Die Aktion Weihnachten hat begonnen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

In jungen Jahren lief alles gut: Frau, zwei Kinder, ein auskömmliches Leben in der Nähe des sizilianischen Sehnsuchtsorts Taormina. Auf der Suche nach Arbeit kam Herr M. nach Deutschland, wurde von der Frau verlassen und einer psychischen Erkrankung heimgesucht.

Stuttgart - Antik ist die Wohnstatt von Herrn M. nicht, aber 275 Jahre hat das Häuschen immerhin auf dem Buckel. Es liegt im alten Kern eines Teilorts, ein kleines Lattentürchen im Gartenzaun erinnert an den Zugang zum Knusperhäuschen aus dem Märchen. Im Vorraum stehen ein Herd, daneben Küchenschränke im Stil der Frankfurter Küche, dem Prototyp der Einbauküche. Nur, eingebaut ist nichts hier in diesem Raum.

Zerfallendes Mobiliar

Der Türstock in das folgende Zimmer ist so niedrig, dass Besucher unwillkürlich den Kopf einziehen. Der Plafond drinnen ist nicht wesentlich höher. Das Mobiliar ist wackelig, es stammt aus den 50er Jahren: Büfett, Couchtisch, Couch. Damit ist der etwa zwölf Quadratmeter große Raum fast schon überfüllt. Auf der Couch sitzt Herr M. und schaut ins Leere. Seine Betreuerin rückt einen Stuhl heran und sagt: „Es ist der einzige funktionstüchtige.“ Dann weist sie auf die Matratze, die auf die Couch gelegt wurde und die unter Herrn M.’s Gewicht in der Mitte einknickt. Rechts und links strebt sie nach oben. „Bald kommt das Pflegebett, dann liegt Herr M. endlich wieder gut.“ Im neuen Kaminofen prasselt ein Feuer, dessen Wärme Herr M. sichtlich genießt. „Der Ofen ist ­romantisch“, sagt er, den habe sein Vermieter vor kurzem eingebaut, auch Holz bringe der, „der meint es wirklich gut mit mir.“

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Im Gegensatz zum Leben. Vor 61 Jahren ist Herr M. in Stuttgart geboren, hat Betonbauer gelernt. Er habe „als Junger viel gearbeitet“, sagt er. Als er seine Frau kennenlernt, beschließen beide, in ihre Heimat Sizilien zu ziehen. Die Familie lebt in sonnigen Gefilden nahe des Sehnsuchtsorts Taormina, es kommen zwei Töchter zur Welt, doch dann werden die Anstellungen immer kürzer und Herr M. findet immer seltener einen Auftraggeber oder Job. Um die Familie über Wasser zu halten, reist er nach Deutschland und führt vier Jahre lang eine Fernbeziehung mit der Familie. Das Einkommen ist gesichert, man beschränkt sich auf Besuche während des Urlaubs oder der Ferien. Eines Tages fällt Herr M. plötzlich bei der Arbeit um. Vor 20 Jahren passierte ihm das zum ersten Mal, „ich habe gedacht, es sei der Kreislauf“, sagt Herr M. Doch der Vorfall wiederholt sich mehrfach, man stellt Diabetes fest.

M. verliert seine Arbeit, und seine Frau möchte nicht mit den Kindern aus Sizilien zurückkommen. Diese Verletzung sitzt tief, Depressionen stellen sich ein, Schizophrenie macht sich breit, und die einzige, zu der er flüchten kann, ist seine Mutter, die das kleine Häuschen bewohnt. Er schläft auf der Wohnzimmercouch, sie in einem nicht minder winzigen Zimmer. So bilden sie 20 Jahre lang eine Gemeinschaft, bis die Mutter im Alter von 87 Jahren stirbt. Zurück bleiben ein Zimmer voller sperrmüllreifer Möbel und ein Sohn, der seelisch krank ist und mit allen Alltagsproblemen, auch mit seinem ­offenen Fuß, auf sich selbst gestellt ist.

Kontakt zu Kindern ist der größte Wunsch

Die Böden des Häuschens mögen schief und krumm sein, die Teppiche mit Orientmuster fadenscheinig, die Wände voller ­Patina, das Einkommen auf Höhe der Grundsicherung – Herr M. möchte sein ­Zuhause nicht verlassen. „Nein, ein Pflegeheim wäre nichts für mich.“ Er fühlt sich geborgen, umsorgt von seinem Vermieter und der Gemeindeschwester, die drei Mal am Tag kommt, und von seiner Betreuerin. „Ich kriege Essen auf Rädern, und zum Metzger kann ich von hier aus auch noch laufen.“ Noch einmal Kontakt zu seinen Kindern bekommen, das sei sein größter Wunsch. Den kann die Aktion Weihnachten nicht erfüllen, aber sie kann dabei helfen, seine zwei ­kleinen Kammern wieder sauberer und ­bequemer zu machen.

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