Der Lockdown war für manche Kinder gefährlich. Foto: dpa/Nicolas Armer

Leuchtturmprojekt der Aktion Weihnachten: Das Stuttgarter Kinderschutzzentrum will eine Online-Beratung aufbauen. In der Pandemie haben viele Kinder und Jugendliche Gewalterfahrungen gemacht. Die jungen Opfer sollen leichter Hilfe finden.

Stuttgart - Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung – eigentlich. Doch die Realität ist eine andere. Das weiß man auch im Stuttgarter Kinderschutzzentrum (KISZ) bedauerlicherweise nur zu gut. In der Coronapandemie, vor allem im Lockdown, ist vieles zusammengekommen, das Gewalt in Familien begünstigt hat: Eltern standen unter großem Druck, zerrissen zwischen Arbeit, Homeschooling, vielleicht belastet mit Sorgen um den eigenen Job. Wer beengt wohnt, hatte es noch schwerer, zumal die Söhne und Töchter oft unausgeglichener waren als gewohnt, weil der Ausgleich über Sport in Vereinen und das Spiel mit den Gleichaltrigen fehlte.

Auf dem Papier weniger Anfragen während des Lockdowns

Dennoch erreichten das Kinderschutzzentrum während der Lockdowns weniger Anfragen „neuer“ Kinder – auf dem Papier waren die Beratungen 2020 rückläufig. Das war für die Beraterinnen aber eher beunruhigend. Schließlich weiß man, dass die Fälle häuslicher Gewalt in der Pandemie gestiegen sind. „Die Kinder haben uns im Nachhinein berichtet, dass sie niemanden hatten, an den sie sich wenden konnten“, sagt die KISZ-Leiterin Karin Gäbel-Jazdi. „Kinder und Jugendliche sind sehr davon abhängig, von anderen Erwachsenen gesehen zu werden“, ergänzt die Beraterin Marei Kübler. Gerade Lehrer oder Schulsozialarbeiter fehlten als Ansprechpartner und Vermittler.

Die Tochter mit dem Gürtel geschlagen

Was das für Folgen haben kann, schildert Kübler anhand des Falls einer Elfjährigen aus Stuttgart. Die Eltern sind berufstätig und seien „maßlos überfordert“ gewesen während der Zeit des Homeschoolings. Sie haben auch noch ein Kitakind, um das sie sich kümmern müssen. Als die Fünftklässlerin zu Hause die Hausaufgaben nicht selbstständig und ordentlich genug erledigte, sei der Vater ausgerastet und habe zu der Bestrafungsmethode gegriffen, die er aus seiner Kindheit kannte: „Er hat seine Tochter mit dem Gürtel geschlagen.“ Diese massive Gewalterfahrung sei neu für das Mädchen gewesen. Das Ganze sei jedoch erst rausgekommen, als sie wieder in Präsenz zur Schule ging. „Sie hat sich einem Lehrer anvertraut“, berichtet Kübler und kam so zur Therapie ins KISZ.

Da sei aber schon viel Zeit vergangen – leider. Das Kinderschutzzentrum will seinen Anteil tun, damit die jungen Opfer unkompliziert, flexibel und schnell Hilfe bekommen können. Es will eine Online-Beratung anbieten. Die Aktion Weihnachten erachtet dieses Projekt als besonders förderwürdig und will die nötigen Mittel für die Verwirklichung geben. Die Online-Beratung ist ein Leuchtturmprojekt der diesjährigen Spendenaktion – und selten ist uns die Entscheidung leichter gefallen.

Viele Kinder und Jugendliche digital besser zu erreichen

Die Beratung wäre sowohl per Video als auch per Chat möglich, so Kübler. Gerade ältere Kinder und Jugendliche seien digital besser zu erreichen. Sie würden sich nicht von sich aus auf den Weg in die Alexanderstraße machen. Eine Nachricht per Chat zu schreiben ist einfacher. Und die Kinder können selbst entscheiden, wann sie ihren Hilferuf absenden: in Zeiten der Ganztagsschule könne das wichtig sein. Per Smartphone kann auch nachts geschrieben werden.

Auch Betroffene sexualisierter Gewalt seien über diese Art der niedrigschwelligen Beratung besser erreichbar. „Die Überwindung von Schweigegeboten wird erleichtert“, weiß man beim KISZ. Dass Beratung generell auch digital funktioniert, hätten sie in der Pandemie gemerkt – eine der positiven Überraschungen in dieser Zeit.

Die Software existiert bereits

Was praktisch ist: Die nötige freie und datenschutzkonforme Software existiert bereits. Sie muss nur noch für das Kinderschutzzentrum angepasst und optimiert werden. Die Software sei ursprünglich für den Deutschen Caritasverband entwickelt worden, so Kübler, und dürfe auch von ihnen verwendet werden. Die Optik der Plattform werde voraussichtlich einem Messenger ähnlich sein. Über Schulen, Jugendhäuser, aber auch über ausgewählte Influencer wolle man das Angebot bekannt machen, sobald es an den Start geht – und auch wir berichten natürlich, wenn es los geht.

So können Sie spenden

Konten
Die Aktion Weihnachten freut sich über Spenden. Wenn Ihr Name als Spender veröffentlicht werden darf, vermerken Sie das bitte unbedingt bei der Überweisung. Die Konten lauten: Baden-Württembergische Bank, IBAN DE04 6005 0101 0002 3423 40, Schwäbische Bank, IBAN DE85 6002 0100 0000 0063 00.