Mit neuartigen Glasfaserkabeln versuchen die Stuttgarter Forscher von Alcatel-Lucent, die Geschwindigkeit bei der Datenübertragung zu erhöhen. Foto: Christian Hass

Der französische Netzwerkausrüster Alcatel-Lucent baut radikal um und wird auch in Stuttgart Stellen streichen – aber gleichzeitig in neue Entwicklungen investieren. Der Deutschland-Chef setzt auf die gute Forschungsarbeit im Land.

Der französische Netzwerkausrüster Alcatel-Lucent baut radikal um und wird auch in Stuttgart Stellen streichen – aber gleichzeitig in neue Entwicklungen investieren. Der Deutschland-Chef setzt auf die gute Forschungsarbeit im Land.

Stuttgart - Alles steht für Michel Combes bereit. Die Projekte der Bell Labs – des Forschungslabors von Alcatel-Lucent in Stuttgart – zeigen, wie die Zukunft des Festnetzes und des Mobilfunks aussehen könnte. Die unausgesprochene Botschaft an den Konzernchef aus Paris ist: Die Mitarbeiter am Stuttgarter Standort des französischen Netzwerkausrüsters sind unverzichtbar. Warum sollte man hier Stellen ­streichen?

„Deutschland ist ein extrem wichtiges Land für Alcatel-Lucent“, sagt Konzernchef Michel Combes. Foto: Chriatian Hass

Doch genau das hat Combes vor. Seit April dieses Jahres ist er Chef des Konzerns, der 2006 aus der Fusion des französischen Unternehmens Alcatel mit dem amerikanischen Anbieter Lucent entstand. Mehrere Sparrunden gab es bereits, die jüngste heißt „Shift Plan“. Weltweit sollen bis Ende nächsten Jahres 13.700 der rund 70.000 Stellen entfallen. Auch die Standorte Stuttgart und Nürnberg sind betroffen: 420 der derzeit 1900 Mitarbeiter sollen bis Ende 2015 gehen. Ursprünglich sollten es gar 520 sein, sagt Deutschland-Chef Wilhelm Dresselhaus den Stuttgarter Nachrichten. „Wir streben an, ohne betriebsbedingte Kündigungen auszukommen. Aber ich will den Verhandlungen nicht vorgreifen.“

Die Leistungsschau aus den Stuttgarter Forschungslaboren ist also keine gewöhnliche. An ihr hängt auch die Hoffnung, dass Combes seine Pläne vielleicht überdenkt.

Oder hier im Gegenzug auch neue Stellen schafft. Denn der Konzern, der unter hausgemachten Problemen und dem scharfen Konkurrenzkampf in der Branche leidet, erfindet sich derzeit neu. Statt wie bisher vieles anzubieten, richtet sich Alcatel-Lucent künftig ganz auf den schnellen Datentransport aus. Fast alle Forschungsausgaben werden hierfür investiert: Man will sich für IP-Technik und den Ultra-Breitzugang im Mobilfunk- und Festnetz spezialisieren und dafür leistungsfähigere Netze schaffen. Weltweit sollen 3700 neue Jobs in den Zukunftsbereichen geschaffen werden – 1800 davon in Europa. Wie viele es in Deutschland sein könnten, steht frühestens im Frühjahr kommenden Jahres fest.

Nicht konkurrenzfähig

„Wir streichen Stellen – und gleichzeitig müssen wir neue Expertise schaffen. Wir werden ein anderes Unternehmen brauchen“, sagt Combes und zeigt sich entschlossen: „In den vergangenen Jahren war Alcatel-Lucent nicht konkurrenzfähig, auch nicht bei Innovationen. Hier möchte ich investieren.“ Man wolle nicht nur superschnelle Netze bieten, sondern auch Ausrüstern wie Cisco Konkurrenz bei den Routern machen. Außerdem sollen die Zellen für den Mobilfunk flexibler eingesetzt werden: Kleine Funkzellen sollen die großen ergänzen und in einem kleinen Radius eine höhere Datenübertragung ermöglichen. „Small cells“ wird die Technik genannt.

Deutschland passe zu seinen Plänen, betont Combes: „Es ist ein extrem wichtiges Land für Alcatel-Lucent.“ Die Innovationen der Stuttgarter Forscher hätten Grundlegendes für den Konzern geleistet. Dann wird er emotional, sein Ton eindringlich: Er wolle auch junge Leute anziehen. „Um innovativ zu sein, müssen wir für junge Leute attraktiv sein. Sie sollen nicht mehr zu Google gehen, sondern zu uns“, sagt er und legt nach: „Google würde nicht ohne unsere Router funktionieren.“

Sätze, die auch Baden-Württembergs Finanzminister Nils Schmid gefallen dürften. Auch er ist gekommen, um Combes von den hiesigen Qualitäten zu überzeugen: „Ich werbe darum, dass Alcatel-Lucent den Standort Stuttgart wertschätzt.“ Und habe der Konzern nicht eine riesige Chance, zahlreiche Kooperationspartner in der Automobilindustrie und im Mittelstand zu gewinnen? Alcatel-Lucent passt auch in die Ministeriumspläne. Im Südwesten soll es das nötige Know-how für Sicherheitslösungen geben, denn die Unternehmen sind begehrtes Ziel der Wirtschaftsspione. Da kann auch Alcatel-Lucent hilfreich sein.

„Wir versuchen, durch Fortbildungen Mitarbeiter für die neuen Aufgaben zu qualifizieren“

Optimismus auch beim Deutschland-Chef: „Ich bin zuversichtlich, weil wir in den Bereichen Glasfasernetz und Mobilfunk strategische Entwicklungsstandorte in Stuttgart und Nürnberg haben. Damit entsprechen wir der neuen Konzernstrategie“, sagt Dresselhaus. Wie viele neue Stellen es sein könnten, wolle man erst nach den Gesprächen mit den Betriebsräten sagen. Und bei den drohenden Stellenstreichungen? Wo möglich könnte von der Entlassung bedrohten Mitarbeitern eine neue Stelle in den Zukunftsbereichen angeboten werden, sagt Dresselhaus. „Wir versuchen, durch Fortbildungen Mitarbeiter für die neuen Aufgaben zu qualifizieren.“

Doch von den Mitarbeitern wird Dresselhaus’ Optimismus sicherlich nicht uneingeschränkt geteilt: „Die Beschäftigten schwanken zwischen Resignation und Hoffnung“, sagt Jordana Vogiatzi von der IG Metall Stuttgart, die zu vielen Beschäftigten im Unternehmen Kontakt hat. Deren Hoffnung sei, dass es zu weniger Stellenstreichungen kommen werde. Deshalb wollen die Mitarbeiter Michel Combes an diesem Mittwoch einen Slogan überreichen, rechtzeitig zum Rückflug des Konzernchefs nach Paris: „No people – no products. No products – no cash“ steht darauf. Kurz gefasst: Ohne Mitarbeiter gibt es auch kein Geld.

Es bleibt abzuwarten, ob es der Konzernchef genauso sieht.