Bei einer Bustour rund um Weinstadt haben sich Wengerter sowie Vertreter aus Politik und Verwaltung über die Lage des regionalen Weinbaus informiert. Verwilderte und aufgegebene Rebflächen bedrohen zunehmend den Bestand der Kulturlandschaft.
Alarm im Wengert: Dort kämpft man nicht nur mit eingewanderten Schädlingen wie Kirschessigfliege oder in nassen Frühsommern wie in diesem Jahr mit altbekannten Pilzkrankheiten wie dem Falschen Mehltau. Dort bereiten – teils aus wirtschaftlichen Gründen – nicht mehr korrekt bewirtschaftete und verwildernde Flächen größere Sorgen. Überdies werden immer mehr Flächen aufgegeben und abgeräumt. Auch dort droht eine Verbuschung.
Es gibt also genug Gründe, weshalb in Weinstadt zu einer Rundtour unter anderem mit Oberbürgermeister Michael Scharmann, Landwirtschaftsdezernent Gerd Holzwarth, Wengertern sowie Vertretern aus Politik und Verwaltung eingeladen wurde, um die Problemzonen in den Weinbergen in den Blick zu nehmen. Und um aus erster Hand zu erfahren, vor welchen Herausforderungen der Weinbau derzeit steht und wie der Weinbau samt der zugehörigen landschaftsprägenden Kulturlandschaft weiterhin eine Zukunft haben kann. Denn, so der Ausgangspunkt beim Blick in die Weinberge, den Weinstadts Oberbürgermeister einführend beim Start am Stadion in Benzach erläuterte, Schwierigkeiten gebe von allen Seiten. Seien es Brachen, also nicht mehr bewirtschaftete Weinberge, seien es sich ausbreitende Pflanzenkrankheiten wie Pilzbefall durch nicht ausreichende Pflege, der Wandel bei Klima, Personal oder auch bei Verbrauchern. Und nicht zuletzt die aktuelle Marktsituation und die daraus resultierenden wirtschaftlichen Herausforderungen.
Station 1: Ein verwilderter Wengert oberhalb von Weinstadt-Schnait Die Tour zu einigen Problemzonen in den Weinbergen bei Weinstadt führt die Businsassen zu einem verwilderten Wengert oberhalb des Teilorts Schnait. Hier habe ein Kollege aus der Genossenschaft in diesem Jahr offenbar überhaupt nichts mehr in seinem immerhin 37 Ar großen Weinberg gemacht, berichtet Thomas Wahler, Vorstandsvorsitzender der Remstalkellerei.
Die Folge sind massive Schäden unter anderem durch Peronospora (Falscher Mehltau), die sich überdies auch massiv auf die benachbarten Rebflächen auswirken. Das Gras steht hoch in den Rebzeilen. Der Wildwuchs ohne jeglichen Schnitt oder Binden lässt die Rebzweige in alle Richtungen stehen, mit verfaulten, vertrockneten Überresten dessen, was einmal Trauben hätten werden können. Wahler zeigt vergleichend auf einen ordentlich gepflegten Wengert vis-á-vis der Straße – eine seiner Flächen. Diese leide stark unter dem Übertrag der Krankheitserreger aus dem Nachbarweinberg. In den Randlage führe das zu einem Ertragsverlust von bis zu 50 Prozent, und es bedeute Mehraufwand beim Pflanzenschutz.
Die Kommune sei aber mit der flächendeckenden Kontrolle der gesetzlich geforderten „guten fachlichen Pflege“ überfordert, erklärte Weinstadts Oberbürgermeister. Überdies fehle es im Zweifelsfall an der Handhabe gegen die Sünder. Dieses Problem bestätigt auch Rems-Murr-Landwirtschaftsdezernent Gerd Holzwarth: „Wenn da einer sagt, er hat gemulcht und zweimal gespritzt, dann können wir nichts tun.“ Grund für die dramatische Entwicklung, da sind sich die Weinstädter Wengerter Achim Zimmerle und Markus Dobler einig, seien in vielerlei Hinsicht wie Planzenschutzvorgaben, Bürokratie, Marktlage und massiv steigenden Kosten bei mangelhaftem Ertrag problematische Rahmenbedingungen: „Viele haben keine Lust mehr.“
Station 2: Aufgegebene Flächen unterhalb des Kleinheppacher Kopfes Szenenwechsel zur anderen Seite der Rems. „Das Ganze ist natürlich kein Weinstädter, sondern ein interkommunales Problem“, sagt Scharmann. Der Großheppacher Wengerter Zimmerle zeigt Flächen, die in diesem Fall auf Korber Gemarkung liegen, auf denen weitgehend nackte Rebenstümpfe stehen. „So wird es hier möglicherweise in zehn Jahren überall aussehen“, befürchtet Zimmerle.
Das Problem sei, dass inzwischen eben nicht nur unattraktive Randflächen oder schwierige Steillagen aufgegeben würden, sondern auch Flächen in richtig guter und zentraler Lage. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber Markus Dobler schätzt, dass hier im Remstal bereits rund zehn Prozent der Flächen verwildern oder bereits komplett aufgegeben sind. Kulturlandschaften, so Kollege Zimmerle „die schon unsere Vor-Vor-Vorfahren gepflegt haben“.
Endstation auf der mit ungewisser Zukunft kämpfenden Luitenbächer Höhe Während der Remstal-Gartenschau vor fünf Jahren ist sie zu einer Art Symbol für die Attraktivität des Remstals geworden, die Aussichtsplattform Luitenbächer Höhe in Halbhöhenlage über Großheppach. Auch das Aushängeschild der Weinpräsentationsplätze ist in Gefahr. Dort, wo am Wochenende die 14 Weingüter, die bisher die Veranstaltungsreihe „Sunsetlounge“ betreuen, am Wochenende zum Abschluss der diesjährigen Saison eine Art Solidaritätsveranstaltung für Weinbau und Kulturlandschaft veranstalten, drohen baurechtliche Restriktionen – ausgerechnet wegen des Landschaftschutzes.
Da müsse sich in der Politik einiges tun, herrschte bei der Rundfahrt eine Meinung. Die Bedingungen für die Erhaltung der Kulturlandschaft müssten verbessert werden. Auch aus wirtschaftlichen und touristischen Gründen müssten – in anderen Ländern selbstverständliche – Präsentationsmöglichkeiten in den Weinbergen genehmigbar werden. Es gehe nicht, sagte auch Grünen-Gemeinderat Manfred Sigglinger, dass Vorgaben aus den 1970er-Jahren weiter gelten. „Wenn sich die Gesellschaft verändert, müssen die Regeln angepasst werden.“