Wenn ein Elternteil suchtkrank ist, beeinflusst dies auch das Leben der Kinder – mitunter dramatisch. Eine Mutter berichtet von ihrem Kampf, ihren Mann nicht aufzugeben und gleichzeitig ihre Kinder zu schützen.
Am Frühstückstisch herrscht schlechte Stimmung. Die Mutter dreier Kinder ist genervt, weil ihr Mann heute Nacht schon wieder nicht nach Hause gekommen ist und sich irgendwo „vollgesoffen“ hat. Erst vor zwei Tagen lag er „rotzevoll“ auf dem Sofa und war zu nichts mehr zu gebrauchen. Diese Gedanken hätte Alexandra Türmer* niemals vor ihren Kindern laut ausgesprochen, doch sie zeigen das Ausmaß, das die Suchterkrankung ihres Mannes inzwischen angenommen hat – und ihre Hilflosigkeit. Dass ihr Partner krank ist und sie nicht absichtlich im Stich lässt, sei ihr bewusst, doch im Alltag helfe ihr das wenig. Für die Familie ist es ein Balanceakt zwischen Verzweiflung, Frustration und Respekt und Liebe dem Ehemann und Vater gegenüber.
Das Paar versucht, die Suchterkrankung so gut wie möglich vor den Kindern zu verbergen. „Mein Ex-Mann hat viel heimlich getrunken. Wir haben seine Veränderung lange unter dem Deckmantel Depression laufen lassen“, berichtet die 37-Jährige. Als es dann allerdings häufiger vorkam, dass er betrunken auf der Couch lag, sei das immer schwieriger geworden.
Die Abstände zwischen den Rückfällen werden immer kürzer
Heute fragt sich die Mutter, ob sie ihre Kinder hätte besser schützen, früher die Reißleine ziehen müssen. „Meine Kinder haben natürlich meine Reaktionen mitbekommen, wenn der Papa nicht nach Hause kam, sondern egomäßig sein Ding gemacht hat.“ Doch wie schafft man es, seine Kinder zu schützen, wenn man selbst hilflos ist? Seit 2012, kurz nach ihrer Hochzeit und vor der Geburt des zweiten Sohnes, weiß sie von der Alkoholsucht ihres Mannes.
„Es ist unglaublich, wie ein Mensch seine Sucht verstecken kann. Welche Lügen man plötzlich glaubt, nur weil man nicht wahrhaben will, dass der Partner ein Problem hat, ist absurd.“ Immer wieder lässt er sich in Suchtkliniken behandeln. Doch die Sucht ist stärker und so werden die Abstände zwischen den Rückfällen immer kürzer. „Die längste Zeit, in der er trocken war, waren etwa zehn Monate“, erinnert Türmer sich. Sie habe sich Hoffnungen gemacht, wenn sie in das neue Haus ziehen, wird alles gut. Bis 2018 habe sie geglaubt, dass er die Kurve kriegt.
„Wir haben dann einen weiteren Sohn bekommen“, sagt sie. Doch die Sucht belastet die Familie. „Gewalttätigkeit durch Alkohol war bei uns Gott sei Dank aber nie ein Thema.“ Ein Jahr später schafft sie es, sich von ihrem Partner zu trennen. Weder durch ein alkoholbedingtes Organversagen und Koma, noch durch die Bitte, es für die Kinder zu tun, schaffte er den Ausstieg aus der Sucht. „Erst die Drohung, dass er die Kinder nicht mehr sehen darf, hat geholfen“, sagt Türmer.
Viele Kinder erkranken selbst
Rund ein Drittel aller Kinder aus einer Suchtfamilie erkranken selbst. „Das liegt nicht etwa an Vererbung, sondern häufig an Kindheitserinnerungen“, erklärt Henrik Metje von der Jugend- und Suchtberatung der Diakonie im Landkreis Ludwigsburg. Auch der älteste Sohn von Türmer, der heute zwanzig Jahre alt ist, habe viel mitbekommen. „Er leidet heute selbst unter einer Alkoholsucht und ist aktuell auch in einer Klinik“, berichtet die Mutter. Er sei zwar aktuell trocken und in der „Findungsphase“, dass die beiden jüngeren, neun und zwölf Jahre, auch süchtig werden könnten, bereite ihr jedoch Sorgen. „Wenn meine beiden Kleinen mal 30 Jahre sind, und sie sind ohne Suchterkrankung durchgeflutscht, kann ich aufatmen.“ Man spürt, wie wichtig es der Mutter ist, dass ihre Kinder das Erlebte aufarbeiten.
