Der aktuelle Titel der „Emma“ würdigt die Gründerin Alice Schwarzer, die Nina Gummich in dem TV-Zweiteiler spielt. Foto: Emma

Sie war zeitweise die am meisten gehasste Frau Deutschlands. Nun wird Alice Schwarzer achtzig und vom Fernsehen gefeiert, unter anderem mit einem Spielfilm. Ist die Feministin und Publizistin im Mainstream angekommen?

Alice Schwarzer hat mit ihrem Kampf für Gleichberechtigung viel bewegt. Im Interview sagt sie, wie sie die junge Frauengeneration sieht, warum sie nicht mit den Rechten in einen Topf geworfen werden und was sie noch erreichen will.

 

Frau Schwarzer, Sie waren zeitweise eine der am meisten gehassten Frauen Deutschlands. Wie fühlt es sich an, jetzt in einem TV-Film gewürdigt zu werden?

Es ist ja durchaus ein gewagtes Unterfangen, 13 Jahre seines Privatlebens so auszuliefern. Mir war darum recht bang zumute. Aber nachdem ich den Film gesehen habe, muss ich sagen: Er trifft es! Allen voran Nina Gummich, deren Spiel bis in die Gesten sehr dicht an mir dran ist, vor allem aber von innen her. Doch auch Bruno und die Anfänge der Frauenbewegung stimmen. Denn es geht in diesem Film ja nicht nur um mich, sondern auch um den Zeitgeist. Diese aufregenden Jahre der späten 60er und 70er: der Aufbruch! Der Übermut! Die Hoffnungen!

Sie scheinen schon als junge Frau mutig gewesen zu sein, aber auch stur und hart. Wären Sie manchmal gern anders gewesen?

Stur und hart? Das sind Eigenschaften, die mir doch sehr fremd sind. Ganz ehrlich: Ich bin gerne so, wie ich bin. Ich bin mir ja, wie man auch im Film sieht, ziemlich treu geblieben. Sollten Sie die Szene meinen, in der ich deutschen Feministinnen sagen muss, dass ihre pseudomarxistischen, lebensfernen Texte nicht zur Veröffentlichung geeignet waren – der Lektor von Rowohlt, dem ich die Texte trotzdem gegeben habe, hat mich ausgelacht, noch Jahre danach.

Sie bekamen nicht nur Gegenwind von Männern, sondern auch von Frauen aus den eigenen Reihen. Dachten Sie nie: Rutscht mir den Buckel runter?

Ja, klar doch. Andererseits: Differenzen innerhalb politischer Bewegungen sind normal. Das muss man aushalten.

Sie haben an vielen Fronten gekämpft – gegen das Abtreibungsverbot, Pornos, Klitorisbeschneidung. Worauf sind Sie im Rückblick besonders stolz?

Besonders stolz bin ich darauf, dass ich so vielen Menschen Mut zu eigenem Widerstand gemacht habe und noch mache. Vielen Frauen, aber auch so manchem Mann.

Glauben Sie, dass Frauen immer noch benachteiligt sind?

Glauben ist gut. Etwa jede dritte Frau ist heute Opfer von Gewalt, in der eigenen Beziehung. Noch immer sind Frauen in Deutschland, dem Land der Rabenmütter, hauptzuständig für die Arbeit in der Familie, machen darum Teilzeit im Beruf – und marschieren stramm auf die Altersarmut zu. Um nur zwei Punkte der strukturellen und epidemischen Benachteiligung von Frauen zu nennen.

Wie sehen Sie die junge Generation der Frauen?

Das ist eine Generation im Umbruch und im Widerspruch. Einerseits erhalten die Enkelinnen der Pionierinnen die Botschaft, sie könnten auch Astronautin oder Kanzlerin werden. Andererseits suggerieren ihnen nicht nur die Influencerinnen, sie sollen vor allem ,begehrenswert’, schlank und glatthäutig sein. Und konsumieren, das mache glücklich. Sie haben es nicht einfach, die jungen Frauen!

Haben die Männer dazugelernt?

