Alblinsen Heimkehr einer Hülsenfrucht

Von Bettina Hartmann 

Späthsche Alblinsen, einst verschollen, werden wieder auf der Schwäbischen Alb angebaut.

Stuttgart - Es ist eine besondere Fähigkeit der einst bettelarmen Schwaben, aus der Not eine Tugend zu machen, aus nichts etwas Gutes zu schaffen. Linsen mit Spätzle etwa, ein günstiges, nährstoffreiches, schmackhaftes Essen. Demnächst kann man das Nationalgericht wieder mit echten Alblinsen zubereiten.

Von wegen Arme-Leute-Essen. Das war einmal. Heute werden Linsen, eine ebenso schlichte wie himmlische Mahlzeit, auch in Spitzenlokalen serviert. Im schwäbischen Raum sind dabei vor allem Alblinsen beliebt, im Dialekt Albleisa genannt. Klassisch zubereitet mit Spätzle und Saiten oder zur Alblinsenschnitte auf Thymianbiskuit mit gebeizter Forelle veredelt. Die kleine, feste Linse habe auch ich jahrelang gekauft und mit Genuss gegessen. Stets im Glauben, damit schwäbisches Kulturgut im Besonderen und das Abendland im Allgemeinen zu retten. Doch irgendwann war zu erfahren: Wo Alblinsen draufsteht, sind gar keine echten Alblinsen drin. Bei den Hülsenfrüchten handelte es sich in Wahrheit um verkappte Franzosen, um Puy-Linsen, die ursprünglich aus dem Zentralmassiv stammen und sich deshalb für den Anbau auf der Schwäbischen Alb eignen, weil dort ähnliche klimatische Bedingungen herrschen.

Nun aber ist endlich wieder das Original erhältlich. Ein kleines Wunder war zuvor geschehen, man hatte das ursprüngliche Saatgut wiederentdeckt. Und das kam so. Auf den mageren, steinigen Böden der Alb gedeihte einst nicht viel, die Linse jedoch fühlte sich dort wohl. Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts galt die Region als eines der Hauptanbaugebiete in Deutschland. Doch da die Hülsenfrucht mühsam anzubauen und zu ernten war, stellten die Albbauern den Anbau Mitte der 50er Jahre ein. Importware war längst billiger zu haben, der Verbraucher griff zu Linsen aus Kanada, Indien und der Türkei.

Späthsche Alblinse 1 und Alblinse 2 blieb unauffindbar

Irgendwann galt das ursprüngliche Saatgut als verschollen. Stöbern in alten Scheunen, in denen einst Linsenstroh gelagert wurde, brachte genauso wenig Erfolg wie ein Besuch an der Uni Hohenheim oder die Anfrage in der deutschen Saatgut-Genbank in Gatersleben. Die vom Haigerlocher Landwirt Fritz Späth gezüchtete Späthsche Alblinse 1 und Alblinse 2 blieb unauffindbar. Älbler Biobauern wie Woldemar Mammel aus Lauterach bei Riedlingen, die in den 80ern die eiweißhaltige Frucht wieder anbauen wollten, mussten auf französische Importware zurückgreifen.

Vor fünf Jahren passierte dann das Unerwartete: Die Originalsorten wurden wiederentdeckt. Nicht auf der Alb. Nicht in Frankreich. Sondern in Russland, in St. Petersburg. Zwei Hobbydetektive hatten sich auf die Suche gemacht. Pflanzenzüchter Klaus Lang und Klaus Amler von der Stuttgarter Umweltagentur Ökonsult wurden unabhängig voneinander im Wawilow-Institut fündig, wo eine der größten Saatgut-Genbanken der Welt untergebracht ist. Die Rarität lagerte in den Registern unter der Nummer 2106 mit dem Eintrag "Alpenlinse". Ein Übersetzungsfehler. In Wahrheit handelte es sich um die Späthsche Züchtung.

In kleine braune Tütchen verpackt gelangten kurz danach wenige 100 Linsensamen auf die Alb. Vom Wawilow-Institut kostenlos verschickt. Für russische Wissenschaftlern gehört diese Praxis zur Forscherehre. Sie sehen es als ihre Aufgabe, in allen Erdteilen gesammelte Samen öffentlich zugänglich zu machen. Auf vielen Äckern auf der Schwäbischen Alb wird die Ur-Alblinse nun wieder angebaut. Auf 145 Hektar. Zwischen Stützfrüchten wie Hafer und Gerste. Denn die Linse muss sich an anderen Pflanzen hochranken können: "Sonst bleibt sie auf dem Boden liegen und verschimmelt oder vertrocknet", sagt Woldemar Mammel.

Öko-Erzeugergemeinschaft Albleisa

Mit 13 Bäuerinnen und Bauern hat er sich zur Öko-Erzeugergemeinschaft Albleisa zusammengeschlossen. Mammel und seine Mitstreiter wollen damit zum Erhalt alter Kulturpflanzen beitragen, aber auch ein politisches Zeichen setzen. "Die multinationalen Saatgutkonzerne wollen uns mit gentechnisch veränderten Pflanzen weltweit den großen Fortschritt schmackhaft machen", sagt Mammel. Doch für den Biobauern bedeutet "eine große und regionale Vielfalt an Pflanzenarten Fortschritt". Die Linsengeschichte ist für ihn das beste Beispiel dafür.

Bis vor wenigen Tagen lief die Ernte. Etwa 20 Tonnen der etwas kleineren Späthschen Alblinse 1 und gut 500 Kilo der großen Alblinse 2 kamen zusammen. Die erste Variante - innen gelbfleischig, außen beige und grünlich schimmernd - kommt Anfang Oktober in den Handel. "Man kann sie in etwa 320 Bioläden, Reformhäusern, Feinkostgeschäften und an Marktständen in Baden-Württemberg kaufen", sagt Mammel. Die große Schwester, Linse Nummer 2, wird 2012 folgen. 400 Gramm der kleinen Alblinse werden übrigens um fünf Euro kosten. Linsen mit Spätzle sind somit also tatsächlich kein Arme-Leute-Essen mehr.

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