Rechtes Gedankengut findet nicht nur im Kopf statt, sondern erfasst den ganzen Menschen. Foto: dpa/Marcus Führer

Bei der Aktionswoche „Bunt statt Braun“ im Kulturhaus Schwanen in Waiblingen spricht der Neonazi-Aussteiger Christian Weißgerber über sein Leben. Er erzählt von Radikalisierung und Rechtsextremismus – und was jeder Einzelne dagegen tun kann.

Seine Vergangenheit sieht man Christian Weißgerber nicht an. Der ziemlich tätowierte Mann, Jahrgang 1989, ist ein Neonazi-Aussteiger. Bei der 17. Bunt-statt-Braun-Woche im Waiblinger Kulturhaus Schwanen erzählt er, wie er sich erst für die Radikalisierung und später dagegen entschieden hat. Als Opfer der Gesellschaft, einer schweren Kindheit mit einem gewalttätigen Vater und einer gewissen Perspektivlosigkeit stilisiert sich Christian Weißgerber bei seinem Auftritt nicht. „Ich bin es, der sich in diesen Umständen für etwas und gegen andere Möglichkeiten, die mir offenstanden, entschieden hat“, sagt er.

 

Rückzug aus der Szene im Jahr 2010

Bis 2010 gehörte Christian Weißgerber zur Führungsspitze der militanten Neonazi-Splittergruppe namens „Autonome Nationalisten“ in Thüringen. Es ist eine elitäre Gruppierung, die eine gewisse inhaltliche Nähe zu den „Identitären“ aufweist. 2010 zog er sich dann aus der rechten Szene zurück, und seit 2012 klärt Christian Weißgerber in Schulen, Universitäten und Abendveranstaltungen über die extreme Rechte und ihre moderateren Vertreter auf, zu denen er auch die Alternative für Deutschland (AfD) zählt.

Seine rechte Vergangenheit rechtfertigt Weißgerber mit keiner Silbe. Stattdessen analysiert er mit scharfem Blick und Verstand, wie er – und andere – sich radikalisiert haben. Der Autor des Buches „Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war“ sieht sich mittlerweile als Aufklärer, als einen, der für eine andere Gesellschaft eintreten will, als diejenige, in der er aufwachsen musste. Aufgrund seiner politischen Vergangenheit könne er einen wichtigen Beitrag in der Auseinandersetzung mit den unzähligen Varianten nationalistischer und rassistischer Weltanschauungen der Gegenwart leisten, sagt Weißgerber, der in Jena, Paris und Berlin Kulturwissenschaften studiert hat, in Berlin lebt und als Übersetzer und Bildungsreferent arbeitet.

Er sei nie einer gewesen, der zugeschlagen habe, berichtet Christian Weißgerber. Er habe seine Hände nie mit Blut, sondern nur mit Glasscherben, Sprühfarbe und Kleister bei Sachbeschädigungen und Hausfriedensbruch schmutzig gemacht. „Ich war ein Ideologe, der bestimmte, wer als zu vernichtender Feind gilt.“ In den Fokus habe jeder geraten können, und er habe nur durch Worte andere, die durch ihn „politisiert“ beziehungsweise „radikalisiert“ wurden, dazu gebracht, zuzuschlagen.

Aussteiger verlieren jegliche Orientierung

Der Prozess der Radikalisierung sei keiner, bei dem ausschließlich der Kopf beteiligt ist, erklärt der Aussteiger. Vorurteile, Ideologien, Ressentiments ergriffen ebenso den Körper. Veränderungen des Aussehens und der Kleidung, die Anpassung der Ernährung sowie die Militarisierung des Körpers mittels Kampfausbildung gingen damit einher. „Jeder Radikalisierungsprozess verläuft verkörpert.“ Und weil die Radikalisierung umfassend ist, verlören Aussteiger erst einmal jegliche Orientierungen und müssten neue finden. Einfache Lösungen gebe es deshalb nicht. Aber ein gelungener Ausstieg beinhalte nicht nur den endgültigen Rückzug aus der Szene und die umfassende Distanzierung von ihren Weltanschauungen, „also eine grundlegende Umorientierung des Denkens und Fühlens“. Es bedeute vor allem zu begreifen, dass die Strukturen, die er als Agitator aufgebaut hat, und die Kameraden, denen er technisches, organisatorisches oder anderes Know-how vermittelt habe, weiterwirken. „Verantwortung zu übernehmen heißt für mich, aktiv gegen das vorzugehen, woran ich jahrelang mitgewirkt habe.“

Tipps in Vorträgen und Workshops

Weil der Kampf gegen Rechts nicht nur auf Demos ausgefochten wird, sondern auch im Alltag, gibt Christian Weißgerber in Vorträgen und Workshops Tipps, um gegen rechte Ideologien und Parolen zu argumentieren. Am Mittwoch im Kulturhaus Schwanen waren Zwölftklässler aus Schorndorf aufmerksame Zuhörer. Um Verschwörungserzählungen und Vorurteile zu entkräften, seien eigenes Wissen, eigene Argumente und eine eigene Meinung wichtig, sagt er. Die meisten Vergewaltigungen an einem Ort und einem Tag passierten auf dem Oktoberfest, gingen also somit sicherlich nicht ausschließlich auf das Konto von syrischen Geflüchteten, wie in der Neonazi- und Identitären-Szene gerne behauptet werde.

Wie wichtig und zugleich gefährlich Worte sind, zeige sich daran, dass auch im modernen Antisemitismus von einem Judenproblem gesprochen werde, erklärt Christian Weißgerber. „Das impliziert natürlich auch, dass es eine Lösung für das Problem braucht.“ So wie die Welt beschrieben werde, so forme sie sich, sagt er. „Deshalb sollte jeder auf die Art und Weise achten, wie er die Welt in Worte fasst.“

Bunt statt Braun – Programmtipps

Ausstellung
Aus dem Corona-Kreativ-Wettbewerb für Schulen sind die sechs Siegerwerke zu sehen. Dazu kommen noch 28 Plakate und andere Medien, die im Kolping Berufskolleg für Grafik-Design Stuttgart entwickelt wurden. Kostenlose Führungen sind für Schulklassen nach Vereinbarung buchbar.

Festival
Zum Abschluss der 17. Bunt-statt-Braun-Woche präsentieren sich am Samstag, Beginn ist um 18 Uhr, sieben junge Bands, darunter vier Schulbands, live auf der Open-Air-Bühne der Schwaneninsel in Waiblingen und setzen mit ihrer Musik ein Zeichen für Vielfalt und gegen Rassismus, Ausgrenzung und Gewalt.