Auch Tafelläden sind unter Druck. Foto: factum/Jürgen Bach

In schwierigen Zeiten heißt es zusammenstehen: Deshalb rufen die beiden Spendenaktionen von Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung gemeinsam dazu auf, bedürftige Menschen in Stuttgart und der Region zu unterstützen.

Stuttgart - Die gute Nachricht zuerst: Die digitalen Medien können in der Ausnahmesituation wenigstens ein klein wenig den Kummer der alten und behinderten Menschen in Pflegeeinrichtungen lindern. So hat die Caritas für ihre Wohngruppen Tablets angeschafft, damit die Bewohner über Skype den Kontakt zu ihren Angehörigen halten können. „Pro Gruppe haben wir ein Tablet“, berichtet Johannes Rost von der Caritas. Sollten die Angehörigen kein geeignetes Gerät besitzen, kann ihnen bei der Caritas ebenfalls geholfen werden. Es fehlt jedoch an weiteren Tablets.

Sozial benachteiligte Menschen oder Menschen mit gesundheitlichen Problemen haben in diesen Wochen aus vielerlei Gründen besondere Schwierigkeiten, ihre Alltagsprobleme zu managen, denn es zeigt sich: Das Virus verschärft die sozialen Unterschiede.

Vom Online-Unterricht abgehängt

Darunter zu leiden haben besonders Kinder und Jugendliche. Was macht ein Schüler, wenn er dem Online-Unterricht folgen soll, wenn Arbeitsbögen ausgedruckt werden müssen, jedoch kein tauglicher Rechner und schon gar kein Drucker vorhanden ist? Was tun, wenn mehrere Kinder lernen sollen und sich den PC noch mit den Eltern teilen müssen, die ihn für Homeoffice-Aufgaben benötigen? Die Schulprogramme sind nicht über das Smartphone abrufbar, der Gang ins Internetcafé oder der Besuch beim Klassenkameraden sind wegen der „Bleib zu Hause“-Regelung nicht erlaubt. Die Caritas und die Evangelische Gesellschaft wollen deshalb einen Finanzfonds für Laptops und Drucker einrichten, mit dem sie schnell helfen können. „Ein Laptop ist eine sinnvolle Anschaffung, denn das benötigen die Kinder in der weiterführenden Schule und in der Ausbildung später ohnehin“, begründet Sabine Reichle das Anliegen der Caritas.

Neue Anregungen durch Basteln

Ingrid Nicklaus von der Evangelischen Gesellschaft sieht sich noch mit einem unerwarteten Problem konfrontiert: „Wenn die Farbpatronen leer sind, kann man die ja nicht nachkaufen. Die Geschäfte sind zu.“ Die Bestellung im Internet ist für Familien in prekären Verhältnissen oft nicht möglich. „Unsere Sozialarbeiter haben schon über ihre eigenen Konten solche Dinge besorgt, damit die Kinder lernen können“, berichtet sie. Nach den Schulaufgaben kommt die Langeweile, und damit sind Konflikte in beengten Wohnverhältnissen unausweichlich. Beim Kinderschutzbund macht man sich Sorgen um die vorbelasteten Familien: „Zum einen, weil sie nicht mehr in die ­Beratung kommen können, zum anderen wegen des wachsenden Gewaltpotenzials“, beschreibt Beate Staatz die Lage. Deshalb will der Kinderschutzbund einen Fundus an Gesellschafts- und Puzzlespielen, Büchern und Bastelutensilien anschaffen. Auch Erde, Samen, Schaufeln und Töpfe für kleine Pflanzexperimente auf dem Balkon sollen Interesse wecken und zu gemeinsamen Aktivitäten anregen.

Dauernd ist der Kühlschrank leer

Die Auswirkungen des Virus fressen sich bis in den Kühlschrank. Das Schulessen fällt weg, und gerade Jugendliche haben oft einen gesunden Appetit. „Bei vielen Familien wird das Geld für Lebensmittel knapp“, berichtet Ingrid Nicklaus. Bei etlichen Beziehern von Arbeitslosengeld II ist wegen des Stillstands im öffentlichen Leben der Minijob oder das kleine Zubrot durch einen „Ein-Euro-Job“ weggefallen. Betroffen sind sozial Schwache davon in doppelter Weise: Der Wegfall der Arbeitsmöglichkeiten zum Beispiel durch die Schließung der Sozialkaufhäuser reißt ein Loch in die Haushaltskasse, und gleichzeitig gibt es keine günstigen Einkaufsmöglichkeiten mehr. So mussten die Tafelläden ihre Öffnungszeiten kürzen. Dabei sind die Regale voll: mit Spenden aus der Gastronomie, von Caterern und aus Schulküchen. Dennoch geht es bei den vier Läden des gemeinnützigen Vereins Schwäbische ­Tafel Stuttgart e. V. ums Ganze: „Unsere Einnahmen haben sich halbiert“, rechnet Hilli Pressel, stellvertretende Projektlei­terin, vor. Statt 2000 Kunden am Tag kommen noch 1000.

