Russische Truppen kontrollieren das AKW-Gelände. Foto: dpa/Uncredited

Das Risiko von Atomkraftwerken in Kriegszonen wurde lange vernachlässigt. Jetzt ist die Hilflosigkeit groß, kommentiert Dieter Fuchs.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit stehen Atomkraftwerke in einer umkämpften Kriegszone. Noch schlimmer: Sie werden zum Spielball zweier Armeen und zum Faustpfand des menschenverachtenden Regimes in Moskau. Seit Ende März kontrolliert die russische Armee das größte Atomkraftwerk Europas, Saporischschja. Seit zwei Wochen wird die riesige Anlage regelmäßig mit schweren Waffen beschossen. Wer dahinter steht, ist unklar. Sowohl Russland als auch die Ukraine haben ein Interesse an einer kalkulierten Provokation. Eins steht in jedem Fall fest: Diese für einen ganzen Kontinent gefährliche Situation lässt sich für die Zukunft nur verhindern, wenn Atomkraftwerke keine Zukunft mehr haben.

 

Die Ukraine will die Kontrolle zurück

Saporischschja hat vor dem Krieg ein Fünftel des Stroms für die Ukraine geliefert. Hinzu kommt das ständige nukleare Drohpotenzial in Händen Russlands. Logischerweise hat Kiew ein großes Interesse daran, die Kontrolle über das AKW zurückzuerlangen und versucht, die internationale Gemeinschaft auch in dieser Sache auf seine Seite zu ziehen. Vernünftig wäre dies auch aufgrund der Tatsache, dass russische Truppen ukrainisches Personal zum Betreiben der Anlage zwingen. Schon alleine dies stellt ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar.

Moskau nutzt die Situation und die ominösen militärischen Attacken auf das Anlagengelände dazu, die Ukraine als Provokateur zu brandmarken, der den Westen manipulieren will. Und signalisiert gleichzeitig Kiew damit, dass man jederzeit erhebliche Teile des ukrainischen Staatsgebietes mit einem nuklearen Fallout verwüsten könnte. Diese Terrordrohung hat auch wegen der ukrainischen Sabotageakte auf russisch kontrolliertem Gebiet wachsende Bedeutung.

Einflussmöglichkeiten gibt es wenige

Die Einflussmöglichkeiten der internationalen Gemeinschaft sind gering. Zwingen könnte man Moskau allein mit militärischer Gewalt – undenkbar. Also bleibt nur eine Kooperation auf kleinster Ebene: Kontrollbesuche von UN-Institutionen, vielleicht eine Art ständiges Monitoring vor Ort, um den Eskalationswillen und die Vernebelungstaktiken um das Atomkraftwerk ein wenig zu zügeln und aufzuklären. Das alles ist extrem diffizil schon alleine aufgrund der Tatsache, dass man unbewaffnetes internationales Personal auf ein Schlachtfeld schicken müsste.

Es bleibt nur die Erkenntnis, dass die gewaltige Zerstörungskraft der Atomenergie nicht zu den Bedingtheiten des Menschen passt. Jedes politische System kann versagen – das hätte auch Tschernobyl uns schon lehren können – , jeder Staat kann instabil werden, jedes Territorium auf dieser Erde kann in eine Kriegszone verwandelt werden, auch wenn uns das im Moment unwirklich erscheint. So unwirklich wie die Tatsache, dass im Jahr 2022 ein Krieg in Europa ausbricht.