Gisela Mayer macht sich für eine bessere Prävention stark. Foto: dpa

Nach den jüngsten Bluttaten macht sich die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, Gisela Mayer für eine bessere Prävention stark. Und sie kritisiert die Medienberichterstattung.

Winnenden - Nach dem Amoklauf in einem Münchener Einkaufszentrum und der mutmaßlichen Abwehr einer ähnlichen Bluttat im Raum Ludwigsburg (siehe „Winnenden als Vorbild“) fordert die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, Gisela Mayer, neutrale Anlaufstellen für Bürger einzurichten.

Eine kriminologische Studie an der Gießener Justus-Liebig Universität, in die auch das Amokbündnis einbezogen war, habe ergeben, dass vor allen Amoktaten von den Tätern Signale ausgesendet worden seien, die aber meist nicht richtig interpretiert wurden. „Viele Menschen in der näheren Umgebung der Täter haben durchaus etwas bemerkt, aber sie wussten es nicht richtig zu deuten – und vor allem nicht, an wen sie sich wenden sollten“, sagt Mayer, die bei dem Amoklauf in Winnenden im März 2009 ihre Tochter verloren hat. Die Hemmschwelle, sich etwa an einen Lehrer zu wenden, der mit der Sache zum Direktor geht, oder die Polizei einzuschalten sei groß und auch nicht immer zielführend.

Ein flächendeckendes Beratungsnetz fehlt

Das Amokbündnis biete eine solche Lotsenhilfe an. Ganz automatisch hätten sich viele Menschen nach dem Amoklauf von Winnenden immer wieder ratsuchend an die Organisation, die aus einer Initiative von Hinterbliebenen der Opfer entstanden war, gewandt. Mayer ist überzeugt, dass auf diese Weise einige Taten verhindert werden können. Die jüngsten Vorfälle aber zeigten, dass es wichtig wäre, ein flächendeckendes Netz solcher Beratungszentren aufzubauen, an die sich jeder wenden könne, der Auffälligkeiten beobachte, ohne befürchten zu müssen, dadurch gleich ein Sondereinsatzkommando in Gang zu setzen. Ideal wäre nach Ansicht von Mayer, wenn über eine zentrale Rufnummer jeweils lokale Experten vermittelt werden könnten.

Unmittelbar nach dem Amoklauf von Winnenden sei die Bereitschaft der Politik, in die Prävention zu investieren, groß gewesen. Doch in den sieben Jahren, in denen vermeintlich nichts passiert ist, seien viele Initiativen eingeschlafen. Die Stille habe sich nun als trügerisch herausgestellt.

Kritik übt Mayer auch an der Berichterstattung der Medien. Der Münchener Amoktäter habe genau das erreicht, was ihn umgetrieben habe, indem er auf allen Kanälen in allen Details in den Mittelpunkt gestellt worden sei. In einer ungleich größeren Dimension als noch der Winnender Täter habe er auch die sozialen Netzwerke besetzt. „Aus seiner Sicht hatte er einen Riesenerfolg“, sagt Mayer.

Feige, hinterhältige Tat

Doch was ist die Alternative, die Taten verschweigen? Natürlich nicht, sagt Mayer, aber zum einen sollten einige Erkenntnisse aus der Amokforschung schon standardmäßig berücksichtigt werden – etwa, weder den Namen noch Bilder des Täters auf die Titelseiten zu heben. „Die wichtigste Frage, die sich ein Journalist stellen sollte, ist die: Könnte meine Berichterstattung auch als PR für den Täter aufgefasst werden?“

Statt dieser Interpretation Raum zu geben, müsse die Tat vielmehr „als das dargestellt werden, was sie ist: feige und hinterhältig“, sagt Mayer. „Wer möchte schon als feiger Mörder dargestellt werden?“

Gisela Mayer war an mehreren Verhandlungstagen dabei, als dem dänischen Massenmörder Breivik der Prozess gemacht wurde. Was diesem offenkundig die größten Probleme bereitet habe, sei gewesen, dass man seine psychologische Gesundheit in Frage gestellt habe. „Er wollte ein Krieger sein und kein armes Würstchen“, sagt Mayer.

Winnenden als Vorbild

Winnenden
Am 11. März 2009 läuft ein 17-Jähriger an seiner ehemaligen Schule in Winnenden Amok. In der Albertville-Realschule und auf seiner Flucht, die in Wendlingen im Kreis Esslingen endet, tötet er mit der Waffe seines Vaters 15 Menschen, bis er sich letztlich selbst das Leben nimmt.

München
Am 22. Juli 2016 eröffnet ein 18-Jähriger mit einer Waffe und mehr als 300 Schuss Munition im Rucksack das Feuer vor einem Einkaufszentrum in München. Er tötet neun Menschen und anschließend sich selbst. Der Teenager hatte sich offenkundig auf die Amoktat vorbereitet. Etwa ein Jahr zuvor war er eigens an die Albertville-Realschule gereist, um sich vor Ort ein Bild zu machen.

Gerlingen
Ein 15-jähriger Schüler des Robert-Bosch-Gymnasiums in Gerlingen wird in der Nacht zum vergangenen Dienstag vorübergehend festgenommen. Er plante möglicherweise einen Amoklauf an seiner Schule. Bei der Durchsuchung der Wohnung seiner Eltern findet sie Polizei eine größere Anzahl Kleinkaliberpatronen, mehrere Messer, Dolche und Chemikalien. Auf seine Spur sind die Ermittler geraten, weil der Junge in Kontakt mit dem Münchener Attentäter stand.

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