Drei Wochen Ausnahmezustand, Tausende Maß Bier und ein Ritual, das kaum hinterfragt wird. Das Stuttgarter Frühlingsfest zeigt, wie widersprüchlich unser Umgang mit Alkohol ist.
Es ist ja immer etwas scheinheilig, einen kritischen Text über Alkohol zu schreiben, wenn man selbst nicht abstinent lebt. Und selbstverständlich auch reichlich überflüssig, wenn man mal bedenkt, wie viele schlaue Menschen in den letzten Jahrhunderten über den Rausch als Abgrund und als Muse geschrieben haben.
Jack London seziert in seinem autobiografischen Roman „König Alkohol“ seinen Konsum, macht ihn für seinen Erfolg, aber auch für viel Leid verantwortlich. Hunter S. Thompson, Charles Bukowski, Jack Kerouac und tausende andere haben Elegien und Brandbriefe an unser aller liebstes Nervengift geschrieben.
Denn Fakt ist: Auch wenn ich zugebe, dass ich gern Alkohol trinke, auch wenn ich, wie wahrscheinlich jeder andere, behaupte, meinen Konsum im Griff zu haben, muss man sich doch in aller Ehrlichkeit fragen: Stimmt das denn alles so wirklich? Oder trinken wir nicht alle einfach viel zu viel und lügen uns selbst in die Tasche?
„Kenn dein Limit“ – und dann?
„Kenn dein Limit“, lautet ja einer dieser klugen Sprüche. Abgenudelt regelrecht, dabei steckt insbesondere mit dem derzeitigen Frühlingsfest sehr viel Wahres in dieser Plattitüde. Auf ein typisches Bierzelt an einem typischen Tag am Stuttgarter Frühlingsfest angewendet, fällt schnell auf, dass viele dieses Limit nicht kennen. Oder es beherzt ignorieren. Ein Prosit der Gemütlichkeit und all das – da muss man sich ja mal nicht so haben. Wasen ist nur zweimal im Jahr.
Die Schattenseiten der Feierkultur
Mein Problem mit den zumeist männlichen Kampftrinkern ist dabei nicht mal per se, dass sie sich besinnungslos saufen und sich gesundheitlich erheblichen Schaden zufügen. Peer Pressure, Geltungsdrang oder toxische Männlichkeit hin oder her – da sind sie im Grunde einfach selbst schuld.
Nee, was mich stört, ist, dass diese Alkoholleichen noch für die nächsten rund zwei Wochen die Stadtbahnen, U-Bahnen und Innenstädte pflastern. Es riecht nach Erbrochenem, Urin und Döner, es kommt zu sexuellen Übergriffen, die Enthemmung sorgt allgemein dafür, dass die Vasallen von König Alkohol jedweden Benimm einfach wenig würdevoll beiseite trinken.
Kulturgut oder kollektive Verharmlosung?
Also was nun? Ist „kenn dein Limit“ okay? Ist es okay, am Feierabend das eine oder andere Bier, im Restaurant eine Flasche Wein, beim Brunch zwei Gläser Sekt zu trinken? Fest steht: Wir alle verharmlosen Alkohol viel zu sehr, sehen ihn als Kulturgut, oftmals auch als Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält, als Belohnung. Das ist natürlich sehr trügerisch.
Zwischen Kneipe und Verantwortung
Aber am Ende des Tages bleibe ich dabei: Viele Menschen wären ohne ihre Eckkneipe verloren. Es ist eben ein wenig wie mit den Tauben. Wir Menschen haben sie in unser Leben geholt, haben sie domestiziert, als Boten und Kriegshelfer benutzt – nur um sie jetzt zu verstoßen und zu verteufeln.
Da benötigt es eine langfristige Strategie. Genau so wie beim Alkohol. Doch ihn einfach zu verteufeln und damit auch eine jahrtausendealte Kulturgeschichte wie den Weinbau an den Pranger zu stellen, greift viel zu kurz.