Die Leitung der Göppinger Alb-Fils-Klinik reagiert auf Beschwerden von Patienten und erklärt selbstkritisch, warum es im Neubau an manchen Stellen nicht rund lief oder läuft.
Wir sind selbstkritisch genug, um zu sehen, dass es noch nicht rund läuft“, sagt Ingo Hüttner, Medizinischer Geschäftsführer des Alb-Fils-Klinikums. Er räumt ein, dass sich die Beschwerden nach dem Umzug vom Alt- in den Neubau gehäuft haben und liefert auch direkt die Erklärung: „2500 Mitarbeiter haben einen neuen Arbeitsplatz. Wir müssen da die klinische Routine neu entwickeln.“ Brigitte Käser, Pflegedirektorin des Alb-Fils-Klinikums, stimmt zu: „Wir haben vorher die Prozesse durchgespielt. Die Realität sieht aber anders aus. Man muss jeden Handgriff neu denken und die gewohnte Routine durchbrechen.“ Auch Teams hätten sich neu finden müssen. Mittlerweile habe sich vieles eingespielt, aber noch nicht überall. Erfahrungen anderer Krankenhäuser zeigten, dass es eineinhalb bis zwei Jahre dauern könne, bis die neuen Abläufe sitzen, ergänzt Hüttner.
Zudem gab es jede Menge Schwierigkeiten. Gleich im Sommer kämpfte das Krankenhaus mit Wasserschäden und Aufzug-Problemen, es dauerte, bis die Mängel beseitigt werden konnten. Doch damit nicht genug: Das elektronische, führerlose Transportsystem, das Essen, Wäsche und andere Waren von Station zu Station, zur Zentralküche, zur Apotheke oder zum Umschlaglager bringen soll, wird faktisch erst Anfang kommenden Jahres so richtig funktionieren. „Wir mussten neue Mitarbeiter an Bord holen, die die Wagen fahren mussten“, sagt Hüttner. Hinzu kommen viele Kleinigkeiten: So mussten neue Desinfektionsspender beschafft werden, weil die ursprünglichen nicht das hielten, was sie versprachen.
Das Kochen in der Großküche hat gut funktioniert
Aus nun im Neubau geltenden Brandschutzgründen wird das Material, das Ärzte und Pfleger brauchen, nicht mehr im Zimmer, sondern draußen gelagert. Längere Wege sind die Folge, das kostet Zeit. „Das Personal trauert dem nach. Hier hindert der Neubau“, räumt der Klinikchef ein und fasst zusammen: „Wir hatten einen ganzen Stall von nicht runden Themen.“ Auch wenn nicht alles schlecht sei: Die komplett neue IT zum Beispiel habe keinerlei Probleme gemacht, auch das Kochen in der nagelneuen Großküche habe gut funktioniert. Zudem habe die Geburtshilfe „Zulauf ohne Ende“.
Ingo Hüttner und Brigitte Käser wollen nichts schönreden und die Beschwerden ernst nehmen. Patienten und Angehörige hatten von langen Wartezeiten in der Notaufnahme berichtet, in denen sie weder zu essen noch zu trinken bekommen hätten. Andere beklagten sich über eine schlechte Erreichbarkeit, kaputte Rollstühle, nicht gewechselte Windeln und einen nicht angemessenen Umgangston. Hüttner und Käser versprechen eine Aufarbeitung dieser Fragen. Der Geschäftsführer macht ein dickes Problem aus: „In der Bevölkerung war der Eindruck entstanden, im Neubau wird alles besser. Die Erwartungshaltung kollidiert nun mit dem Erleben.“
Der Wartebereich ist nicht für eine Masse an Patienten ausgelegt
Dass nicht alles planbar sei, zeigt Hüttner am Beispiel der Zentralen Notaufnahme (ZNA) auf: „Wir haben hier mehr Patienten. Es gibt Tage, da kommen 200, auf diese Zahl kann man sich schwer vorbereiten.“ Da helfen dann auch deutlich kürzere Wege als im Altbau nicht mehr, der Wartebereich sei zudem für eine solche Masse an Patienten nicht ausgelegt. „Die ZNA ist und bleibt das Nadelöhr“, verdeutlicht die Pflegedirektorin. Wenn die Stationen voll belegt seien, müssten die Patienten in der Notaufnahme warten, bis oben ein Platz frei werde. „Hier müssen die Zahnräder ineinander greifen. Die Arbeitsdichte ist mittlerweile dermaßen hoch, das geht im Minutentakt.“ Am fehlenden Personal liege es jedenfalls nicht, dass es mancherorts noch klemmt, betont Hüttner. „Wir haben 30 Vollzeitstellen aufgebaut“, sagt er. Eng sei es auf der Intensivstation und in der OP-Pflege, „in anderen Bereichen zieht der Neubau, da bauen wir auf, entgegen dem Trend in der Region“.
