Aktion Weihnachten 2017 Der Dirigent sagt Adieu nach 25 Jahren

Von Bernd Heiden 

Schwungvoll zum Abschied: Quempas-Dirigent Ulrich Walddörfer Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Schwungvoll zum Abschied: Quempas-Dirigent Ulrich Walddörfer Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Ulrich Walddörfer leitete seit 1993 die alljährlichen Quempas-Konzerte der Bosch-Musikgruppen. Am Dienstag hatte der Dirigent seinen letzten Auftritt in der Stiftskirche.

Stuttgart - Es ist wie alle Jahre wieder. Zum Abschluss des Quempas-Singens der Bosch-Musikgruppen am Dienstagabend in der Stuttgarter Stiftskirche stimmen Chöre, Orchester und Besucher „Oh, du fröhliche an“. Doch diesmal mischt sich darunter Wehmut. Ulrich Walddörfer legt den Quempas-Dirigierstab endgültig nieder.

Eine alte Tradition haben die Bosch-Musikgruppen mit ihrem Auftritt in die Gegenwart geführt: Das aus allen vier Kirchenecken reihum gesungene lateinische Kirchenlied „Quem pastores laudavere“, zu Deutsch „Den die Hirten lobeten sehre“, kurz „Quempas“, war vor Jahrhunderten Kern der weihnachtlichen Christmesse. Mit den Bosch-Musikgruppen ist daraus wieder eine Tradition geworden. Und die hat für Tausende Besucher der letzten Jahrzehnte einen Namen: Ulrich Walddörfer. Der heute 66-Jährige übernahm 1993 die Leitung des Bosch-Chors sowie des Bosch-Sinfonieorchesters und stand seitdem jährlich beim Quempas-Singen am Dirigierpult.

Seine Abschiedsvorstellung nun kam mit Ankündigung. Vor vier Jahren hatte er die Leitung des Bosch-Sinfonieorchesters an Hannes Reich abgegeben und im vergangenen Jahr dem Bosch-Chor seinen kommenden Rückzug mitgeteilt. Die Entscheidung über Walddörfers Nachfolge beim Bosch-Chor soll im Januar fallen.

Beschauliche Idylle, bedrohliche Szenarien

So ordentlich die Zukunft der Ensembles geregelt ist, so verlief auch das diesjährige Quempas-Singen. Längst hatte sich der scheidende Chef für sein persönliches Finale John Rutters erst 1990 uraufgeführtes „Magnificat“ ausgeguckt. Hier ist das ganz große Orchester mitsamt komplettem Bläsersatz und sogar Harfe gefragt. Womit Walddörfer nochmals alle seine Bosch-Musiker beim konzertanten Hauptwerk unter seinem Dirigierstab vereinigte.

Der 120 Köpfe große, mit Mitgliedern des Philharmonischen Chors Heilbronn verstärkte Chor leuchtete die vielen Musikfacetten von Rutters „Magnificat“, die von Anklängen an Bernsteins „Westside-Story“ über den Impressionismus bis zum archaischen gregorianischen Choral reichen, mal entschieden, mal behutsam aus. Das Orchester steuert dazu mannigfaltige Klangfarben, Rhythmen und Harmonien bei, die beschauliche Idylle, aber auch bedrohliche Szenarien bis hin zum beschwingten Finale kreieren. Solosopranistin Christine Reber schwebt in ihren Auftritten selbst in große Höhe leicht.

Organist Martin Kaleschke in einer Sonderrolle

Die von Kirsten Schatz geleiteten Bosch-Blechbläser geben sich in ihrem traditionellen Soloauftritt an Rutter angepasst. Statt wie üblich ältere, oft vorbarocke Bläsermusik, intonieren sie ein junges amerikanisches Arrangement eines englischen Weihnachtsliedes mit Schlagwerkunterstützung. Zum Walddörfer-Abschied schlüpft auch Organist Martin Kaleschke in eine Sonderrolle, lässt als Solist ein prächtiges Bach-Präludium (BWV 547) hören: In den vergangenen Jahren hatte er nur die Aufgabe, die in den Schluss-Strophen gemeinsam mit Publikum gesungenen weihnachtlichen Choräle zu begleiten.

War somit beim Quempas 2017 einiges anders, so blieb die Keimzelle unangestastet. Das halbe Hundert Kinder des von Aja Schwörer geleiteten Unterstufenchors vom Saliergymnasium Waiblingen verteilte sich zur Konzertmitte in den Kirchenecken und stimmte den Quempas an. Und wie gehabt geht der Erlös eines der beiden Quempas-Konzerte an die Aktion Weihnachten unserer Zeitung – ein guter Grund, bei aller Wehmut zu Walddörfers Quempas-Abschied dieses Wort zu setzen: Halleluja!

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