nach einem brüllenden, eingesperrten, wilden Tier an.
Ich hatte einfach Lust, mich zu Hause einzugraben und Black Metal zu machen. Allerdings habe ich dann doch nur die ersten zwei Tage Black Metal gemacht. Dann wurde Ambient daraus – und ich habe einfach beides miteinander verbunden.
Viele andere Künstler bangen wegen Corona auch um ihre Existenz, leiden unter sozialer Isolation. Glauben Sie, dass Corona in den nächsten Jahren zum bestimmenden Thema in Liedern, Filmen oder Büchern werden wird?
Vielleicht. Irgendwer hat kürzlich behauptet, dass das Schlimmste an Corona ist, dass man die nächsten Jahre lauter Corona-Romane lesen muss. Aber die Auseinandersetzung mit Isolation, mit Alleinsein ist kein spezielles Corona-Thema. Wie Sie gesagt haben, „Andere“ klingt zwar nach Quarantäne und Lockdown – in Wirklichkeit war ich mit dem Album aber schon im Januar fertig. Da hatte ich noch nie von Corona gehört.
Es passt also nur zufällig zum Covid-19-Zeitgeist? Es gibt ja sogar einen Song namens „Maske“.
Das ist der älteste Song auf dem Album, der stammt aus dem Jahr 2014. Ich glaube nicht wirklich, dass der in dem Sinne falsch verstanden werden kann, dass es hier um einen Mund-Nasen-Schutz geht.
Weil die Platte Sehnsucht nach Nähe, vergebliches Bemühen oder Selbstzweifel in melancholischen, in sich gekehrten Synthiepop packt, spiegeln sich darin trotzdem aktuelle Corona-Befindlichkeiten. „Andere“ klingt aber auch nach häuslicher Selbsttherapie-Sitzung.
Ich weiß nicht, ob Selbsttherapie das richtige Wort ist. Aber auf jeden Fall bildet das Album ab, was mich so die letzten Jahre umgetrieben hat. Und welche Themen das waren, habe ich erst erkannt, als die Platte fertig war. Da war so ein Aha-Moment. Ich habe mich in meinen Texten zwar auch vorher nie verstellt. Ich habe aber alles immer bewusst offener gelassen, wollte nie konkret werden. Doch ich hatte irgendwann den Eindruck, dass sich das Vage nicht mehr richtig anfühlt, weil extreme Gruppen genau auf diese gefühlige Art und Weise kommunizieren. Ich fand plötzlich, dass es sich irgendwie rechtsesoterisch anfühlt, wenn man meine Texte in jeden beliebigen Kontext stellen kann. Deshalb wollte ich beim Schreiben genauer werden.
In den vergangenen vier Jahren haben Sie nicht nur Ihre Gedanken präzisiert, sondern auch Ihre Musik. „Andere“ klingt nach Pop, ist aber viel schlauer, als Popmusik normalerweise ist.
Popmusik darf nicht schlau sein?
Doch, sie ist aber nur selten so schlau wie zum Beispiel in Ihrer düsteren Ballade „Blind“, die sich am Ende in eine kuriose Tanznummer verwandelt.
Wenn ich arbeite, probiere ich viel aus – und neunzig Prozent sind dann immer Müll. Aber manchmal passiert etwas. Ich versuche, mich selbst zu überraschen, deshalb schreibe ich Songs lieber nicht am Klavier oder an der Gitarre, weil da die Eigenständigkeit fehlt. Die Lieder entstehen oft als Collagen, ich sammle Material und schiebe es hin und her. Für das „Blind“-Finale habe ich zum Beispiel eine Akkordfolge aus einer Muzak-Playlist auf Youtube geklaut und die viel langsamer nachgespielt. Auf so eine Akkordfolge wäre ich selbst nie gekommen.
„Gift“ erinnert dagegen an Billie Eilish.
Ja, wegen diesem triolischen Viervierteltakt. Aber in Wirklichkeit ist das derselbe Beat wie bei Marilyn Mansons „The beautiful People“. Wenn, dann habe ich ihn daher. Aber Billie Eilish ist schon super, weil ihre Musik auch so eine schöne Insichgekehrtheit hat.
Sie denken sich nicht nur immer wieder neue Soloprojekte aus und arbeiten als Produzent, Sie schreiben inzwischen auch Filmmusik – etwa für Burhan Qurbanis Kinofilm „Berlin Alexanderplatz“.
Ich war da größtenteils für Clubmusik und Techno zuständig.
Qurbani hat angekündigt, dass er eine Deutschland-Trilogie plant. Der Film „Schwarz“ soll ein Musical werden – und Sie sollen die Musik schreiben.
Das ist noch ziemlich vage. Im Februar sah alles schon mal klarer aus, aber dann kam Corona. Deswegen kann ich dazu noch nichts sagen.
Und wie passt die Band Die Nerven zwischen all diese Projekte?
Wir bereiten unter erschwerten Bedingungen ein neues Album vor. Trotz Corona haben wir es im Sommer in Berlin aufgenommen. Wann es erscheinen wird, steht aber noch nicht fest.
Über Tourneen denken Sie derzeit wohl nicht nach, oder?
Mit dem neuen Album von All diese Gewalt wollte ich sowieso nicht auf Tour gehen. Schon vor Corona. Der Pandemie habe ich immerhin zu verdanken, dass ich mich jetzt dafür nicht rechtfertigen muss, weil sowieso keine Konzerte möglich wären. Ich finde, dass es sich irgendwie nicht richtig angefühlt hätte, dieses Album zu einem großen Gemeinschaftsgefühl werden zu lassen, sondern dass man es am besten alleine zu Hause mit Kopfhörern anhören sollte.
Das Multitalent Max Rieger
Person
Max Rieger (27) stammt aus Esslingen und wohnt in Berlin. Er ist unter anderem Sänger und Gitarrist bei der viel gelobten Band Die Nerven. Er hat auch die Alben einiger der derzeit interessantesten Indiepop-Künstler Deutschlands produziert (Drangsal, Jungstötter, Ilgen-Nur, Stella Sommer).
Album
Unter dem Namen All diese Gewalt hat Max Rieger am Freitag, 6. November, die CD „Andere“ (Glitterhouse/Indigo) veröffentlicht, die noch besser als derVorgänger „Welt in Klammern“ (2016) vielschichtige, melancholisch aufgeladene Synthiepop-Kostbarkeiten versammelt.