Farbenfroh und heiter tanzen die Cranko-Schüler in „Sabores de festejo“, dem neuen Ballett von Emanuele Babici. Foto: Roman Novitzky

Wie man über Generationengrenzen hinwegtanzt, zeigte die Benefizgala von Stuttgarter Ballett und Cranko-Schule im Opernhaus. Anlass dafür war der Abschied von Tadeusz Matacz.

Der Generationenvertrag ist, was die Rente betrifft, gerade in Frage gestellt; der demografische Wandel sorgt für Unwucht im System. Umso schöner deshalb, wenn auf der Bühne verschiedene Generationen im Einklang agieren. So geschehen am zweiten Adventssonntag im Opernhaus, als die Stars vom Stuttgarter Ballett und der Nachwuchs aus der John-Cranko-Schule gemeinsam bei der Aktion Weihnachten dieser Zeitung tanzten.

„Alles ist wie immer, und doch ist alles anders“, brachte Jan Sellner, der erste Vorsitzende der Aktion Weihnachten, den besonderen Zauber dieser Matinee auf einen Nenner. Dass die Alten und die Jungen mal nicht sauber getrennt, sondern im schönen Mix für den guten Zweck auftraten, hatte einen Grund: Die Benefizgala war zugleich die Abschiedsvorstellung für Tadeusz Matacz.

Und weil der Direktor der John-Cranko-Schule, der Ende Dezember in den Ruhestand geht, in den 27 Jahren seiner pädagogischen Tätigkeit mehrere Tänzer-Generationen ausgebildet hat, machten nun aktuelle und ehemalige Zöglinge gemeinsame Sache. Aus diesem Anlass schickte auch Ballettintendant Tamas Detrich aus seinem Ensemble nur Absolventen der John-Cranko-Schule ins Rennen.

Emanuele Babici mit einer Uraufführung

Emanuele Babici, aktuell Gruppentänzer des Stuttgarter Balletts, eröffnete den Gala-Reigen sehr heiter. Schon als Cranko-Schüler hatte der Italiener die Benefizgala genutzt, um sich als Choreograf vorzustellen. Nun verbeugte er sich in diesem Rahmen vor seinem einstigen Direktor und widmete ihm eine Uraufführung. Von Anfang an habe ihn Tadeusz Matacz unterstützt und ihm ermöglich, sich „künstlerisch ohne Grenzen und im Sinne der klassischen Tradition zu entwickeln“, notierte Babici im Programmheft.

Sein neues Stück zeigte, wie fröhlich das aussehen kann, wenn künstlerische Freiheit und klassische Tradition unter einem Hut tanzen. „Sabores de festejo“, festliche Aromen, heißt es passend. Serviert wurden diese von 16 Talenten aus der Cranko-Schule in mediterranem Flair. Zu erleben ist das quirlige Treiben auf einem Platz, wo sich junge Menschen treffen und ganz altmodisch necken. Die fließenden Bewegungen der Mädchen sind hübsch anzuschauen, die Jungs tanzen galant und selbstbewusst. Und so entwickelt sich vor Palmen und Meeresbucht ein farbenfroher Reigen, der mal auf Spitze tanzt, mal  die  jazzigen  Elemente  in der Musik frech und modern ausstellt.

Sanfte Gesellsen: Die „Nussknacker“-Kamele Foto: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett

Die Stars von heute und morgen bringt aktuell auch der Ballettklassiker „Nussknacker“ auf der Bühne des Stuttgarter Balletts zusammen; Cranko-Schüler füllen Weihnachtsszenen oder schillern als Käfer. Zwei großen Tieren gehörte die Bühne bei der Matinee im Großen Haus; die „Nussknacker“- Kamele sind besonders sanfte Gefährten. Macéo Gérard und Lassi Hirvonen ließen ihr Höckertier neckisch den langen Hals schütteln, Eva Holland-Nell und Natalie Thornley-Hall schupsten im anderen den müden Drosselmeier keck aus dem Bett. Und beide machten bereitwillig die Bühne frei für den finalen Pas de deux von Clara und dem Mensch gewordenen Nussknacker. Rocio Aleman und Martí Paixà feierten die Kraft der Liebe in einem fein gesponnenen Duett.

Fast eine Uraufführung präsentierte die junge Corps-Tänzerin Ava Arbuckle. Ihr Solo „In Cold Light“ hatte sie verletzungsbedingt beim jüngsten Noverre-Abend nicht zeigen können. Nun erzählte sie den Gala-Gästen zu modernem Sound von den Licht- und Schattenseiten des Lebens. Geschmeidigen Gesten folgen Bewegungen, die gegen Widerstände agierten, dem Mut folgt Zweifel auf den Fuß. Eine Tänzergeneration trennt Anna Osadcenko und Henrik Erikson; die Kasachin hat 2001 ihren Abschluss an der Cranko-Schule gemacht, der Schwede 2018. Nun brachte „Onegin“ die beiden in Tatjanas Schlafzimmer zusammen; als herbeigesehnter Dreamboy sorgte der junge Solist bei seinem Debüt für Höhenflüge und machte neugierig darauf, wie er die dunklen Seiten der Rolle stemmt.

Ein Dreamboy sorgt für Höhenflüge

Und auch Hans van Manens „Solo“ bringt in Stuttgart Generationen zusammen. Die Ur-Besetzung setzte vor fast drei Jahrzehnten Maßstäbe, denen sich nun Fabio Adorisio, Matteo Miccini und Adhonay Soares da Silva unerschrocken stellten. Mit Schulterzucken und Augenzwinkern meisterten sie das Tempo von Bachs Partita, als wäre es nichts.

Traum-Paar: Henrik Erikson und Anna Osadcenko in „Onegin“ Foto: Roman Novitzky

Nicht nichts, sondern im Gegenteil sehr emotionsbeladen war nach der Pause und den groß besetzten „Etüden“ der Cranko-Schüler der Abschied von dem Mann, der dieses Generationentreffen ermöglicht hatte. Für Tadeusz Matacz gab es Standing Ovations, Rosen, viele Umarmungen und auch die ein oder andere Träne.