Die Selbsthilfegruppe, die Gerlinde und Walter Großmann betreuen, ist eine von wenigen dieser Art in ganz Deutschland. Foto: factum/Granville

Die Münchinger Begegnungsgruppe für Hörgeschädigte mit Alkoholproblemen gibt es seit 25 Jahren. Für viele aus Süddeutschland sind die Treffen die einzige Chance, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Korntal-Münchingen - Ein Glas Wein am Abend, ein paar Gläser, wenn der Tag besonders stressig war, und schließlich die ganze Flasche, nur um herunterzukommen – der Weg in die Sucht verläuft oft schleichend. Der Weg aus der Sucht hingegen ist meist lang und beschwerlich, und er besteht neben der konsequenten Abstinenz für viele auch aus Reden, Reden und noch mehr Reden. In Selbsthilfegruppen tauschen sich die Betroffenen aus, sie unterstützen sich gegenseitig bei ihrem Entzug. Dieses Modell funktioniert jedoch nur bei denen, die Hören und Sprechen können. Für Gehörlose kommen diese Gruppen kaum in Frage. Vor 25 Jahren hat sich deshalb die Münchinger Begegnungsgruppe für Hörgeschädigte mit Alkoholproblemen gegründet – sie ist eine der wenigen Selbsthilfegruppen in Deutschland, an die sich die Betroffenen wenden können.

Am 15. Juni 1991 hat sich die Gruppe zum ersten Mal in Münchingen getroffen. Die Idee hatte damals Erika Steudle, die als Dolmetscherin für Gebärdensprache tätig war und vergeblich eine Gruppe für ein gehörloses, alkoholkrankes Ehepaar gesucht hatte. Steudle hat bei Walter Großmann angefragt, ob er sich nicht vorstellen könne, eine Gruppe zu gründen. „Und ich habe blauäugig zugesagt“, sagt Großmann heute und lacht. Großmann, 62 Jahre alt und früher lange als Gemeindediakon in Münchingen tätig, leitete da schon gemeinsam mit seiner Frau Gerlinde die örtliche Blaukreuzgruppe für Suchtkranke. Steudle dachte auch deshalb an ihn, weil er selbst hörbehindert ist. Dank einer Hörprothese kann sich Großmann dennoch verbal verständigen. Gebärdensprache beherrschte er damals noch nicht.

Probleme mit Begrifflichkeiten

Alle zwei Monate trifft sich die Münchinger Selbsthilfegruppe. Seit fünf Jahren leitet das Ehepaar auch eine weitere Gruppe in Aalen, die Samstage in Münchingen und Aalen wechseln sich monatsweise ab. Die Teilnehmer kommen zum Teil von weit her, von der Ostalb über Freiberg, Nürnberg und Karlsruhe. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass es neben den Angeboten in Münchingen und Aalen nur drei weitere Städte in Deutschland gibt, in denen es entsprechende Gruppen gibt: Leipzig, Dortmund und Köln.

Mit den Verantwortlichen dort sind die Großmanns eng vernetzt, man tauscht Erfahrungen aus. Im Gegensatz zu der regulären Blaukreuzgruppe, die das Ehepaar leitet, ist die Betreuung der Gehörlosengruppe mit einigen Herausforderungen verbunden. „Die Welt der Gehörlosen ist klein“, sagt Walter Großmann. Viele kennen sich, und, ergänzt Gerlinde Großmann, es werde „viel getratscht“.

Die Scheu, offen über Persönliches zu sprechen, sei bei vielen anfangs hoch. Oft seien auch Begriffe ein Problem. Ein Wort wie „abstinent“, sagt Walter Großmann, kannten viele gar nicht. „Das ist wie Beamtendeutsch – man kann es zwar lesen, aber nicht verstehen.“ Sprachlich müsse man es daher einfach gestalten. An manchen Nachmittagen geht es nur darum, Begriffe zu klären, mit Hilfe von Folien und Karikaturen.

Schwierig ist es laut Großmann auch, allen trotz unterschiedlicher Voraussetzungen gerecht zu werden. Die einen können sich nur mit Gebärden verständigen, die anderen hören zwar nicht, sie sprechen aber trotzdem noch.

Die Gemeinschaft wird bei Freizeiten gestärkt

Im Gegensatz zu manchen anderen Angeboten ist die Beziehung der Großmanns zu einigen Betroffenen recht persönlich. „Wir wollen vorleben, Beziehungen zu pflegen“, sagt Gerlinde Großmann, etwas, was vielen Suchtkranken schwerfalle. Einmal im Jahr fahren sie zusammen weg, gerade erst sind sie von einer Woche am Ammersee zurück.

Manchmal fragt sich Walter Großmann, wie es weitergehen soll. Ein Nachfolger für die Leitung der Gruppen ist nicht in Sicht. Zwar gebe es einige Voraussetzungen, etwa das Beherrschen der Gebärdensprache und Wissen über Sucht und Gehörlose gleichermaßen, und im besten Fall, wie bei den Großmanns, eine abstinente Lebensweise. „Aber man kann in alles hineinwachsen“, sagt Gerlinde Großmann. Das Ehepaar hofft, dass sich vielleicht jemand – wie sie – aus dem Glauben heraus engagieren möchte. Der Bedarf, sagt Walter Großmann, sei da. Bevor das Ehepaar ernsthaft über einen Rückzug nachdenkt, gibt es zunächst andere Pläne: Zum Herbst würden sie gerne eine weitere Gruppe in Nürnberg gründen.

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