Einnahmeverluste für die Tafelläden

Die meisten ­derer, die bei der Tafel einen Job auf dem zweiten Arbeitsmarkt hatten, dürfen ­diesen aus Alters- oder gesundheitlichen Gründen derzeit nicht ausüben. Dennoch muss der Verein die Stellen von 16 Fest­angestellten finanzieren. Hinzu kommen Ladenmieten, Nebenkosten und die Kosten für den Fuhrpark.

Wegen der Ansteckungsgefahr dürfen nur noch fünf Kunden gleichzeitig im Laden sein. Es darf auch nur noch jeden zweiten Tag eingekauft werden, sonst kann das Personal die Auflagen nicht erfüllen. „Das erfordert eine Menge Erklärungs­bedarf, und viele verstehen es einfach nicht“, sagt sie. „Wir haben erfreulicherweise einige junge ehrenamtliche Mitarbeiter dazubekommen, die diese Aufgabe übernehmen.“ Ob der Verein öffentliche Gelder bekommt und wie es weitergeht, ist bisher nicht geklärt. Auch für die Ärmsten der Armen, die Wohnungslosen, werden Spenden für Einkaufsgutscheine benötigt, damit sie sich mit dem Nötigsten versorgen können. „Von den Paketen an den Zäunen halten wir nicht viel“, sagt Sabine Reichle von der Caritas. Die Zuverdienste der Wohnsitzlosen durch Flaschensammeln fallen durch den Wegfall aller öffentlichen Veranstaltungen und dem Verweilen in Parks weg.

Auch Menschen aus dem Drogenmilieu betroffen

Die Drogenberatung Release möchte ihren Klienten ebenfalls mit Carepaketen helfen. So soll ihnen, die allesamt zur Hochrisikogruppe gehören, das Einkaufen im Supermarkt erspart bleiben. Die Tagesklinik muss derzeit geschlossen bleiben, die Therapien werden telefonisch fortgesetzt. Release bietet zahlreiche Arbeitsgelegenheiten wie zum Beispiel im Kulturwerk Ost oder beim Arbeitsprojekt Star. Sie alle fallen jetzt weg und damit nicht nur die paar Euro, die sich die Klienten hinzuverdienen können, sondern auch die positiven sozialen und psychologischen Effekte, die gerade für Menschen aus dem Drogenmilieu von großer Bedeutung sind, bedauert Release-Geschäftsführer Bernd Klenk.

Schutzkleidung wird dringend gesucht

So ungewöhnlich es klingen mag, auch die Kliniken benötigen Geld- und Sachspenden, mit denen die Gesundheit des Personals in den Krankenhäusern und ­allen Pflegeeinrichtungen geschützt ­werden soll. „Wir reden täglich über die ganzen Sorgen und Nöte und benötigen dringendst Schutzausrüstungen für die Mitarbeiter“, sagt Markus Mord. Er ist Sprecher und stellvertretender Vorsitzender des Verbands Krankenhäuser in Stuttgart. Auf dem leer gefegten Markt seien skrupellose Geschäftemacher unterwegs, aber selbst bei seriösen Anbietern von Schutzkleidung sind die Preise gestiegen. Allerdings, so betont Markus Mord, keinesfalls dürfe deshalb die Gesundheit des Klinik- und Pflegepersonals riskiert werden.

So helfen wir gemeinsam

Die beiden Spendenaktionen Aktion Weihnachten e. V. der Stuttgarter Nachrichten (StN) und Hilfe für den Nachbarn e. V. der Stuttgarter Zeitung (StZ) arbeiten in dieser Ausnahmesituation eng zusammen, denn Zeiten wie diese erfordern es, auch bei der Unterstützung hilfsbedürftiger Menschen neue Wege zu gehen. Gemeinsam rufen beide Benefizaktionen deshalb zu Spenden für Menschen auf, die ohnehin schon bedürftig sind und durch die Corona-Krise noch weiter in eine finanzielle Schieflage zu geraten drohen.

Beide Aktionen arbeiten von jeher mit zahlreichen karitativen Partnerorganisationen zusammen. Über diese können bedürftige Menschen einen Spendenantrag stellen lassen. Alle Formalitäten erledigen die Sachbearbeiter der jeweiligen Organisation. Bei der Corona-Soforthilfe zeigt sich, dass eine schnelle unbürokratische Unterstützung – zum Beispiel für den Kauf von Schüler-Laptops – über den Dienstweg eines individuellen Spendenantrags nicht praktikabel ist. Die Partnerorganisationen benötigen einen Fonds, aus dem sie schöpfen können.

Beide Benefizaktionen sind stolz darauf, dass sie jeden Cent an die bedürftigen Menschen weitergeben können. Alle Unkosten werden von StZ und StN getragen. Das ist auch bei der Corona-Soforthilfe so. Spenden erbitten wir auf das Konto von Hilfe für den Nachbarn. Gemeinsam wird entschieden, für welche Verwendungszwecke sie vergeben werden.

Spendenkonto Aktion Weihnachten e. V.
Baden-Württembergische Bank Kto. 234 234 0, BLZ 600 501 01 IBAN DE04 6005 0101 0002 3423 40 BIC SOLADEST Stichwort: Corona Wir danken allen Spendern!

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