Nach Jahren der Wanderschaft würde Alexander Merkel in Bochum gerne heimisch werden. Foto: Bongarts

Mit dem AC Mailand ist Alexander Merkel einst Meister geworden, mit dem VfL Bochum gastiert er nun beim VfB Stuttgart. Die Karriere des einstigen Wunderkinds ist skurril – irgendwo muss der Mittelfeldspieler die falsche Abfahrt genommen haben.

Bochum/Stuttgart - Die Reise über die Alpen hat Alexander Merkel mit leichtem Gepäck angetreten. Nur einen Rucksack trug er auf den Schultern, als er im Sommer aus Pisa in Bochum eintraf. Den Rest für die ersten Tage in der neuen Heimat steuerte sein Vater bei, der aus Stuttgart herbeieilte. Alles musste ganz schnell gehen, wie so oft im Leben des Fußballprofis, der erst 25 ist und trotzdem schon fast alles erlebt hat.

Alexander Merkel, in Kasachstan geboren, im Westerwald aufgewachsen, mit elf zum VfB gewechselt und mit 16 zum AC Mailand, galt einmal als eines der größten Mittelfeldtalente Deutschlands. Dass er an diesem Freitag (18.30 Uhr) als Ersatzspieler des VfL Bochum zu seinem Ausbildungsverein nach Stuttgart zurückkehrt, zeigt wieder einmal: Nicht aus jedem Wunderkind wird ein Weltstar, auch wenn Träume schon ganz früh in Erfüllung gehen.

Merkel stand mit Ibrahimovic, Pirlo und Robinho auf dem Platz

Mit 18 debütierte Merkel in der Champions League und wurde ein halbes Jahr später italienischer Meister. Idole wie Zlatan Ibrahimovic, Andrea Pirlo und Ronaldinho waren seine Mitspieler, als „Baby-Genie“ wurde „der blondeste Milan-Spieler seit Schnellinger“ (FAZ) gefeiert. Auf Youtube gibt es noch ein Interview von damals, da hört man ihn Sätze sagen wie diese: „Ich lebe meinen Traum. Ich will ein Star werden. Ich will die Champions League gewinnen. Ich will für immer bei Milan bleiben.“

Doch ist der Fußball kein Wunschkonzert, schon gar nicht in Italien, wo Profis vor allem eines sind: Spekulationsobjekte, die verkauft, verliehen und verschoben werden. „Ich habe kuriose Dinge hinter mir“, sagte Merkel einmal im Rückblick: „Ein Mitspracherecht hat man meist nicht, den Wechsel entscheiden die Präsidenten der Clubs oft unter sich. Das ist brutal.“

Von Mailand ging es nach Genua und wieder zurück, er kam nach Udinese und wurde über Nacht zum FC Watford transferiert, der den gleichen Besitzer hat wie Udinese, wohin Merkel bald zurückgeschickt wurde. Zwischendurch landete er bei den Grashoppers Zürich und im vergangenen Sommer in Pisa. Allerdings nur für wenige Wochen, weil Trainer Gennaro Gattuso, der seinen ehemaligen Milan-Mitspieler geholt hatte, noch vor Saisonbeginn im Streit zurücktrat. Auch für Neuzugang Merkel war damit kein Platz mehr, noch ehe er sein erstes Spiel bestreiten konnte.

Zur rechten Zeit kam die Anfrage aus Bochum, „eine tolle Alternative“. Zum Nulltarif bekam der VfL den Wandervogel wider Willen, für den zuvor viele Millionen Euro hin- und hergeschoben worden waren. Bei 6,5 Millionen lag einst die Ablöse für Merkel, dessen Transferhistorie mit 25 Jahren nicht weniger als elf Wechsel umfasst. „Dabei braucht doch jeder Spieler eine gewisse Zeit bei einem Verein, um sich einzuleben und wohl zu fühlen“, sagt Merkel, dem freilich nicht allein die Zeit fehlte. Sondern wohl auch ein bisschen Klasse. Ein Spielmacher alter Prägung ist er, mit erstklassiger Technik – und Defiziten im Tempo und Durchsetzungsvermögen.

Joachim Löw hatte Merkel auf seinem Zettel - VfL Bochum bekommt ihn zum Nulltarif

Im September 2015 wurde er immerhin Nationalspieler – allerdings auch das eher ein Schritt zurück. Das Trikot seines Geburtslandes Kasachstan trug Merkel zum ersten und bislang einzigen Mal, nachdem er zuvor seit der U 15 sämtliche Junioren-Auswahlteams des DFB durchlaufen hatte. Auch bei Joachim Löw war sein Name „auf dem Zettel“ gestanden, wie Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff vor Jahren beim Juniorcup in Sindelfingen verkündete. Kurz darauf begann Merkels Odyssee.

In Bochum würde er nun gerne endlich heimisch werden. Sein Vertrag läuft bis 2018. Das Stadion, das Trainingsgelände, das Umfeld, die Stimmung in der Mannschaft, all das gefällt Merkel. Es gibt nur ein Problem: Er stand erst sechsmal in der Startelf. Die vergangenen drei Partien verbrachte er komplett auf der Ersatzbank. Wenn es so weitergeht, muss er vermutlich bald wieder seinen Rucksack schultern.

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