Hannelore Hetzinger hat sich als Vorsitzende der Ortsgruppe Winterbach elf Jahre lang engagiert Foto: Gottfried Stoppel

Niemand will mehr den Vorsitz übernehmen – die noch vor dem Ersten Weltkrieg gegründete Ortsgruppe Winterbach des Schwäbischen Albvereins ist nach 110 Jahren aufgelöst.

Winterbach - Elf Jahre lang hat sich Hannelore Hetzinger als Vorsitzende der Winterbacher Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins für ihren Verein und die rund 190 Mitglieder engagiert. Doch mit dem Ende ihrer Amtszeit ist auch Schluss für die Ortsgruppe. Denn nachdem sich niemand gefunden hatte, der Hetzingers Amt und das des zweiten Vorsitzenden zum 1. Januar dieses Jahres übernehmen wollte, hat sich die Ortsgruppe aufgelöst.

 

Alle Appelle und Briefe helfe nicht

Bereits im Februar 2020 habe sie die Mitglieder bei der Hauptversammlung darüber informiert, dass sie, der zweite Vorsitzende und der Kassier ihre Ämter zum Jahresende 2020 übergeben möchten, erzählt Hetzinger. „Bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im September hat sich dann zumindest ein Kassier gefunden. Aber die Ämter der Vorsitzenden wollte leider niemand übernehmen.“ Zwar habe man die Dringlichkeit der Lage klar gemacht und mit Appellen und Briefen an die Mitglieder sowie einem Aufruf im Mitteilungsblatt versucht, Nachfolger für die Vereinsleitung zu finden. Doch das habe nicht viel geholfen.

Noch ein paar Jahre länger Vorsitzende zu bleiben, kann sich Hannelore Hetzinger nicht vorstellen. „Nach elf Jahren ist es jetzt genug, mir wurde das einfach zu viel“, sagt sie. In den vergangenen Jahren sei die Arbeitsbelastung im Verein stark gestiegen. „Es gibt immer mehr Vorschriften, die man als Verein beachten muss und es wird immer mehr verlangt – ob es um die Mehrwertsteuer geht oder um den Datenschutz“, erläutert Hetzinger. „Deshalb wird die Situation für Ehrenamtliche auch immer schwieriger.“

Viele Mitglieder wollen im hohen Alter kein Amt mehr übernehmen

Die Aufgaben, die ein Vereinsvorstand übernehmen muss, sind aber wohl nicht der einzige Grund dafür, dass sich niemand der rund 190 Mitglieder der Winterbacher Ortsgruppe für den Vorsitz zur Verfügung gestellt hat. Auch das Alter spiele eine Rolle, sagt Hetzinger. Denn sie selbst gehöre mit ihren 70 Jahren beinahe zur „Jugendgruppe“ des Vereins. „Der Großteil ist zwischen 65 und über 90 Jahre alt“, so Hetzinger. Viele, meint sie, wollten in diesem Alter kein Amt mehr übernehmen. „Nur drei oder vier Leute sind im mittleren Alter, aber die sind beruflich zu sehr eingebunden, um eine Vorstandstätigkeit zu übernehmen.“

Dieses Problem stellt sich auch in anderen Ortsgruppen, zum Beispiel in Rommelshausen, wo sich die Vereinsmitglieder ebenfalls zur Auflösung entschieden haben. Der Vorstand und Ausschuss, so heißt es in einer Mitteilung, „standen für eine weitere Wahlperiode wegen Alter, gesundheitlichen und familiären Gründen nicht mehr zur Verfügung. Nachfolger konnten keine gewonnen werden“. Entsprechend ist auch die Ortsgruppe Rommelshausen seit dem 31. Dezember 2020 Geschichte. Drei Jahre zuvor hatte sich bereits die Gruppe in Stetten aufgelöst.

Bei der letzten Hauptversammlung der Ortsgruppe Winterbach am 8. Januar wurden noch die letzten finanziellen und organisatorischen Fragen geklärt. Einige Mitglieder wollen auch künftig noch Wanderungen anbieten – dann aber unter der Regie des Winterbacher Heimatvereins. Über die Termine werde rechtzeitig im Gemeindeblatt informiert, so Hetzinger. Die Mitglieder der aufgelösten Ortsgruppe könnten nun auch zu einer Nachbar-Ortsgruppe wechseln oder einfach Mitglied im Hauptverein des Schwäbischen Albvereins bleiben, um diesen zu unterstützen.

Als Wanderverein und anerkannter Naturschutzverein ist der Schwäbische Albverein auch für die Pflege der Wanderwege zuständig. So wurde – noch vor der Auflösung der Winterbacher Ortsgruppe – der Wanderweg vom Saarbrunnen zu den Windrädern auf dem Goldboden zu einem Trampelpfad mit Stufen ausgebaut. Wandertafeln am Bahnhof und beim Freibad weisen jetzt außerdem auf die Albvereinswege hin. Dass sich die Ortsgruppe aufgelöst hat, bedeutet aber nicht, dass sich nun niemand mehr um die Wege auf Winterbacher Gemarkung kümmert. Sie sollen auch weiterhin gepflegt werden, um den Menschen erholsame Wanderungen zu ermöglichen. „Der Gau-Wegwart muss jetzt schauen, ob eine andere Ortsgruppe die Wege mit übernimmt oder ob sich ein Wegpate für das Gebiet findet“, sagt Hannelore Hetzinger. Dieser müsse etwa alle zwei Monate die Wanderwege abgehen, sie bei Bedarf freischneiden, die Wegtafeln überprüfen und nach dem Rechten sehen.

Interessierte könnten sich an den Hauptverein des Schwäbischen Albvereins wenden. „Viele junge Leute brauchen heute vielleicht keinen Wanderverein mehr, weil sie sich einfach GPS-Daten zum Wandern oder Mountainbiken aus dem Internet herunterladen“, vermutet Hetzinger. „Aber wenn niemand mehr die Wanderwege pflegt, sind sie irgendwann zu. Und dann hilft auch kein GPS mehr.“