Zum Abschied ihres Direktors Tadeusz Matacz tanzen die Cranko-Schüler das Ballett „Etüden“ in großer Besetzung. Foto: Roman Novitzky

Die Ballettgala für die Aktion Weihnachten unserer Zeitung war zugleich die Abschiedsvorstellung von Tadeusz Matacz. Der Direktor der Cranko-Schule geht am Jahresende in den Ruhestand.

Fast schon eine Tradition: Den zweiten Adventssonntag streichen sich Tanzfans im Kalender rot an, dann treten John-Cranko-Schule und Stuttgarter Ballett für die Aktion Weihnachten unserer Zeitung im Opernhaus auf. Weil die Matinee mit ungewöhnlichen Tanzbegegnungen einmalige Momente schenkt, waren die Karten auch in diesem Jahr in Windeseile weg.

Wer ein Ticket ergattern konnte, durfte sich an diesem Sonntag aus einem weiteren Grund glücklich schätzen: Die Benefizgala war die letzte Amtshandlung von Tadeusz Matacz; der Leiter der John-Cranko-Schule geht nach 27 Dienstjahren am Jahresende in den Ruhestand. Aus diesem Anlass zeigten zwei tanzpralle Stunden im Opernhaus noch einmal wie unter einer Lupe, was die Arbeit dieses Ballettpädagogen ausmacht.

Tadeusz Matacz Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Mataczs hoher Anspruch kam an diesem Vormittag aufs Schönste besonders in einem Stück zum Ausdruck: in den mit 120 jungen Talenten groß besetzten „Etüden“. Der Direktor hat dieses Ballett mit dem Pädagogen-Team der Cranko-Schule dem Nachwuchs auf den Leib choreografiert. Zu sehen ist, was für Tadeusz Matacz den klassischen Tanz ausmacht: Wie man lernt, mit den Muskeln die Musik zu hören, wie man Rhythmus und Melodie auf sich wirken lässt – und wie man dann dem Publikum zu dieser äußeren Bewegung auch noch eine innere Bewegtheit mitteilt, ohne die Tanz hohles Virtuosentum bleiben würde.

„Etüden“ zeigt eine Ballettausbildung im Zeitraffer

Dieses Stück, das quasi eine Ballettausbildung im Zeitraffer zeigt, durfte das Publikum der Aktion Weihnachten zum Abschied Tadeusz Mataczs noch einmal in Gänze erleben. Das war zwar eine Herausforderung für die jüngsten darunter, für alle anderen aber pure Freude. Wie der Tanz sich Menschen aussucht, wie der einzelne später in der Gruppe aufgeht, wird höchst lebendig erzählt. Fenster scheinen da auf einzelne Lektionen aufzugehen, Paartanz, Pirouetten oder Sprünge werden eingeübt. Und selbst wenn Carl Czernys Musik flott Tempo macht, bleiben bei den Tänzerinnen und Tänzern strahlende Minen und das Streben nach Bestleistung nicht auf der Strecke.

Die Aktion Weihnachten sagt Danke

Sehr besonders war die Stimmung bei dieser Gala von Beginn an. Die Spannung großer Vorfreude flirrte über den Gästen im Opernhaus, als Jan Sellner vor den Vorhang trat. Auch ihm war es als erstem Vorsitzenden der Aktion Weihnachten wichtig, sich zum Abschied noch einmal vor Tadeusz Matacz und seiner Unterstützung der Aktion Weihnachten zu verbeugen. „Wir wollen uns für das großartige Engagement bedanken, für berührende Momente auf der Bühne. Danke, Tadeusz Matacz, für all das Schöne!“, fasste Jan Sellner einen Einsatz zusammen, der vieles ermöglichte.

Mit dem Abschied von Tadeusz Matacz ende eine Ära, so Jan Sellner. „Diese Ära steht für große Erfolge. Für Präzision, Perfektion, für Leidenschaft und Begeisterung für das Ballett. „Es blühte die Tanzkunst und es blühte die John-Cranko-Schule, deren großartigen Neubau er maßgeblich mit konzipiert hat“, zählte Jan Sellner Mataczs Verdienste auf - auch den: Mehr als eine halbe Million Euro sind in den 27 Jahren, in denen er die Schule leitete, der Aktion Weihnachten an Erlös aus den Ballettmatineen zugeflossen, hat Jan Sellner errechnet.

Eine Ballettgala im Zeichen des Abschieds

In diesem Jahr dienen die Spenden dazu, Opfern von Straftaten über den Leonberger Verein Seehaus zu helfen. Auch lokale Hilfsangebote für Menschen mit Demenz und der Mittagstisch für Obdachlose, den das Café 72 in Bad Cannstatt anbietet, werden mit dem Erlös der Ballettgala gefördert.

Schön wie immer - und doch auch anders war diese Benefizmatinee. Ganz im Zeichen des Abschieds von Tadeusz Matacz klang sie sehr stimmungsvoll mit den „Etüden“ aus. Am Ende gab es Standing Ovations von einem beeindruckten Publikum. Dieser Schlussapplaus begleitete die lange Reihe von Tänzerinnen und Tänzern des Stuttgarter Balletts, die dem scheidenden Direktor der John-Cranko-Schule rote Rosen überreichten. Dreiviertel des Ensembles hat seine Ausbildung in der Cranko-Schule absolviert und steht für die hohe tänzerische Qualität, mit der sich das Stuttgarter Ballett in der internationalen Spitze etablieren konnte. Das war dem Intendanten Tamas Detrich am Sonntag einen Kniefall wert, um Tadeusz Matacz eine letzte Rose zu überreichen.