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Graf steckt in der Zwickmühle – Die lukrativen, aber riskanten Duelle gibt es nur im Ausland.

Stuttgart - Zumindest am Donnerstag gab es für Alesia Graf einen Grund zur Freude. Mit ihrem Management und ihren Sponsoren feierte die Box-Weltmeisterin in einem Stuttgarter Restaurant ihren 30. Geburtstag, am Abend folgte die Party im privaten Kreis. Beim Blick in die Zukunft plagen sie dagegen derzeit Sorgen.

Alesia Graf hat eine klare Priorität: Das Training steht über allem. Und so holte sie auch am Donnerstagvormittag alles aus sich heraus. Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne einen Blick auf die Uhr. Die Gäste ihrer Geburtstagsfeier mussten sich eben ein paar Minuten gedulden. Denn die ehrgeizige Box-Weltmeisterin will dieser Tage stets durchtrainiert und kampfbereit sein - damit sie nicht denselben Fehler wie vor wenigen Wochen noch einmal begeht.

Denn da erlitt die in Weißrussland aufgewachsene Stuttgarterin vor lauter Übereifer einen herben Rückschlag. Ihr langjähriger Boxstall Universum hatte Graf zuvor aufs Abstellgleis geschoben. Mehr als ein Jahr bestritt sie keinen Kampf - bis der Vertrag Ende Juli auslief. Schon wenige Tage nachdem sie sich der Ketten ihres ehemaligen Promoters entledigt hatte, nahm sie ein lukratives Angebot aus Mexiko an. Die Gräfin ohne Reich wollte um jeden Preis zurück in den Ring. Die viel zu kurze Vorbereitungszeit von nur sechs Wochen kümmerte sie nicht. Zu verlockend waren die Chancen, die das Duell ermöglichte. "Durch diesen Kampf habe ich nun ein Jahr lang alle Kosten abgedeckt", verdeutlicht Graf.

In der Zwickmühle

Sie hätte noch weit mehr verdienen können. Bei einem Erfolg gegen Weltmeisterin Ana-Maria Torres (Mexiko) hätte sie den Titel des in Amerika so bedeutenden Verbandes WBC erobert. Ein US-Promoter wollte Graf im Falle des Titelgewinns in Amerika zu einer großen Nummer machen - und eines Tages in Las Vegas in den Ring steigen lassen. Doch dazu kam es nicht. Bei ihrer Rückkehr nach 14 Monaten Pause hatte sie keine Chance. "Um sie zu schlagen, hätte in der Vorbereitung alles optimal sein müssen", blickt Trainer Heinz Schultz zurück.

Nun reist Graf in den kommenden Tagen nur als Weltmeisterin in den in Amerika unpopulären Verbänden GBU und WIBF zu Gesprächen in die USA - und steckt in einer Zwickmühle. Denn um den amerikanischen Markt zu erobern, bleiben ihr nur zwei Möglichkeiten. Erstens: ein Rückkampf gegen Torres. Der erscheint jedoch wenig sinnvoll, weil die Mexikanerin aus Vermarktungsgründen nur in der Heimat antritt. "Im Ausland werde ich nie nach Punkten gewinnen, dort müsste ich sie k. o. schlagen", erklärt Graf. Das scheint aber unmöglich.

Schultz sieht die Jagd nach einem WBC-Gürtel skeptisch

Bliebe die zweite Möglichkeit: Die Junior-Bantamgewichtlerin (bis 52,163 kg) erkämpft sich den so lukrativen WBC-Gürtel in einer anderen Gewichtsklasse. Weil ein ständiges Hin und Her zwischen den Gewichtsklassen von Kampf zu Kampf aber hinderlich ist, müsste Graf ihre aktuellen WM-Gürtel abgeben. Ein immens hohes Risiko. Denn Graf würde damit ihre Geschäftsgrundlage für Kämpfe in Deutschland aufgeben. Und auch ein ihr kürzlich unterbreitetes Angebot für einen Kampf in Tokio setzt voraus, dass Graf als Weltmeisterin antritt.

Heinz Schultz sieht die Jagd nach einem WBC-Gürtel daher skeptisch. Er tendiert zu einer weniger lukrativen Lösung. "Alesia hat einige Jahre lang gut verdient. Nun müssen wir alles ein bisschen zurückschrauben und schauen, dass wir hier etwas aufbauen - und eines Tages wieder interessant genug fürs Fernsehen sind", sagt Schultz.

Grafs Trainer und Manager scheut sich dabei auch nicht, neue Wege zu gehen. So hält er beispielsweise eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Stuttgarter Sechstagerennen, sofern es 2012 wieder stattfindet, für eine "klasse Idee". Der erste Schritt auf dem Weg, das Frauenboxen hierzulande populärer zu machen, könnte schon im Januar erfolgen. Dann muss Graf zu einer Pflichtverteidigung antreten. Unabhängig von den vielen Fragen um ihre Zukunft bereitet sich die 30-Jährige darauf derzeit ehrgeizig vor - damit sie nicht erst wieder am 14. Oktober 2011 einen Grund zur Freude hat.

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