Wo Alkohol leicht verfügbar ist, wird mehr getrunken Foto: dpa

Die Forscher waren vom Ergebnis selbst überrascht: Den Verkauf von Alkohol nachts zu verbieten, bringt etwas. Nicht alle Jugendlichen kaufen vorausschauend ein und umgehen so das Gesetz.

Stuttgart - Heftig debattiert und mitunter gar als nutzlos belächelt wurde 2010 der Vorstoß der schwarz-gelben Landesregierung, ein nächtliches Verkaufsverbot für Alkohol einzuführen. Das Ziel: Komasaufen unter Jugendlichen zu bekämpfen. Nun zeigt sich: Das Verkaufsverbot wirkt tatsächlich – die Zahl derjenigen jungen Erwachsenen, die mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden, ist nach Einführung des Verbots gesunken. Auch Krankenhauseinlieferungen aufgrund von Körperverletzungen im Zusammenhang mit Alkohol sind zurückgegangen. Das wiesen Jan Marcus vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Thomas Siedler vom Hamburg Center for Health Economics (HCHE) in einer kürzlich veröffentlichten Studie nach. Die Experten sehen in dem Baden-Württembergischen Ansatz ein interessantes Modell auch für andere Bundesländer.

Seit März 2010 dürfen Tankstellen, Supermärkte und Kioske im Land zwischen 22 Uhr abends und 5 Uhr morgens keinen Alkohol mehr verkaufen. Bundesweit ist Baden-Württemberg damit das einzige Land, in dem es ein nächtliches Verkaufsverbot gibt. Innerhalb von nicht einmal zehn Jahren hatten sich von 2002 bis 2010 zuvor die Zahlen der alkoholbedingten Krankenhausaufenthalte bei Jugendlichen in ganz Deutschland verdoppelt. In Baden-Württemberg stagnierte dieser Trend direkt nach Einführung des Verkaufsverbots und ist bis Ende 2011 bei jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 Jahren immerhin um sieben Prozent zurückgegangen. „In den anderen Bundesländern sind die Fälle der Jugendlichen, die alkoholbedingt ins Krankenhaus eingeliefert wurden, im selben Zeitraum weiter angestiegen. Durch diesen Vergleich sehen wir, dass das Verkaufsverbot in Baden-Württemberg in dieser Altersgruppe tatsächlich schon kurzfristig gewirkt hat“, sagt Jan Marcus vom DIW Berlin. Durch den Vergleich mit anderen Bundesländern, die zuvor ähnliche Zahlen aufwiesen wie Baden-Württemberg, schlossen die Forscher aus, dass andere Faktoren als das Verbot Einfluss nahmen. Allerdings: 2013 sind die Einlieferungen alkoholisierter Jugendlicher auch in den anderen Bundesländern gesunken.

Die Ergebnisse der Studie haben selbst die Autoren überrascht: „Aus klassischer ökonomischer Sicht würde man davon ausgehen, dass das Verbot nicht wirkungsvoll sein kann, weil die Jugendlichen sich den Alkohol ja einfach vor Verkaufstopp kaufen können“, sagt Marcus. „Das Verbot trifft also vor allem diejenigen, die abends schon etwas getrunken haben und ihren Konsum spontan fortsetzen wollen. Deren Nachschubkette wird durch das Verkaufsverbot unterbrochen.“ Auf Erwachsene ab 25 Jahren hat das Verbot allerdings keinen nachweislichen Effekt. Eine Rolle spielen könnte dabei den Forschern zufolge die Tatsache, dass Erwachsene mit eigener Wohnung und organisierterem Trinkverhalten nicht unbedingt nachts spontan Alkohol einkaufen .

Durch ihre Forschung konnten die Ökonomen des DIW und des HCHE belegen, dass die 2010 eingeführte Maßnahme wirksam war Auch aus ökonomischer Sicht ist das Phänomen des übertriebenen Alkoholkonsums schließlich relevant – immerhin ist exzessiver Alkoholkonsum nicht nur ungesund, sondern auch extrem teuer, und zwar für die ganze Gesellschaft.

In den 22 Monaten nach Erlass des Verbots konnten durch weniger Notfälle knapp 400 000 Euro Krankenhauskosten gespart werden, so die Autoren der Studie. Dazu kommt, dass Betrunkene oftmals aggressiv und risikofreudig sind, und so mitunter eine Gefahr auch für andere Menschen darstellen. Ganz abgesehen von den langfristigen gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums.

Die baden-württembergische Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) zeigte sich erfreut ob der positiven Ergebnisse der Studie: „Das nächtliche Alkoholverkaufsverbot in Baden-Württemberg ist ein wichtiger Baustein in unserem Gesamtkonzept, mit dem wir junge Menschen vom Komasaufen abhalten wollen.“ Ob allerdings allein das Verkaufsverbot für die positive Entwicklung ausschlaggebend war, sei schwierig zu beurteilen. „Der beste Weg, um Jugendliche von übermäßigem Alkoholkonsum abzuhalten, ist ein Mix aus vielfältigen Präventivmaßnahmen einerseits und entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen andererseits“, so die Ministerin..

Dass auch Aufklärung wirken kann, zeigt der Bundesvergleich: Auch ohne Verkaufsverbot gingen die Zahlen jugendlicher Komasäufer 2013 erstmals auch in anderen Ländern zurück. Laut Statistischem Bundesamt wurden in diesem Jahr bundesweit fast 13 Prozent weniger alkoholisierte Jugendliche bis 19 Jahre ins Krankenhaus eingeliefert als noch im Vorjahr. Dennoch bleibt Baden-Württemberg weiter Vorreiter: Hier liegt die Zahl nach wie vor deutlich darunter. Insgesamt wurden 2013 im Land 3266 Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre wegen übermäßigen Alkoholkonsums eingeliefert.

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