Weil die Situation auf dem Weinmarkt ernüchternd ist, probieren es Esslinger Erzeuger mit einer Ernüchterung des Produkts. Aber nicht alle sind überzeugt vom alkoholfreien Wein.
Die Situation auf dem Weinmarkt ist ernüchternd. Laut Deutschem Weininstitut sank die Menge des bundesweit verkauften Weins 2024 im Vergleich zum Vorjahr um vier Prozent. So wie fast jedes Jahr seit 2010. Erschwerend kommt hinzu: Der Anteil einheimischer Gewächse schrumpfte von über 50 auf nunmehr 41 Prozent. Absatz und Umsatz deutscher Weine gerieten anno 2024 überproportional um fünf beziehungsweise sechs Prozent ins Minus.
Beim Teamwerk, der Esslinger Weingärtnergenossenschaft, reagiert man auf die abnehmende Nachfrage und zunehmende Abstinenz mit Ernüchterung der Produkte: mit alkoholfreien Weinen. Ein Weißer und ein Rosé sind im Angebot, außerdem ein nullprozentiger Sekt. Denn der gesellschaftliche Trend geht weg vom Alkohol: „Viele junge Leute trinken überhaupt nichts Alkoholisches mehr“, stellt auch der unabhängige Esslinger Wengerter Adolf Bayer fest. Die Jungen sind Speerspitze eines Kulturwandels: Familienfeiern und sogar Partys „ohne Alk“ sind im Kommen. Und so geachtet früher das Viertele beim Geschäftsessen war, so geächtet ist es heute.
Im einstelligen Prozentbereich
Die Teamwerker sind da fein raus: „Wir haben viele Firmenveranstaltungen in der Mettinger Kelter“, berichtet Jochen Clauß, Wengerter und Genossenschaftsmitglied. Alkohol ist meistens tabu, „aber die Leute sind begeistert von unserem alkoholfreien Wein. Das ist doch was anderes als Traubensaft.“ Der Anteil der Nullprozenter am Gesamtumsatz bewege sich freilich „immer noch im einstelligen Prozentbereich. Aber mit steigender Tendenz.“ Das deckt sich mit Zahlen des Weininstituts: Sie verzeichnen für 2023 einen steilen Anstieg um 56 Prozent, aber auf der Basis eines deutschlandweiten Marktanteils von gerade mal einem Prozent. Beim Teamwerk „haben wir vor fünf Jahren mit 1000 Litern alkoholfrei pro Jahr angefangen, jetzt sind wir bei 5000. Die beiden Weine verkaufen sich gut, der Sekt sogar super.“ Von „Ladenhütern“ will Clauß jedenfalls nichts hören – zumal die entalkoholisierten Getränke eine begrenzte Haltbarkeit von rund zwei Jahren haben.
Dass die Nachfrage nach edlen Tropfen ohne Alkohol weiter zunimmt, glaubt auch Teamwerk-Geschäftsführerin Ramona Fischer. Dass damit die Rückgänge bei Absatz und Umsatz irgendwann einmal kompensiert werden können, glaubt sie nicht. Aber man will beim Teamwerk eben nicht wie das Kaninchen vor der Schlange auf die existenzbedrohende Krise starren, sondern laut Fischer „jede Chance nutzen, Produkte aus unseren Trauben zu vermarkten. Dazu sind wir als Genossenschaft mit neuen Ideen und Innovationsbereitschaft unterwegs.“
Dahinter steckt kein geringes Thema. Denn was Gesundheitsexperten und Krankenkassen jubeln lässt – die Abkehr vom Alkoholkonsum oder zumindest seine Reduzierung –, gefährdet in traditionellen Weingegenden wie Esslingen mit der Existenz der Betriebe auch das Landschaftsbild. „Wir können uns nicht auf das Kulturgut Wein mit Alkohol versteifen. Von der Tradition allein kann ich meine Familie nicht ernähren“, sagt Clauß.
Aber gerade das Kulturgut macht die Sache wieder schwierig. Kann der „Alkoholfreie“ bei anspruchsvollen Weinzähnen bestehen, die auch mal ein paar Euro mehr für die Flasche springen lassen? „Inzwischen ja“, sagt Clauß. „Nein“, hält Weingut-Inhaber Bayer dagegen. „Alkohol ist Geschmacksträger. Wenn er herausgezogen wird, schmeckt der Wein bitter, fad oder zu süß. Das kann ich mit meinem Wengertergewissen nicht vereinbaren.“ Auch Clauß sieht das Problem, verweist aber auf die Fortschritte bei der allerdings nach wie vor aufwendigen Entalkoholisierung. Da eine eigene Anlage (noch) nicht wirtschaftlich wäre, lassen die Esslinger ihren Wein im pfälzischen Edesheim auf Entzug setzen – „in einem neuen Verfahren der Vakuumdestillation, das Farbe und Aroma weitgehend erhält“, versichert Clauß. Auch Bayer will nicht ausschließen, dass „in zehn Jahren die Qualität deutlich höher ist“. Aber: „Ich muss da kein Pionier sein.“ Zumal sich nur hochwertiger Wein für die „trockene“ Variante eigne, die sich ohnehin erst ab einer größeren Menge rechne. Und zumal deren äußerst energieintensive Herstellung die CO2-Bilanz belaste.
Gehört die Zukunft dem Sekt?
Im Unterschied zum schädlichen Kohlendioxid ist Kohlensäure sehr nützlich, und zwar als prickelnder Geschmacksauffrischer der alkoholfreien Sekte. Über deren Qualität und Marktchancen ist man sich einig: Wie der Teamwerk-Spritz geht auch Bayers Kreation aus Traubensaft mit Quitte weg wie nix. „Für mich die Alternative zum alkoholfreien Wein“, sagt der Wengerter. Sekt – dank Kessler Esslingens Vergangenheit. Und jetzt auch die Zukunft?