Der Geschäftsführer verdeutlicht an Zahlen und Fakten, wie belastet seine Mannschaft ist: Vom Umzugstag am 5. Juli bis zum 31. Oktober seien 9806 stationäre Patienten entlassen worden. 717 Geburten, davon 20 Zwillinge, habe es seitdem gegeben. 148 Herzinfarkt-Patienten wurden versorgt, 3298 Eingriffe gab es im Zentral-OP.
Die Bedürfnisse älterer Menschen will das Klinikum in den Fokus nehmen
Und welche Schlüsse ziehen die Verantwortlichen des Alb-Fils-Klinikums? „Quell der Unzufriedenheit ist die Notaufnahme“, sagt Hüttner. Hier will er gegensteuern. So sollen in einem zweiten Kurs ehrenamtliche Notaufnahmebegleiter ausgebildet werden. Sie unterstützen die ärztlichen und pflegerischen Teams, indem sie für Fragen der Patienten zur Verfügung stehen oder kleine Serviceleistungen wie einen Schluck Wasser oder Hilfestellung beim Toilettengang bieten. Das Projekt startete 2024.
Doch damit nicht genug: „Wir überprüfen auch gerade, ob wir hauptamtliche Servicekräfte einsetzen.“ Vor allem die Bedürfnisse älterer Menschen will das Alb-Fils-Klinikum in den Fokus nehmen, hier seien zeitnah Strategietagungen mit Führungskräften geplant. Überhaupt soll es nach den vielen Startschwierigkeiten wieder mehr um die Patienten und Serviceorientierung gehen, „hier wollen wir uns in den nächsten Monaten einschwingen“, betont der Klinikchef. Kam denn der Umzug in den Neubau zu früh? Diese Frage beantwortet der Geschäftsführer mit einem klaren Nein: „Hätten wir den Umzugstermin nicht fixiert, wären wir heute noch nicht im Neubau.“
Wer Rückmeldung geben will, kann dies per Mail an rueckmeldung@af-k.de tun. Auch die Patientenfürsprecher sind telefonisch über die Zentrale des Klinikums unter Telefon 07161/64-0 erreichbar oder per E-Mail an patientenfuersprecher@af-k.de.
Landrat fordert längere Öffnungszeiten
Ausweitung
Der Göppinger Landrat Markus Möller hatte kürzlich von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) längere Öffnungszeiten der KV-Notdienstpraxis gefordert, um die Notaufnahme des Alb-Fils-Klinikums spürbar zu entlasten. Konkret geht es um eine Ausweitung der Öffnungszeiten wie in den Nachbarlandkreisen.
Entlastung
In Ludwigsburg beispielsweise ist diese Praxis auch an Werktagen – und nicht nur an Wochenenden und Feiertagen – geöffnet und kann daher mehr ambulante Patienten behandeln, die sonst den Weg in die Notaufnahme des Krankenhauses suchen. „Bisher haben wir keine Rückmeldung von der KV bekommen“, sagt Klinik-Geschäftsführer Ingo Hüttner.