al-Kaida in Syrien Die Sklavin und der Feuerwehrmann

Von Franz Feyder 

Kämpfer der Freien Syrischen Armee heben in Aleppo Schützengräben aus. Die Aufständischen sind nicht nur Ziel der Angriffe regierungstreuer Truppen sondern auch der von al-Kaida-nahen Gruppen. Foto: ALEPPO MEDIA CENTRE
Kämpfer der Freien Syrischen Armee heben in Aleppo Schützengräben aus. Die Aufständischen sind nicht nur Ziel der Angriffe regierungstreuer Truppen sondern auch der von al-Kaida-nahen Gruppen. Foto: ALEPPO MEDIA CENTRE

Eine Konstanzer Gymnasiastin ist als „Sklavin des Allmächtigen und Kriegerin Gottes“ auf die Schlachtfelder Syriens gezogen.

Ermittler des baden- württembergischen Landeskriminalamts haben einen Salafistenprediger festgenommen. Der Vorwurf: Er soll Deutsche für Terrorgruppen in Syrien angeworben haben.

Stuttgart - Sklavin des Allmächtigen will sie sein. Eine Kriegerin Gottes. Deshalb nennt sie sich Amatul’ Aziz Al-Muhajira. Die 16-Jährige begleitet seit dem vergangenen November eine silberne Pistole: „Meine neue Perle. “ Die Konstanzer Gymnasiastin wird sie brauchen können. Denn in den Herbstferien kehrte sie still und heimlich dem Bodensee und ihrem Alexander-von- Humboldt-Gymnasium den Rücken. Am Stuttgarter Flughafen legte sie eine gefälschte Vollmacht ihrer Eltern vor und flog in die Türkei. Ihre Spuren verlieren sich nach den Recherchen unserer Zeitung im Dezember in der syrischen Provinz Aleppo.

Die Region ist zu einem Wallfahrtsort für radikalislamische Söldner besonders aus Westeuropa geworden. Etwa 300 von ihnen sollen aus Deutschland stammen, wissen Analysten des Bundesamts für Verfassungsschutz. Unter ihnen sollen 25 Frauen sein. Die Dunkelziffer, sind sich die Inlandsgeheimen sicher, „ist vermutlich deutlich höher, da viele Frauen – vor allem sehr junge – den Sicherheitsbehörden vor ihrer Ausreise nicht bekannt waren“. Der Anteil der Frauen unter den Minderjährigen und jungen Menschen bis 20 Jahren die nach Syrien ziehen, sei „deutlich höher als bei den ausgereisten Männern“, etwa ein Drittel der Frauen seien Konvertitinnen.

Die suchen auf den Schlachtfeldern der Levante auch ihr persönliches Glück. Am 3. November verlobte sich der Konstanzer Teenager mit einem Dschihadisten. Genau in der Zeit, als ihr algerischer Vater und ihre deutsche Mutter sie bei der Polizei als vermisst meldeten. Am 4. Januar habe ein Imam die Ehe mit einem Kämpfer gesegnet, postet die Sklavin des Allmächtigen im Internet.

Dort bandelte die Schülerin virtuell auch mit der Sprachschule Easy Language im ägyptischen Alexandria an. Ein Institut, zu dem der aus Mönchengladbach stammende Salafistenprediger Sven Lau eine besondere Nähe hat, wie zahlreiche Videos belegen. Auf dem 54-Sekunden-Streifen „Brüder aus Alexandria“ ist der fromme Mann vom Niederrhein mit einem Baden-Württemberger zu sehen, der ebenfalls in Syrien kämpft: Munir Ibrahim aus Pforzheim.

Auf dem Weg in den umkämpften Norden Syriens war auch der Stuttgarter Ismail I., als ihn Fahnder der Polizei im November spätabends auf der Autobahn 8 bei Gruibingen stoppten. Im Gepäck des Libanesen und seines Mönchengladbacher Begleiters Mohammad A.: Nachtsichtgeräte, Uniformen, Verbandszeug und 5500 Euro Bargeld. Bestimmt für eine Dschihadisten-Gruppe, die eng mit dem El-Kaida-Ableger „Islamischer Staat im Irak und in der Levante“ (ISIL) verwoben ist.

Beide Islamisten pilgerten im Sommer 2013 mit Sven Lau zu den heiligen Stätten in Saudi-Arabien. Nach dem Ende der Wallfahrt hielt der frühere Brandmeister Kontakt zu dem radikalisierten Muslimen-Duo: Mal übergab er in Syrien Ismail I. 250 Euro, als der Stuttgarter dort in einem Ausbildungslager der Aufständischen für den Heiligen Krieg gedrillt wurde, dann wieder nahm Lau in der Mönchengladbacher Wohnung von Mohammad A. ein Video auf, in dem der sich „Abu Adam“ nennende Ex-Feuerwehrmann „Klartext spricht“: Weltweit gebe es Krieg gegen die Muslime. Deshalb sei es Pflicht jedes Gläubigen, den Geschwistern beizustehen. „Setz dich ein mit deiner Person, mach, was du tun kannst“, fordert Lau seine Zuschauer auf.

Ein paar Wochen später kündigte A. seine Stelle als Fahrlehrer und reiste nach Stuttgart. Und ging mit Ismail I. auf Einkaufstour, damit die Gotteskrieger in Syrien künftig auch bei Dunkelheit kämpfen können.

Lau selbst sammelte derweil Geld bei Spendengalas für die „Geschwister in Syrien“. Besonders begehrt war der Gladbacher bei den Organisationen „Helfen in Not“, „Help 4 Ummah“, „Islamisch Humanitärer Entwicklungsdienst“ und „Ansaar International“. Der Düsseldorfer Verein rief im vergangenen September in Stuttgart zur Kollekte auf. Auf der Gala sollten die Stars der deutschen Salafistenprediger sprechen: Pierre Vogel und Sven Lau.

Und zu Geldspenden aufrufen, mit denen Krankenwagen gekauft werden. So einer tauchte am 14. Dezember in der syrischen Provinz Latakia auf. In dem Gefährt mit dem Kennzeichen PA 386 A hockten uniformierte Dschihadisten der ISIL. Die Trage für den Krankentransport hatten sie ausgebaut. Stattdessen hatten sie ein Maschinengewehr im Fond des Wagens in Stellung gebracht. Das Überführungskennzeichen, mit dem der Krankentransporter ins Kriegsgebiet geschafft wurde, hatte ein Prediger aus Erbach besorgt.

Am vergangenen Montag nahmen Ermittler des baden-württembergischen Landeskriminalamts Lau in Mönchengladbach fest. Er soll, sind Stuttgarter Staatsanwälte überzeugt, eine schwere staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet haben und Deutsche zum Wehrdienst in einer militärischen oder militärähnlichen Einrichtung angeworben haben. Seitdem sitzt Abu Adam in der Mannheimer Justizvollzugsanstalt in Untersuchungshaft.

Das passt zu dem Bild, das die Konstanzer Dschihadistin im Dezember im Internet veröffentlichte. Auf dem hocken verschleierte Frauen mit Kalaschnikowgewehren in einem Haus in Aleppo. „Und wenn unsere Löwen schlafen, tragen wir die Verantwortung für die islamische Gemeinschaft“, hat der Teenager dazu geschrieben.

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