Die Geschäftsführerin der Alexander-Stifts, Gaby Schröder (Mitte), erkundigt sich nach Wünschen von Bewohnerinnen des Gemeindepflegehauses Korb. Foto: Gottfried Stoppel

Das Alexander-Stift will mit einer Kampagne auf die prekäre Situation in der Pflege aufmerksam machen. Wegen Fachkräftemangels könnten schon jetzt viele Seniorenheimplätze nicht belegt werden.

Maskenzwang, Infektionsschutzmaßnahmen, Zugangskontrollen, Quarantäne ganzer Einrichtungen, Verzicht im Privatleben, um das Virus nicht ins Pflegeheim einzuschleifen, das ständige Testen, Ausfälle von Kollegen und natürlich auch Todesfälle von Patienten: mehr als zwei Jahre Corona hat viele Beschäftigte in der Pflege ausgelaugt. Doch Zeit zum Durchschnaufen ist nicht in Sicht. „Die ohnehin zum Teil prekären Rahmenbedingungen haben sich durch die Pandemie noch verschärft“, sagt Gaby Schröder, die Geschäftsführerin des Alexander-Stifts, das im Rems-Murr-Kreis und anderen Landkreisen mehrere Einrichtungen der Altenpflege betreibt. Das Maß sei übervoll, weil es schon vor Corona voll gewesen sei, sagt sie.

 

Interessenten für Pflegeplätze müssen abgewiesen werden

Leidtragende seien nicht nur die Mitarbeiter. Die aktuelle Situation und der sich zuspitzende Fachkräftemangel führten dazu, dass Plätze in Altenpflegeheimen nicht mehr belegt werden könnten, obwohl sie eigentlich verfügbar wären – Angehörige, die dringend einen Platz suchten, müssten vertröstet werden.

Rund 800 Zimmer hätte das Alexander-Stift in seinen Pflegeheimen eigentlich zur Verfügung. 120 davon indes darf die Einrichtung nicht belegen, weil die verlangte Fachkräftequote mangels Bewerber sonst nicht eingehalten werden kann – auch wenn in Einzelfällen ein Kompensieren mit erfahrenem Hilfspersonal gut möglich wäre.

Ausländischen Fachkräften, die bereit wären, die Lücke zu schließen, würden hohe bürokratische Hürden in den Weg gestellt. Und die Ausbildung zur Pflegefachkraft hierzulande könne seit ihrer jüngsten Reform nicht mehr mit dem Abschluss mittlere Reife absolviert werden. Nicht nur für Gaby Schröder ist deshalb klar: „Es ist höchste Zeit, gemeinsam mit den Altenhilfeträgern die Rahmenbedingungen zu verändern.“

Seit Mittwoch sind an verschiedenen Häusern des Alexander-Stifts große Aktionsbanner angebracht, die auf die Situation aufmerksam machen sollen. „Was ist uns die Pflege wert? Das Maß ist voll“ ist darauf zu lesen. Denn neben einer Lösung der strukturellen Probleme brauche es auch mehr Unterstützung und Wertschätzung für die durch Corona bedingten Herausforderungen, meint Gaby Schröder.

Die Arbeit kann nicht einfach geschoben werden

Im Gemeindepflegehaus in Korb, in dem das Alexander-Stift 39 Pflegeplätze in drei Hausgemeinschaften anbietet, müssen zurzeit sechs Plätze freigehalten werden, weil sonst die Fachkräftequote nicht erreicht würde. Corona habe die Arbeitssituation wegen der zusätzlichen Aufgaben und Auflagen verschärft, bestätigen Mitarbeiter dort. „Wir machen eine Arbeit, bei der man bei personellen Engpässen nicht einfach sagen, kann, das schieben wir auf den nächsten Tag“, sagt eine junge Frau, die im hauswirtschaftlichen Bereich tätig ist. Kritisch werde es zum Beispiel, wenn die für die Nacht eingeteilte Fachkraft etwa wegen Krankheit ausfalle, ergänzt eine Kollegin aus dem Pflegebereich. Man müsse schließlich eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung gewährleisten, egal ob Tag, Nacht, Wochenende oder Feiertag.

Leonardo Linardi hat durch ein Praktikum in der Realschulzeit, das er im Gemeindepflegehaus Korb absolviert hat, seine Berufung gefunden. Der 24-Jährige ist dort mittlerweile zur stellvertretenden Pflegedienstleitung aufgestiegen, parallel dazu macht er eine Weiterbildung, die ihn zum Chefposten qualifiziert. Natürlich wäre eine bessere Bezahlung für Pflegekräfte wünschenswert, sagt der junge Mann, doch das ausschlaggebende Kriterium für ein zufriedenstellendes Arbeitsumfeld ist das Geld seiner Meinung nach nicht. Mehr Zeit, die man dem einzelnen Bewohner widmen könnte, wäre für ihn viel wichtiger. Doch diese werde von immer mehr bürokratischen Anforderungen aufgefressen.

Eine kleine Umfrage unter etwas mehr als einem halben Dutzend seiner Kollegen bringt schließlich eine ähnliche Antwort. Was würden Sie ganz oben auf die Wunschliste schreiben, wenn Sie die Möglichkeit hätten, eine solche dem Bundeskanzler zu unterbreiten? „Dass er mal drei Wochen ein Praktikum bei uns macht. Dann sieht er direkt, wo es klemmt“, sagt eine Pflegekraft. Die anderen nicken zustimmend.

Wissenswertes zum Alexander-Stift

Einrichtung
 Das Alexander-Stift ist als Anbieter der Altenhilfe an 22 Standorten in sechs Landkreisen vertreten. Das Tochterunternehmen der Diakonie Stetten bietet rund 800 Pflegeplätze an.

Kampagne
 Die Banner-Aktion ist Teil der Kampagne „WertVoll - 5 nach 12“, mit der verschiedene Vertreter der Pflege auf die prekäre Situation in der Pflege aufmerksam machen wollen und ihre Forderungen vor Ort an die Gesellschaft und die politisch Verantwortlichen adressieren.