Hilfe für Kinder aus suchtkranken Familien
An diesem Punkt setzt das Projekt Trampolin für Kinder suchtkranker Eltern der Diakonie an. Einmal pro Woche trifft sich die Gruppe am Nachmittag, die Kinder kommen ins Gespräch und bearbeiten verschiedene Bausteine. „Viele Kinder denken, sie sind mit ihrem Problem allein. Hier lernen sie, dass es auch andere Kinder gibt, denen es geht wie ihnen“, so Metje.
Das Wichtigste sei, dass die Kinder über die Situation zuhause sprechen können. „Sie sollen lernen, wie sie ihre Gefühle in Worte fassen, statt sie anders herauszulassen.“ Die Kinder erarbeiten Hilfestellungen, quasi einen Baukasten voller Werkzeuge, die ihnen helfen, falls mal „was sein sollte“. Die Fähigkeit sich Hilfe suchen zu können, sei enorm wichtig.
Auch die beiden jüngsten Söhne von Türmer besuchen ein Angebot der Diakonie. Anders als bei den wöchentlichen Treffen verbringen sie bei „KisEl“ alle sechs Wochen zwei Tage miteinander, inklusive Übernachtung. Für Türmer ist das Projekt eine „riesen Erleichterung“. Es sei schwer, als Mutter mit den eigenen Kindern über die Suchterkrankung zu sprechen, weil sie selbst ihre eigenen Emotionen bei dem Thema habe. „Über manches wollen sie mit mir einfach nicht sprechen. Im KisEl haben sie den Raum dafür.“ Besonders ihr jüngster Sohn, der sich in den letzten Jahren immer mehr zurückgezogen habe, komme wieder mehr aus sich raus. „Die beiden gehen gerne dort hin.“
Papa nimmt diesmal an Freizeit teil
Einmal im Jahr findet eine Freizeit statt, mit den Eltern. Türmer kam dabei mit einer Mutter ins Gespräch, die selbst abhängig ist. „Das war für mich schwierig, weil ich die Seite der Angehörigen kenne. Sie verursacht quasi das Leid, das wir durchgemacht haben.“ Metje nutzt diese Erfahrung, um das Programm für das nächste Mal anzupassen. „Wir lernen dazu und wollen wissen, was den Betroffenen gut tut und was nicht.“ Diesmal falle das Wochenende auf das Umgangswochenende des Vaters. „Ich habe die drei einfach angemeldet“, sagt Türmer. „Es war bisher immer meine Aufgabe, das zu verarbeiten. Die Kinder sollen sehen, dass er auch seinen Teil dazu beiträgt.“ Der Vater finde die Teilnahme der Söhne am Projekt gut.
Aktuell sei ihr Ex-Mann trocken und besuche eine Selbsthilfegruppe. Sie hofft, dass die gemeinsame Freizeit ihn und die Kinder noch näher zusammenbringt. „Auch wenn es ihm sicher schwer fallen wird, vor anderen zu sagen, was er seiner Familie ‘angetan‘ hat.“
* Name von der Redaktion geändert
Beratungsstelle der Diakonie
Statistik
Etwa 20 000 Kinder im Landkreis Ludwigsburg leben mit einem suchtkranken Elternteil zusammen. Die häufigste Sucht ist dabei die Alkoholabhängigkeit. Die Kinder haben ein erhöhtes Risiko, ebenfalls an einer Sucht zu erkranken. Rund ein Drittel der Kinder werden im Laufe des Lebens selbst süchtig.
Angebote der Diakonie
Im Landkreis Ludwigsburg bietet die Diakonie mehrere Beratungsstellen an. In Bietigheim-Bissingen sollen die Projekte „Trampolin“ und „KieSel“ den Kindern helfen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Das Angebot rüstet die Kinder für ihre Zukunft und bringt sie mit anderen betroffenen Kindern zusammen. Informationen gibt es unter www.kdv-lb.de.