Wer alt ist und Tabletten schluckt, sollte beim Umgang mit Alkohol lieber aufpassen. Foto: dpa

Ein Gläschen in Ehren – so denken viele Menschen. Auch im Alter. Doch gerade Senioren kann Alkohol mehr schaden als jungen Menschen, warnen Experten bei einer Ernährungsfachtagung in Hohenheim. Das liegt vor allem an dem Zusammenspiel mit Medikamenten.

Ein Gläschen in Ehren – so denken viele Menschen. Auch im Alter. Doch gerade Senioren kann Alkohol mehr schaden als jungen Menschen, warnen Experten bei einer Ernährungsfachtagung in Hohenheim. Das liegt vor allem an dem Zusammenspiel mit Medikamenten.
Stuttgart - Warum schadet Alkohol im Alter mehr?
Der Mensch wird alt. Das zeigt sich an den Falten, an den grauen Haaren und den beginnenden Zipperlein. Aber auch die Organe werden älter und empfindlicher – gerade in Bezug auf Alkohol. „Im Alter baut der Körper Alkohol langsamer ab“, sagt Helmut Seitz, Leiter des Zentrums für Alkoholforschung der Universität Heidelberg, bei der Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Sektion Baden-Württemberg. Die Leber braucht für den Alkoholstoffwechsel länger, was dazu führt, dass die Wirkung von Bier und Wein länger anhält. Das Reaktionsvermögen bleibt also längere Zeit beeinträchtigt, ebenso die Koordination. Die Gefahr von Stürzen steigt. Hinzu kommt, dass aufgrund des schlechteren Abbauprozesses auch die Organe mehr geschädigt werden als in jungen Jahren. „Man muss sich im Klaren sein, dass man die Mengen Alkohol, die man im Alter von 40 Jahren noch gut vertragen hat, als 80-Jähriger eben nicht mehr trinken kann“, sagt Seitz.
Was verursacht Alkohol für Wechselwirkungen mit Medikamenten?
Ein Großteil der Menschen, die älter als 65 Jahre sind, müssen Medikamente einnehmen – sei es, um den Blutdruck zu senken, das Herz zu stärken oder nachts besser schlafen zu können. „Alkohol kann die Wirkung dieser Arzneimittel beeinträchtigen“, sagt der Alkoholforscher Helmut Seitz. Und das auf unterschiedliche Weise: Nimmt beispielsweise jemand seine Medikamente ein, kurz nachdem er ein Glas Bier oder Rotwein getrunken hat oder sogar währenddessen, kann der Alkohol die Wirkung der Arznei verstärken. So erzählt Seitz von einem Fall einer alkoholisierten 64-Jährigen, die nach einer Weihnachtsfeier nach Hause kommt und vor dem Schlafengehen noch ein Antidepressivum einnimmt. „Wenig später musste sie im komatösen Zustand ins Krankenhaus eingeliefert werden.“
Alkohol kann aber auch den Abbau von Medikamenten beschleunigen. Das ist dann der Fall, wenn abends Wein oder Bier getrunken wird und man am Morgen die Tablette gegen zu hohen Blutdruck oder Vorhofflimmern einnimmt. „Die Verstoffwechselung ist zu diesem Zeitpunkt aufgrund des Alkohols noch so im Gange, dass die Medikamente ebenfalls schneller abgebaut werden“, sagt Seitz. Die Folge: Die Medikamente wirken auf Dauer nicht mehr richtig, und die Dosis muss immer weiter erhöht werden.
Eine weitere Gefahr ist, dass Alkohol in Verbindung mit bestimmten Medikamenten Giftstoffe bilden kann: Das fiebersenkende Medikament Paracetamol wird dabei zu hochtoxischen Stoffwechselprodukten abgebaut, die auf Dauer eine schwere Lebernekrose herbeiführen können.
Kann Alkohol auch bei manchen Krankheiten förderlich sein?
