Critical Mass im Juli Foto: Manz

Vor fünf Jahren hat sich eine kleine Gruppe Stuttgarter auf den gemacht, um für die Rechte der Radfahrer zu demonstrieren. Seitdem fahren monatlich bis zu 600 Radler bei der „Critical Mass“ (kritische Masse) mit. An ihrer Spitze radelt Mitinitiator Alban Manz, ein realistischer Träumer.

Stuttgart - Herr Manz, würden Sie jemals auf ein E-Bike steigen?
Wieso? Ich bin erst vor vier Wochen auf einem gefahren.
Hatten Sie einen Schwächeanfall?
(Lacht) Nein. In dem Fall war es ein Lastenrad. Eine unheimlich praktische und sinnvolle Sache.
Aber sonst ist das Pedelec doch eher etwas für Senioren.
Täuschen Sie sich nicht. Für Pendler ist es ideal. Gerade in Stuttgart hilft es die Steigungen einzuebnen und erweitert die Reichweite enorm.
Hilft es auch Stuttgart vor dem Verkehrskollaps zu bewahren?
Es ist nicht die eine und einzige Lösung, aber ein Teil davon.
Was ist der andere Teil?
Radfahren muss den Leuten einfach gemacht werden und sicher sein. Dafür brauchen wir, wie OB Kuhn sagt, eine bessere Infrastruktur. Sie ist der Schlüssel zu allem. Wir brauchen sichere Wege, sichere Abstellmöglichkeiten et cetera. Auf dieser Basis könnte der Radverkehr einen weit größeren Anteil am Verkehrsaufkommen erreichen als bisher.
Apropos Sicherheit: Im Schlossgarten droht derzeit das Chaos auszubrechen.
Das Vollchaos ist schon da. Im Schlossgarten kommen sich Fußgänger und Radfahrer immer wieder in die Quere. Aber hier muss ich zur Ehrenrettung der Fußgänger sagen, wenn ich mich in meiner Stadt als Fußgänger nicht mehr frei bewegen kann, läuft was schief. Zudem sind Fußgänger das schwächste Glied in der Nahrungskette.
Viele Radfahrer argumentieren anders. Sie sagen frustriert: Wir sind weder von den Fußgängern noch von den Autofahrern geduldet.
Ich kenne das. Denn die Radfahrer hat man in unserer Stadt in der Wege- und Verkehrsplanung komplett vergessen. Und so kommt es, dass Radfahrer zum Beispiel verbotswidrig auf den Gehweg ausweichen, weil sie sich auf der Straße nicht sicher fühlen. Aber selbst da, wo sich Radfahrer und Fußgänger den Weg teilen dürfen, funktioniert es nicht.
Wieso?
Weil Radfahrer dann eigentlich nur noch Schrittgeschwindigkeit fahren dürfen. Damit wird das Ganze jedoch aberwitzig. Das normale Radtempo bewegt sich zwischen zehn und 25 km/h.
Was wäre der Königsweg für Radler?
Einen sicheren Verkehrsraum auf der Straße zu markieren, auf dem zwei Radler problemlos aneinander vorbeikommen.
Also eine Critical Mass im Bonsai-Format.
Sozusagen. Unsere vierwöchige Radrundfahrt ist Sinnbild für eine Utopie, die in dieser Form im Alltag nie eintreten wird. Wir wollen einfach ein neues Bild erzeugen.
Welches?
Wir wollen vorbildhaft zeigen: So könnte es auch aussehen, wenn unsere Straßen nicht nur von Autos in Beschlag genommen würden. Wir wollen durch dieses demonstrative Radfahren zum Nachdenken anregen. Auch dazu, dass eigentlich die Autos, die sich tagtäglich durch Stuttgart quälen, längst selbst zu einer kritischen Masse geworden sind.
Wen würden Sie gerne am kommenden ­Freitag zur nächsten Fahrraddemo einladen?
Es wäre schön, wenn Claus Köhnlein als Fahrradbeauftragter der Stadt mal dabei wäre. Denn würde er die Menschen treffen, die er vertritt. Ich würde mich insgesamt sehr freuen, wenn aus dem Rathaus mehr Verantwortungsträger dabei wären. Sie würden erleben, welche Chancen das Rad für die individuelle Mobilität bietet.
Wie wär’s mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn als Mitradler bei der Critical Mass?
Das wäre ein tolles Signal. Da könnten wir den OB bitten, dass er sich für den Radverkehr in der Stadt richtig ins Zeug legt. Ich glaube, er hat noch nicht erkannt, wie einfach man den Radverkehr fördern kann. Eigentlich braucht man nur ein bisschen Farbe, um einen Radstreifen auf die Straße zu malen. Man braucht nicht teuer den ÖPNV ausbauen oder andere Subventionen.
Einspruch: Fritz Kuhn kämpft für mehr Radverkehr.
Das mag sein. Aber ich habe die Befürchtung, dass er in Bezug auf den Radverkehr ein falsches Bild von seiner Stadt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob er selbst mit dem Rad an den markanten Stellen unterwegs war. Er weiß wahrscheinlich gar nicht, wie sehr es da knirscht. Überhaupt: In der Verwaltung wissen zu wenige, wie man Radverkehr richtig plant.
Könnte eine Zunahme des Radverkehrs die Feinstaub-Problematik entschärfen?
Sicher. Mein Credo lautet: Statt Fahrverboten sollte die Stadt lieber Angebote machen, die es möglich machen, aus dem Auto auszusteigen.
Was wäre Ihre Vision für die Stadt?
Dass wir eines Tages statt einem Radbeauftragten einen Autobeauftragten im Rathaus haben, der sich dann für diese Minderheit und deren Rechte einsetzt. Wenn wir irgendwann einmal soweit sind, dass der Autoverkehr der alternative Verkehr ist, sind wir am Ziel.
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