Ja, unbedingt. Sehen Sie doch nur die vielen Männer mit Kinderwagen auf der Straße! Es hat sich was getan. Aber noch lange nicht genug. Die Frauen selber müssen auch wählerischer werden. Sie sollten die Machos einfach aussterben lassen.

Sie haben zuletzt Schlagzeilen gemacht wegen Steuerhinterziehung, Ä rger in dem Gerichtsprozess gegen Kachelmann. Wie passt das zu der wackeren Kämpferin für Gerechtigkeit?

Nun ja, nicht versteuerte Zinsen eines Kontos sind eine andere Nummer als das, was wir sonst so lesen ... Trotzdem war es natürlich ein Fehler. Was Kachelmann angeht: Ich denke, das würde heute, nach MeToo, anders diskutiert werden als damals. Ich habe gegengehalten, weil die sogenannten Leitmedien das mutmaßliche Opfer noch vor dem Prozess als „Lügnerin“ verurteilt hatten. Und nach acht Monaten Prozess kam der Richter zu dem selben Schluss wie ich. Er hat Kachelmann freigesprochen, aber nicht rehabilitiert, hat in der Urteilsverkündung gesagt: Es kann sein, dass er die Wahrheit sagt – es kann aber auch sein, dass er lügt und die Frau die Wahrheit sagt. Also Ende offen.

Ihre Äußerungen über Islam, Migranten, Kopftuch ähneln rechten Stimmen. Stört Sie das nicht?

Ich kann meine politische Haltung in fundamentalen Fragen nicht von dem abhängig machen, was Rechte sagen. Wenn die sagen: Die Sonne geht morgens auf und abends unter, dann stimmt es einfach. Mal ganz davon abgesehen, dass es auch in diesen Fragen meilenweite Unterschiede gibt zwischen den Positionen gewisser Rechter und mir.

Auch Ihre kritische Haltung zu Geschlechtsanpassungen bei Transidentität wurde von Links angegriffen. Sind Sie konservativ geworden?

Ganz im Gegenteil. Die Hilfe für echte Transsexuelle ist selbstverständlich, dafür setze ich mich ja schon seit 1984 ein. Da kannten die meisten noch nicht einmal das Wort. Aber die heutige Propaganda der Transideologen ist tief reaktionär. Das finden auch viele Transsexuelle. Denn sie ist erstens strikt binär, also: Man kann nur Frau oder Mann sein und nichts dazwischen. Und sie ist zweitens gemeingefährlich, vor allem für die pubertierenden Mädchen, die künftig schon ab 14 das Geschlecht sollen wechseln können – inklusiver gefährlicher Hormonbehandlungen und operativer Verstümmelungen. Das ist skandalös. Einen solch ernsten Schritt sollte man frühestens mit 18 tun können, und Psychologen und Mediziner müssen nach den Gründen fragen dürfen.

Gibt es etwas, was Sie noch gern erreichen würden?

Ja, die Abschaffung der Gewalt! An der Kriegsfront und in den Ehebetten.

Person und Werk

Leben
Alice Schwarzer besuchte die Handelsschule, lebte zeitweise in Paris und begann ihre Karriere 1969 als Reporterin bei der Zeitschrift „Pardon“. 1977 gründete sie die „Emma“, deren Verlegerin und Chefredakteurin sie bis heute ist.

Bücher
„Der kleine Unterschied“ machte Alice Schwarzer berühmt. Inzwischen hat sie zahllose Bücher veröffentlicht, zuletzt mit Chantal Louis seine Streitschrift zu Transsexualität. Passend zum Geburtstag ist dieser Tage „Mein Leben. Lebenslauf & Lebenswerk“ (Kiepenheuer & Witsch, 736 S., 28 Euro) erschienen.

Themenabend
Die ARD zeigt den Zweiteiler „Alice“ am 30. November um 20.15 und um 21.45 Uhr. Um 23.35 Uhr läuft die Dokumentation „Die Streitbare – Wer hat Angst vor Alice Schwarzer?“. Alle Beiträge sind bereits in der ARD-Mediathek abrufbar.