Rotwein ist gut fürs Herz – so lautet eine altbekannte Regel, die aber nur der halben Wahrheit entspricht, warnt der Alkoholexperte Helmut Seitz. So gibt es viele Studien, die eine positive Wirkung von etwa einem achtel Liter Alkohol am Tag auf Herzpatienten belegen. Ebenso bei Menschen, die schon einmal einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten oder zu hohe Cholesterinwerte haben. „Das gilt nur für diese Leiden“, sagt Seitz. Hat man noch eine Lebererkrankung, schadet das tägliche Gläschen der Gesundheit mehr, als dass es nutzt.
Die Theorie, nach der geringe Alkoholmengen auch das Demenz-Risiko bei älteren Menschen reduzieren sollen, sehen die Experten der Hohenheimer Tagung allerdings kritisch. Diese hatten Forscher der Erasmus University Medical School in Rotterdam aufgestellt. Doch Siegfried Weyerer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim warnt: „Es kommt immer auf die Dosis an.“ Er untersuchte in einer Langzeitstudie den normalen Alkoholkonsum von mehr als 3000 über 75-Jährigen. Er kam zwar ebenfalls zu dem Schluss, dass „moderater Alkoholkonsum für alle demenziellen Erkrankungen mit einem signifikant niedrigeren Demenzrisiko assoziiert ist“. Letztendlich, so Weyerer, kann man allerdings nicht die förderliche Menge Alkohol benennen. „Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.“ Zu viel sei nicht gut: So gilt es als erwiesen, dass starker Alkoholkonsum zu Demenz führen kann.
Warum fällt der Alkoholverzicht so schwer?
Alkohol macht glücklich, lautet die schlichte Antwort von Derik Hermann vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim. Denn er führt zu einer Ausschüttung von Endorphinen, die sich im Gehirn an Rezeptoren binden und ein Glücksgefühl auslösen. Trinkt man jedoch immer weiter, und das immer regelmäßiger, kommt es zu einer Überreizung der Rezeptoren. Das Gehirn baut daher Rezeptoren ab. Das führt zum einen dazu, dass – sobald der Alkohol weggelassen wird – es zu einer Unterversorgung und damit zur Depression kommt. „Aber auch andere Verhaltensweisen, die ebenfalls Glücksgefühle auslösen könnten wie beispielsweise Sport, sind zu schwach, um den gleichen Effekt hervorzurufen.“
Mit der anfänglich positiven Wirkung von Alkohol wird im Gehirn ein Lernvorgang in Gang gesetzt: „Es will immer wieder diesen glücklichen Zustand erreichen“, sagt Hermann. „Da reicht das Aussehen der Bierflasche oder das Ploppen des Sektkorkens aus, um Verlangen auszulösen“, sagt Hermann.
Zudem bewirkt Alkohol, dass die Vernunft an Einfluss verliert und das triebhafte Verhalten die Oberhand gewinnt. Von den Gehirnregionen, in denen Moral und Werte verarbeitet werden, ziehen hemmende Nervenbahnen zu den Bereichen, die für die Impulsivität und Triebe zuständig sind. Alkohol setzt diese hemmende Wirkung der Nerven außer Kraft. So führt Alkohol zu einer lockeren, spaßorientierteren Einstellung, die vor allem in Stresssituationen als wohltuend empfunden wird. „Andere stressabbauende Methoden wie Entspannungsübungen oder Mediation erfordern mehr Disziplin und Zeit.“ Mit Alkohol lässt sich dies bequemer erreichen.
Allerdings gibt es Hilfe beim Verzicht auf Alkohol – psychologische und auch medizinische. Und diese, so betont Hermann, greift auch in jedem Alter.

Infos und Hilfen bei Sucht und Alter gibt es im Zentrum für Seelische Gesundheit in Stuttgart, Krankenhaus Bad Cannstatt, Prießnitzweg 24; Telefon 07 11 / 27 82 30 15, www.klinikum-stuttgart.de und bei der Landesstelle für Suchtfragen Stuttgart, Stauffenbergstraße 3, 07 11 / 6 19 67 31, www.suchtfragen.de.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: