Albi Hefele in Echterdingen Foto: Michael Werner

Albi Hefele hat sich als Leiter der LE Bigband verabschiedet. Der leidenschaftliche Musiker ist oft angeeckt, weil er seinen eigenen Weg gegangen ist. Zum Schluss gab es Respektbekundungen von allen Seiten. Wie es mit der Bigband weitergeht ist unklar.

Zu den vielen Blasinstrumenten, die dieser Tage in der ausverkauften Filderhalle beim groovenden Weihnachtskonzert der LE Bigband zugange waren, hat sich eine per Video zugespielte Trompete gesellt. Auf ihr spielte ein Mann mit lustiger Frisur „Time to Say Goodbye“. Der Mann heißt Thomas Gansch. Er ist der Vordenker des österreichischen Blechbläserensembles Mnozil Brass und ein Star der Szene. Nach ein paar Takten nahm Gansch die Trompete vom Mund, damit er sprechen konnte: „Ja, lieber Albi, ich hab’ gehört, Du hörst auf. Das ist sehr schade für alle, die mit Dir musiziert haben und die Dir über den Weg gelaufen sind in deinem Leben.“

 

Am nächsten Tag sagt Albi Hefele (74) in einem überfüllten Café in der Echterdinger Hauptstraße: „Ich bin ein Riesenfan von Mnozil Brass und von Thomas Gansch sowieso. Er ist ein Riesentyp. Wenn der dich mit Namen anspricht – das ist schon sehr rührselig.“ Zu seinem Abschied als Leiter der LE Bigband nach 38 Jahren hat es einige ergreifende Bekundungen gegeben. Eine Musiklehrerin schrieb ihm, wie sehr sie sein Abschlussplädoyer für Menschlichkeit und Demokratie in der Filderhalle beeindruckt habe: „Genau um das geht es in der Schule bei uns fast täglich: lernen, seine eigene Meinung zu bilden und den Mut haben, sie auszusprechen und dazu zu stehen. Neutralität ist einfach keine Option.“

Zeugs, das den Schülern gefällt

Deshalb hat Albi Hefele, der nach eigenem Bekunden schon als Student „mit gewissen konservativen Ansichten zu kämpfen hatte“, nach Abschluss seines Deutsch- und Geschichte-Studiums auf Lehramt „um Bedenkzeit gebeten, bevor ich mich mit in meinen Augen nur halb kompetenten Historikern auseinandersetze“. Statt für ein Referendariat und eine anschließende Lehrerlaufbahn entschied er sich dafür, an den Musikschulen in Waldenbuch und in Leinfelden-Echterdingen als Trompetenlehrer zu arbeiten. Bald darauf rief er die LE Bigband ins Leben: „Weil ich vom Dorf komme, vom Musikverein, habe ich versucht, Zeugs mit den Schülern zu machen, das denen auch gefällt. Es hat sich herumgesprochen, dass ich keine klassischen Etüden mache, sondern meinetwegen ‚Oh When The Saints Go Marching In’“.

Ende der Achtzigerjahre bekamen Hefele und seine Frau „eine schwer herzkranke Tochter, die mich als Trompeter mehr oder weniger aus dem Spiel genommen hat.“ Da er nicht mehr üben konnte, habe er nachts die Zeit genutzt, um Noten abzuschreiben oder zu organisieren. Er bespielte beispielsweise für alle Mitglieder der LE Bigband Kassetten, „damit die wissen, was sie hören müssen, was wir spielen wollen“.

Jazzgrößen in der Provinz

Der Aufwand zahlte sich aus: Jazzgrößen wie Peter Herbolzheimer und Ack van Rooyen spielten mit der LE Bigband, der SWR zeichnete regelmäßig auf. Einmal gelang es Albi Hefele, den Bassisten und Arrangeur John Clayton, einen Mitstreiter der unlängst verstorbenen Produzenten-Legende Quincy Jones, für einen Workshop nach Leinfelden-Echterdingen zu lotsen. Als Hefele Clayton fragte, was sein Gastspiel kosten würde, habe der geantwortet: „Du kannst mich nicht bezahlen. Schick’ mir ein Zugticket und besorge mir ein Hotel, dann ist es okay.“

Man kam gerne zu Albi, weil er Musik spielen ließ, mit der Musiker etwas anfangen konnten, und weil er Freiheiten gewährte, die in Bigbands nicht selbstverständlich waren. Er hatte einen guten Ruf – wenn auch nicht immer bei allen: Irgendwann fing Hefele, mittlerweile Fachgebietsleiter für Popularmusik an der Musikschule Leinfelden-Echterdingen, an, in der Bigband mit Sängern zu arbeiten: „Unter Jazzern war ich dann die Guggenmusik-Bigband, weil ich einen anderen Weg gegangen bin.“

Bis heute spielen Top-Profis in Leinfelden-Echterdingen mit: Der Drummer der LE Bigband spielte früher in der Band der Harald Schmidt Show, ein Posaunist bereicherte die Tourband von Udo Lindenberg, und der Pianist und der Gitarrist spielen auch in der SWR-Bigband. Das sind Leute, die Weihnachtskonzerte in der Provinz nicht nötig haben, aber trotzdem gerne kommen: „Ich hab’ in den letzten Jahren immer geguckt, dass die Band eine arschlochfreie Zone ist. Dass man, wenn man zusammenkommt, eine gute Zeit hat“, sagt Albi Hefele.

Eine Bigband zu leiten ist keine Pioniertat mehr

Am Anfang hat man wöchentlich geprobt, später ist man regelmäßig aufgetreten. Dann hat „Corona den Betrieb heruntergefahren“, sagt Albi Hefele, der fünf Bigbands gegründet hat und immer noch in Steinenbronn wohnt. Dieses Jahr hat man zwei Konzerte gespielt. Man traf sich vor den Gigs zu intensiven Proben: „Alle sind gut vorbereitet. Wenn das nicht der Fall ist, muss man auch mal ein ernsthaftes Wort reden, so in der Art: ,Sorry, die anderen kommen nicht, um dir beim Üben zuzuhören.’“ Eine Zeit lang hat ein aktiver Fußballer in einer seiner Bigbands gespielt, der die Disziplin und Mannschaftsdienlichkeit des Fußballplatzes auch in der Musik gefordert habe, erzählt Hefele. Das habe ihm imponiert.

So eine Bigband sei nämlich ein Haufen Arbeit, sagt er auch. Und zehn Jahre nach seinem altersbedingten Ausscheiden als Musikschullehrer stellt er fest: „Ich habe nicht mehr die Lust, diese Arbeit zu machen.“ Die Begeisterung nutze sich genauso ab wie das Sich-etwas-beweisen-wollen: „Anfangs war die Bigband eine Pioniertat. Jetzt hat jeder Obst- und Gartenbauverein seine eigene Bigband, die mehr oder weniger gut spielt.“

Klavier statt Trompete

Im Januar werde sich die LE Bigband treffen, um zu besprechen, wie es ohne Albi Hefele weitergeht: „Es sieht sich momentan keiner in der Rolle, den Job zu machen“, erzählt der verabschiedete Chef im grünen Hoodie. Er selber macht weiterhin Musik in seiner Coverband U15, deren Mitglieder inzwischen 18 bis 25 Jahre alt sind – außer Albi Hefele, der eine 74-Jährige, der in der Band Klavier spielt: „Das ist körperlich nicht so anstrengend wie Trompete“, sagt er. Und er will weiterhin seine Meinung kundtun, zumal er inzwischen versierter darin ist, die Folgen abzuschätzen: „Früher habe ich die Befindlichkeiten nicht so gekannt – zum Beispiel die Feindschaften zwischen den einzelnen Stadtteilen. Da habe ich hin und wieder einen lockeren Spruch losgelassen, der mir nachher um die Ohren geflogen ist.“

Die LE Bigband und Albi Hefele

Bigband
Eine klassische Bigband besteht aus 16 Musikern an Trompeten, Posaunen Saxofonen und Rhythmusinstrumenten. Albi Hefele hat die LE Bigband im Jahr 1986 gegründet. Neben Größen der Jazz-Szene spielen zwei seiner Töchter mit.

Zukunft
Albi Hefele will in Zukunft noch mehr lesen. Bei der Lektüre von Hannah Arendt habe er unlängst bemerkt, dass er etwas „aus dem Geschäft“ sei, hat er beim Treffen in Echterdingen erzählt.