Ursula Poznanski war im März dieses Jahres im Rahmen der Kinderkrimiwochen mit ihrem Buch „Oracle“ Lesegast im Gottlieb-Daimler-Gymnasium. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Für fünf Millionen Euro Preisgeld treten Tessa, Philipp und 98 andere an, um einen Lügendetektor zu testen. „Scandor“ heißt das High-Tec-Gerät, das in Poznanskis Roman eine besondere Wahrheit sucht.

Was ist wahr, was manipuliert? Das Phänomen der Fake-News lässt den Kit, der unsere Gesellschaft zusammenhält, weiter bröckeln. Welche Wirkung falsche oder in die Irre führende Informationen haben können, zeigten die Unruhen in Großbritannien nach der Messerattacke von Southport. Ursula Poznanskis neuer Jugendroman „Scandor“ war da bereits geschrieben. Doch das Thema, mit dem die österreichische Bestseller-Autorin der Zeit den Puls fühlt, könnte aktueller nicht sein.

 

Am Beispiel einer Challenge, bei der 100 Menschen gegen Scandor, einen neuen, perfekten Lügendetektor antreten, sensibilisiert Poznanski für unseren Umgang mit der Wahrheit. Die von einem US-Psychologen in die Welt gesetzte Zahl, dass jeder Mensch 200-mal am Tag lügen würde, erscheint spontan sehr hoch. Doch wer mit Poznanskis Protagonisten Tessa und Philipp um die fünf Millionen Euro fiebert, die dem Sieger im Scandor-Wettbewerb winken, denkt schnell um. Wie ein Countdown sind die Fehler, die das Ausscheiden von Konkurrenten zur Folge haben, in den Erzählfluss eingestreut: ein unaufrichtiges „Tut mir leid!“ gehört da ebenso dazu wie ein geheucheltes Lob, Ausflüchte oder eine der Notlügen, mit denen man andere vertröstet.

Abrechnung mit alter Schuld

Tessa und Philipp, beide deprimierenden Elternhäusern entflohen, kommen sich durch den Wettbewerb näher. Nicht nur in ihren Nebenjobs stellt Scandor, der alles mithört, die beiden vor Herausforderungen. Wie ein Vorstellungsgespräch ohne Lügen meistern? Wie unzufriedene Kunden besänftigen? Wie eine Beziehung eingehen, wenn man in einer Konkurrenzsituation steht und die Ängste des anderen kennt? Bei heimlich gehörten Gesprächen und Konfrontationen mit Scandor-Teilnehmern zeichnet sich für Poznanskis Helden immer klarer ab, dass der Lügen-Kampf mehr ist als ein Werbegag eines Tec-Unternehmens, vielmehr soll mit alter Schuld abgerechnet werden.

Was wie ein wissenschaftlicher Feldversuch startete, entpuppt sich als überdimensionierte, sehr konstruierte Racheaktion, deren Teilnehmerkreis gezielt eingeladen wurde. Weil Poznanski es grandios versteht, die Spannung hochzuhalten, lässt sich Enttäuschung über die ins Private abgleitende Auflösung nicht vermeiden. Aus ihr resultiert allerdings für Tessa und Philipp ein veränderter Blick auf ihr bisheriges Leben und ihre Familiengeschichten, in denen neue Wahrheiten alte Leerstellen und Lügen freilegen.

Cover (Detail) Foto: Loewe-Verlag

Scandor, der Name des High-Tec-Lügendetektors, ist ein Kofferwort aus den englischen Begriffen Scan und Candor, letzteres bedeutet Offenheit, Ehrlichkeit. Und so ist es vor allem die Auseinandersetzung mit den philosophischen und moralischen Dimensionen aller Möglichkeiten, die zwischen Lüge und Wahrheit liegen, welche die Lektüre von „Scandor“ jenseits des Thrillerplots spannend macht. Knifflige Lebensfragen, die bei der Challenge in die Enge treiben, richten sich immer auch an die Lesenden – und entschädigen für viele klischeehafte Charaktere, die nur Figuren in einem manipulierten Spiel sind.

Ursula Poznanski: Scandor. Loewe-Verlag, Bindlach. 447 Seiten. 19,95 Euro. Ab 14 Jahren

Info

Buch
Ursula Poznanski: „Scandor“. Loewe-Verlag. 447 Seiten. 19,95 Euro. Ab 14

Autorin
2010 gelang Ursula Poznanski mit ihrem Debüt „Erebos“ der Sprung auf Bestsellerlisten und in die internationale Wahrnehmung. Ihre Bücher greifen aktuelle Themen auf, so spiegelt „Cryptos“ Umweltzerstörung, „Shelter“ Verschwörungstheorien und Poznanskis jüngster Erwachsenen-Thriller „Die Burg“ die Risiken künstlicher Intelligenz.