Alison Moyet am Donnerstagabend im Wizemann Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Stimmlich respektabel gereift, musikalisch überraschend modern: Alison Moyet mischt im Wizemann gekonnt Elektrochansons und Synthiepophits. Allerdings lässt sie manche Repertoire-Perle vermissen.

Stuttgart - Dass auch die Stimme von Alison Moyet nach knapp vierzig Jahren im Musikbusiness ein wenig an Höhenglanz verloren hat, ist bei ihrem Konzert im Wizemann keine Überraschung. Eine der drei, vier großen englischen Soulpopsängerinnen neben Annie Lennox und Adele (die unvergleichliche Amy Winehouse musizierte ohnehin in ihrer eigenen Liga) ist die inzwischen 57-Jährige aus Essex dennoch geblieben – das Prädikat „respektabel gereift“ gebührt ihrem voluminösen Organ allemal.

Wie zeitlos-modern ihre Musik auch heute noch klingt, verblüfft allerdings schon. Natürlich: Es ist die Modernität der junggebliebenen Überlebenden der 80er Jahre und nicht die bisweilen flippige bis dekonstruktivistische Klangsprache der aktuellen Popgeneration, der die rund eintausendeinhundert Fans am Donnerstagabend begegnen, aber das mindert das Überraschungsmoment kein bisschen. Dass sich Alison Moyet stilistisch treu geblieben ist, sich von ihrem angestammten Genre des Elektropop formal nicht grundlegend entfernt hat ist, taugt dabei nur bedingt als Erklärung für die Frische ihrer Musik, denn unterm Strich liegen kleine Welten zwischen dem Sound ihrer Anfangsjahre und ihrem aktuellen Werk.

Die Besetzung ist irritierend klein

Sehr direkt treffen diese Klanglandschaften im Wizemann-Saal aufeinander – was die Unterschiede nur noch deutlicher macht. Fast niedlich-verspielt klingen da Hits aus einstigen Yazoo-Zeiten wie „Only You“ oder das schon früh im Programm platzierte „Nobody’s Diary“, komponiert 1982/83 in der seinerzeit kongenialen Konstellation mit Vince Clarke, dem Mozart des britischen Synthiepop und Großmeister der kleinen Keyboardmelodie. Dem gegenüber stehen die deutlich dichter gemauerten, zerklüfteteren und dunkleren Songs der Alben „The Minutes“ (2013) und „Other“ (2017), die beide mit etlichen Titeln vertreten sind.

Inszeniert wird all das in allerdings fast irritierend kleiner Besetzung. In „The English U“ etwa hört man ein beinahe filmmusikalisches, an einen James-Bond-Soundtrack erinnerndes Arrangement – doch lediglich zwei Begleitmusiker bevölkern die Bühne, die munter programmierte Scheinwerferfächern, Leuchtgiraffen und Neonröhren hübsch kühl-romantisch ausleuchten. Dieses Duo bleibt zwar ungenannt, hinterlässt aber durchaus bleibende Eindrücke: Der Mann an den Keyboards fieselt eine imposante Palette an Melodien, Loops und Effekten aus den Tasten und glänzt zudem an Gitarre und Bass, der Kollege am Schlagzeug assistiert mit wohldosierten Syndrum-Beats. Reizvoll tönt das etwa in „All Cried Out“, das zwar – lag es an einer kurzfristig ausgefallenen Monitorbox? – erst im zweiten Anlauf gelingt, dann aber spannend TripHop-nah seine Kreise zieht, um dezent technoid auszuklingen.

Das Programm hat ein paar Lücken

Nach intensiven elektronischen Chansons und flotten Synthiedisco-Songs wie „Love Ressurection“ und „Situation“ fällt, ziemlich berechenbar, der Vorhang mit dem Evergreen „Don’t Go“ – gefeiertes Finale eines feinen Konzerts, das gleichwohl diverse Lücken offenbarte. In die Rubrik „verzweifelt gesucht“ fielen etwa „Invisible“, „Is this love?“ „That ole Devil called Love“ oder „Weak in the Presence of Beauty“ – Repertoire-Perlen, die diesem Set gut zu Gesicht gestanden hätten und für die im 90-minütigen Programm ohne Weiteres noch Platz gewesen wäre.

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