„All the old Knives“, ein zeitgemäßer Agententhriller alter Schule, hat den Darstellern Chris Pine und Thandiwe Newton einiges abverlangt, wie sie berichten.
Spione und die Liebe sind nicht füreinander gemacht – darum dreht sich im Kern der Agententhriller „All the old Knives“ des dänischen Regisseurs Janus Metz Pedersen. Er ist gelernter Dokumentarfilmer, hat als Regisseur in der Serie „True Detective“ fiktionale Erfahrung gesammelt und das Tennisdrama „Borg/McEnroe“ gedreht. Nun holt er ein sehr klassisches Genre in die Gegenwart und macht das – typisch Dokumentarfilmer – mit viel Liebe zum Detail.
Als ihre Romanze erblüht, geraten Henry (Chris Pine) und Celia (Thandiwe Newton) im CIA-Außenposten in Wien in eine schwere Krise: Islamisten entführen 2012 ein Flugzeug und ermorden auch einen Agenten, der inkognito an Bord war. Wie konnten die Terroristen ihn identifizieren? Als 2020 neue Fakten ans Licht kommen, beauftragt der Chief (Laurence Fishburn, „Matrix“) den Vorzeigeagenten Henry, nach einem möglichen Maulwurf zu suchen. Dieser grillt zuerst den Ex-Kollegen Bill (Jonathan Pryce, „Game of Thrones“), dann die abrupt aus seinem Leben verschwundene Celia. Natürlich ist nichts, wie es scheint, und Henry stellt fest: Spione können niemandem trauen, nicht einmal sich selbst.
Virtuos jongliert Pedersen mit der Verrätselung
Die Story im Geiste des 2020 verstorbenen Altmeisters John le Carré stammt vom US-Autor Olen Steinhauer, der auch das Drehbuch verfasste. Virtuos jongliert Pedersen mit der Verrätselung und springt dabei zwischen den Zeiten. Action ist rar, vieles wird im Spiel und in Dialogen verhandelt wie in der Carré-Verfilmung „Dame, König, As, Spion“ (2011). Der Regisseur erzeugt die typische Paranoia-Atmosphäre. Er nutzt Lichtreflexionen und Schattenspiele, ausgesuchte Räume und Unheil kündende Synthesizer-Klänge.
Sein wichtigste Kapital sind seine Schauspieler. Chris Pine (41) hat es geschafft, als Captain Kirk an Bord des Raumschiffs Enterprise die großen Fußstapfen William Shatners auszufüllen. In David Mackenzies sozialdramatischem Neo-Western „Hell or high Water“ (2016) brillierte er mit Ben Foster als Brüderpaar, das im ökonomisch ruinierten Westtexas in der Not Banken ausraubt. Nun gibt er einen schmucken Agenten, wie man ihn seit Pierce Brosnan nicht mehr gesehen hat. Henry ist ein blasierter Cowboy, der große Verletzlichkeit offenbart. „Wir hatten eine wunderbare Beraterin, eine frühere CIA-Agentin“, sagt Pine in einer Zoom-Interviewrunde. Er trägt einen grauen Rauschebart, antwortet knapp und ruht in sich. Celia ist eher eine Getriebene, und Thandiwe Newton (49) wirkt neben Pine quirlig und mitteilsam. „Für mich war es wichtig, mit einer Afroamerikanerin zu sprechen“, sagt sie. „Als Frau bei der CIA ist man in einer besonderen Situation, als schwarze Frau noch viel mehr. Ich musste verstehen, wie man sich dort verhält, was verborgen wird, auch Emotionen – und wie sich das auf die Beziehungen auswirkt.“ Newton ist die Tochter einer simbabwischen Shona-Prinzessin. Von ihr hat sie ihren Vornamen, den sie zu Beginn ihrer Karriere auf „Thandie“ verkürzte. Eine ihrer größten Rollen war die der Androidin Maeve in der Serie „Westworld“: Sie leitet im Western-Vergnügungspark der Zukunft das Bordell und entzündet eine Rebellion gegen die Unterdrückung.
Newton hat die Beziehungen im Blick
Für „All the old Knives“ haben beide Genre-Filmklassiker angeschaut. „‚Der Spion der aus der Kälte kam‘, ‚Die drei Tage des Condor‘, ‚Die Unbestechlichen‘“, sagt Pine. „‚French Connection‘, all diese coolen alten Filme, ‚The China Syndrome‘“, ergänzt Newton. „Bei diesem Film hat mich Jane Fonda sehr angemacht, sie war ein großer Einfluss, auch was die Kleidung angeht. Oder Faye Dunaway in ‚Network‘. Wir haben uns von dieser Ära inspirieren lassen, ästhetisch, was die Stimmung angeht. Aber auch von ‚Casablanca‘, von diesem ‚Noir‘-Element.“
Filmedrehen als Therapie
Pine und Newton bestreiten alleine den Showdown, eine lange Sequenz in einem Sonnenuntergangs-Lokal in Carmel/Kalifornien. Es knistert und prickelt bei ihrem Katz-und-Maus-Spiel. Jedes Wort, jeder Blick müssen dabei sitzen. „Es war nicht immer einfach, die Intention einer Szene sofort zu erfassen“, sagt Pine in Anspielung auf die vielen Ebenen. „Janus musste all die verschiedenen Fäden verknüpfen, wir haben uns permanent intensiv mit ihm ausgetauscht, was er wo vermitteln möchte.“ Newton ergänzt: „Entscheidend war, dass das Publikum erst ganz am Ende erfährt, was wirklich vor sich geht. Körpersprache kann viel verraten, und Janus hat ständig zu mir gesagt: weniger, weniger, weniger – ich bin wohl sehr emotional. Einen Film zu drehen ist für mich fast wie eine Therapie. Im Rückblick kann ich in meinen Arbeiten deutlich sehen, wo ich welche persönlichen Traumata verarbeitet habe.“
„All the old Knives“ erfindet das Spionage-Genre nicht neu, fügt ihm aber eine sehenswerte Facette hinzu – und gehört zu den Streaming-Spielfilmen, die die große Leinwand hätten ausfüllen können.
„All the old Knives“ läuft auf Amazon Prime.
Die Schauspieler und der Autor
Thandiwe Newton
Geboren 1972 in London als Tochter einer simbabwischen Mutter und eines britischen Vaters, war sie in Kinofilmen wie „Interview mit einem Vampir“ (1994), „Mission: Impossible 2“ (2000) und „L. A. Crash“ (2004) zu sehen. Seit 2016 spielt sie in der Serie „Westworld“ die rebellische Androidin Maeve Millay.
Chris Pine
Geboren 1980 in Los Angeles, hatte er seinen Durchbruch als Captain James T. Kirk in der 2009 beginnenden „Star Trek“-Filmreihe. 2016 war er in dem düsteren Neo-Western „Hell or high Water“ zu sehen, 2017 in „Wonder Woman“.
Olen Steinhauer
Der Autor, geboren 1970 in Baltimore, ist auf Spionagethriller spezialisiert. Sein Roman „All the old Knives“ erschien 2015, die deutsche Fassung „Der Anruf“ 2016.