Sie wirken so lieb. Doch nicht jeder liebt sie: Waschbären haben ein schlechtes Image. Sie sollen andere Tiere gefährden, Gebäude und Gärten zerstören. Stimmt das?
Das Babyface kann täuschen. Trotz großer Niedlichkeit haben Waschbären einen schlechten Ruf. Ungeachtet ihrer putzigen Knuddelgesichtchen sind sie als Müllräuber, Gebäudevandalen, Haustierschreck, Gartenrambos oder Krankheitsverbreiter verschrien. Rasant vermehren sollen sie sich auch. Das hessische Kassel etwa haben Medien im letzten Jahr zur „Waschbärenhauptstadt“ erkoren. Laut Schätzungen sollen auf 100 Hektar mehr als 100 Tiere gelebt haben. Wie sieht es im Kreis Esslingen aus?
Waschbärenalarm auch hier? Schwer zu sagen. Denn Bestandszählungen oder Erhebungen zur Anzahl gibt es nicht, teilt der Kreis-Wildtierbeauftragte Daniel Ulmer auf Nachfrage unserer Zeitung mit. Erlegte, verendet aufgefundene oder im Straßenverkehr getötete Waschbären müssten aber aufgrund rechtlicher Vorgaben erfasst werden: „Zusammengefasst wurden im Jagdjahr 2023/2024 318 Waschbären gemeldet und im Jagdjahr 2024/2025 442 Waschbären.“
Die fehlende Zahlenbasis macht eine Einschätzung schwierig. „Da keine Erhebungen zum Bestand existieren, können auch keine Aussagen auf eine zu hohe oder eine noch angepasste Bestandsdichte getroffen werden“, fasst Daniel Ulmer zusammen. Eine Gefahrenlage für Menschen könne nach den vorliegenden Mitteilungen aber als gering eingeschätzt werden: „Angriffe sind bisher nicht bekannt. Eine Flucht wird in aller Regel vorgezogen. In eine Ecke ohne Ausweg gedrängt, kann ein Waschbär jedoch auch in Gegenwehr übergehen oder zubeißen.“ Ob es eine Bedrohung für die Umwelt gibt, sei ebenfalls nicht leicht beantwortbar. Studien oder Erhebungen zum Kreis Esslingen fehlen auch dazu.
Waschbären können Auswirkungen auf Reptilien und Amphibien haben
Haustiere sind eher gefährdet: „Wie jedes Wildtier kann auch der Waschbär Überträger von Krankheiten und Parasiten sein.“ Gehege von Kaninchen oder Hühnern sollten daher geschützt werden – durch ein gutes Verschließen sowie Schlösser oder stabile Riegel, die gegen ein einfaches Öffnen gesichert seien. Eine Übertragung von Staupe sei ebenfalls denkbar, so der Wildtierbeauftragte: „Jedoch wurden bisher keine Fälle bekannt.“ Hunde sollten dennoch gegen Staupe geimpft, Hunde und Katzen regelmäßig entwurmt werden.
Waschbären könnten zudem negative Auswirkungen auf Reptilien, Amphibien, Jungvögel und deren Eier haben, so Daniel Ulmer, wenn „diese Nahrungsquellen in ihrem Habitat liegen“. Erhebungen über die genauen Auswirkungen würden aber auch landesweit nicht vorliegen.
Waschbären gelten auch als Schrecken der Inhaber von gehegten Gärten und gepflegten Eigenheimen. Ganz so schlimm ist es im Landkreis Esslingen laut Daniel Ulmer nicht. Schäden in Gärten würden sich meist auf abgeerntete Trauben oder reifes süßes Obst beschränken: „Es werden jährlich Grabungen in Pflanzentöpfen und Gartenbeeten gemeldet. Teils wurden auch schon Pflanzen herausgerissen.“
Massive Gebäudeschäden würden dem Landratsamt nur in seltenen Fällen mitgeteilt, kämen aber dennoch vor, sagt Daniel Ulmer: „In Gebäuden neuerer Bauzeit tritt dies seltener auf. Ältere, baufällige oder beschädigte und verlassene Gebäude treten hier mehr in Erscheinung, da die Tiere hier meist ungestört Unterschlupf finden und Nachwuchs aufziehen können.“ Auch Bauten wie Gartenhütten könnten von Waschbären besiedelt werden, solange es Zugänge gebe.
Hunde- und Katzenfutter sind besondere Leckerbissen
Geraten auch Mülltonnen ins Visier der cleveren Räuber? Eher nicht, meint Daniel Ulmer. „Mülltonen stellen keinen besonders erhöhten Schwerpunkt dar, da Waschbären genug Nahrung auf leichterem Weg finden können.“ Mögliche Nahrungsquellen seien sie dennoch. Als Allesfresser könne der Waschbär auch im Abfall Fressen finden. Für die geschickten Kletterer seien geöffnete Mülltonnen kein großes Hindernis.
Daniel Ulmer empfiehlt, keine Mensch-Wildtier-Konflikte entstehen zu lassen. Vorsorgliche Maßnahmen könnten das verhindern. Zuerst einmal gelte: „Unter keinen Umständen direkt füttern.“ Nahrungsquellen sollten generell keine geboten werden. Leckerbissen rund ums Haus seien für Waschbären vor allem Katzen-, Hunde-, Igel- oder Vogelfutter. Haustiere sollten daher nicht im Freien gefüttert werden. Fallobst und reife Früchte sollten entfernt, Komposthaufen abgedeckt, keine Speisereste darauf entsorgt werden: „Mülltonnen sichern, Futterreste auf dem Boden und Vogelfutter abends entfernen.“
Klettern können sie. Darum sollten Waschbären keine Aufstiegsmöglichkeiten wie Bäume, Sträucher, Efeubewuchs oder Rankhilfen, die an oder über das Dach reichen, geboten werden: „Äste großzügig zurückschneiden. Mögliche Aufstiege an Fallrohren von Dachrinnen können mit einem glatten Kletterschutz aus Blech oder Kunststoff versehen werden. Mögliche Einstiegsöffnungen sollten konsequent und mit soliden Baumaterialien verschlossen werden.“
Der Umgang mit dem Waschbär
Problembären
Eine Meldepflicht für Waschbären gibt es laut dem Kreis-Wildtierbeauftragten Daniel Ulmer nicht. Im Landkreis würden bei Fragen und Problemen er und ausgebildete Stadtjäger als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.
Kontakt
Eine Kontaktliste der Stadtjäger ist laut Kreissprecherin Andrea Wangner nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen. Beim Wildtierbeauftragten würden Bürger entsprechende Daten erhalten. Daniel Ulmer ist unter der Telefonnummer: 0711 / 3 90 24 27 17 oder der Mail-Adresse: ordnungsamt@lra-es.de erreichbar.