Eine beispiellose Infektionswelle überlastet die Kinderklinik an den Göppinger Alb-Fils-Kliniken. Personalengpässe verschärfen die Not zusätzlich. Und dann gibt es auch noch das leidige Problem mit den Bagatellfällen in der Notaufnahme.
Eine Welle an Atemwegsinfektionen verursacht dramatische Verhältnisse in Kinderkliniken. Die Stationen sind in vielen Kliniken überfüllt, immer wieder müssen Kinder in andere Krankenhäuser verlegt werden. „Die Lage ist extrem angespannt“, sagt Fabian Kaßberger, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in der Klinik am Eichert in Göppingen. Kaßberger ist nicht dafür bekannt, zu dramatisieren und Panik zu verbreiten. Doch in diesem Winter habe sich die Lage extrem zugespitzt: „Personalengpässe treffen auf eine beispiellose Erkrankungswelle unter Säuglingen und Kleinkindern.“
Aktuell seien es fast ausschließlich Atemwegsinfekte wie Bronchitis und Lungenentzündung, die bei einigen Kindern, vor allem jungen Säuglingen, mitunter sehr schwer verlaufen, berichtet der Chefarzt. „Diese Kinder benötigen dann eine gute pflegerische und ärztliche Betreuung, eine Monitorüberwachung und Medikamenten- und Sauerstoffgabe.“ Haupterreger dieser Erkrankungen sind aktuell das RS-Virus und das Grippevirus.
Sehr junge Säuglinge sind besonders gefährdet
Einige der erkrankten Kinder werden auch intensivpflichtig. „Wir können aber die allermeisten trotz schwerer Erkrankung gut auf der normalen Kinderstation behandeln, sodass aktuell wenige auf die Intensivstation verlegt werden müssen“, sagt der Mediziner. „Das gelingt auch deshalb gut, weil alle im Team an einem Strang ziehen und wir uns alle gegenseitig helfen, wo es nur geht“, spricht der Chefarzt seiner Mannschaft ein dickes Lob aus. Zudem seien die Stationen technisch sehr gut ausgestattet, „was uns gerade sehr zugute kommt“.
Welche kleinen Patienten sind besonders gefährdet, schwer zu erkranken? „Das sind vor allem sehr junge Säuglinge, da bei ihnen die Atemwege noch sehr klein sind. Wenn die Schleimhaut dieser Atemwege wegen der Infektion anschwillt, kann die Lunge von selbst nicht mehr genug Sauerstoff aufnehmen“, erklärt Kaßberger.
Die Welle an Infektionskrankheiten sei das eine. Hinzu komme, dass auch viele Erwachsene krank seien und dadurch reihenweise Personal in den Krankenhäusern ausfalle. „Wir haben sowohl ärztlich als auch pflegerisch Personalengpässe, die vor allem bei zusätzlichem Krankheitsausfall von Mitarbeitern manchmal kaum kompensiert werden können“, schildert der Kinderarzt die Lage. Eine Situation, die er irgendwie geahnt hat. Bereits Anfang Oktober hatte Kaßberger mit gemischten Gefühlen in die Zukunft geschaut und gesagt: „Ich weiß nicht, wie wir den vorhersehbaren Patientenansturm in den kommenden Wintermonaten mit den jetzigen Ressourcen bewältigen sollen.“
Selbst leicht erkrankte Kinder werden von ihren Eltern in die Klinik gebracht
Nun ist es so weit. Sein Team ist am Anschlag. Immer wieder mussten und müssen – wie in den umliegenden Kliniken auch – Kinder in andere Häuser verlegt werden – nämlich dann, wenn alle Betten belegt sind oder die personelle Situation keine weitere Aufnahme zulässt. „Wir versuchen aber, das zu vermeiden“, betont der Chefarzt. Aktuell sei es eher so, dass Kinder aus anderen Landkreisen in der Klinik am Eichert aufgenommen werden.
Erschwerend komme hinzu, „dass wir aktuell zusätzlich von besorgten Eltern mit leicht erkrankten Kindern förmlich überrannt werden“, berichtet Kaßberger. „Das bindet bei uns nochmals wertvolle Ressourcen.“ Viele Eltern gingen auch tagsüber in die Klinik, weil auch die niedergelassenen Kinderärzte am Limit seien und nicht immer einen Termin hätten. Die Familien müssten in der Kinderklinik oft lange warten, weil Ärzte und Pflegekräfte mit der Versorgung schwerkranker Kinder beschäftigt seien. Kaßberger bittet die Eltern eindringlich: „Helfen Sie uns, die Versorgung schwerkranker Kinder im Landkreis aufrechtzuerhalten, indem Sie nicht mit leicht kranken Kindern in die Notaufnahme kommen.“
Nicht immer ist der Besuch beim Kinderarzt notwendig
Erkältung
Das geht ohne Arzt: Kinder mit leichten Symptomen wie Husten, Schnupfen und Fieber, die noch normal reagieren, spielen und ausreichend trinken, müssen wegen einer Erkältung nicht zum Arzt – weder zum niedergelassenen Kinderarzt, noch ins Krankenhaus, sagt Dr. Fabian Kaßberger. „Es handelt sich meist um harmlose, virale Atemwegserkrankungen, die von selbst ohne Medikamente nach einigen Tagen abheilen. Der Kinderarzt kann die Heilung nicht beschleunigen.“
Sprechstunde
Umgehend zum Arzt sollten erkältete Kinder, die zum Beispiel schwer krank wirken, bei denen sich das Fieber nicht senken lässt, die apathisch sind, Atemnot haben, über längere Zeit nichts trinken oder alles erbrechen sowie Kinder unter drei Monaten, die Fieber haben, sollten umgehend dem Kinderarzt vorgestellt werden.