Aktion Weihnachten 2018 Um 4 Uhr morgens klingelt die Polizei

Von Viola Volland 

Im Juni 2017 starteten viele Flieger mit abgeschobenen Flüchtlingen – in einem saß auch Herr L.. Foto: dpa
Im Juni 2017 starteten viele Flieger mit abgeschobenen Flüchtlingen – in einem saß auch Herr L.. Foto: dpa

Am 23. Juni 2017 ist Herr L., dessen Frau Deutsche ist, abgeschoben worden. Die legale Wiedereinreise gelang nach sieben Monaten. Nun soll das Ehepaar die Abschiebungskosten tragen. Frau L. ist depressiv und verschuldet. In der Zeit ohne ihren Mann hat sie, gelähmt vor Angst, viele Rechnungen nicht bezahlt.

Stuttgart - Frau L. hat Tränen in den Augen, als sie von der Nacht auf den 23. Juni 2017 erzählt. Um 4 Uhr klingelte die Bundespolizei an der Tür. Vier Beamte kamen in die Wohnung, um Herrn L. abzuholen. Die vier seien sehr nett gewesen, erinnert sich die 46-Jährige, 30 Minuten lang hätten sie sich verabschieden dürfen. Dann nahmen sie Herrn L. mit. Mit einer Deutschen verheiratet zu sein, schützte ihn nicht vor der Abschiebung. Um 10 Uhr ging sein Flieger in sein Heimatland Algerien. „Für mich war das ein Weltuntergang“, sagt Frau L..

Kennen gelernt hatten sich die beiden im Sommer 2015. Er hatte ihr nach einem Hustenanfall etwas zum Trinken angeboten. So kamen sie ins Gespräch. Sie war in einem Tief, kurz zuvor war der Verlobte ihrer Tochter bei einem Unfall gestorben. Herr L. schaffte es, sie zum Lachen zu bringen. Aus Freundschaft sei Liebe entstanden. Am 11. November 2016 heirateten sie. Ihr Mann sei ihre Rettung, sagt Frau L., die schon lange mit Depressionen zu kämpfen hat.

Frau L. öffnete ihre Briefe nicht, Schulden häuften sich

Frau L. macht rückblickend ihren Anwalt dafür verantwortlich, dass es zur Abschiebung kam. Er habe sie falsch beraten, meint sie. Der Hintergrund: Herr L. war seit April 2016 nach einem abgelehnten Asylantrag ausreisepflichtig. Die Sachbearbeiterin der Stuttgarter Ausländerbehörde soll dem Ehepaar auch erklärt haben, dass er freiwillig nach Algerien ausreisen müsste, um von dort aus ein gültiges Visum bei der Botschaft zu beantragen. Von Deutschland aus ließe sich das nicht regeln. Der Rechtsanwalt habe aber von der Ausreise abgeraten, so das Paar. Herr L. sollte stattdessen arbeiten, dann sei alles gut. Doch ohne Arbeitsgenehmigung fand Herr L. keine Anstellung.

Bei Frau L. löste die Abschiebung eine Krise aus. Sie öffnete keine Briefe, zahlte keine Rechnungen mehr, auch nicht die Miete. Sie hatte Selbstmordgedanken, musste in die Klinik. Nach der Entlassung hätte sie einen neuen Antrag beim Jobcenter stellen müssen, doch sie war überfordert, so kam kein Geld aufs Konto. Die Schulden wuchsen. „Es war schwer, nicht für sie da sein zu können“, sagt Herr L., der damals per Whats­app Kontakt mit seiner Frau hielt.

Zwei Raten hat das Paar schon an das Regierungspräsidium gezahlt

Er sei ihr „Anker“ gewesen, sagt Frau L.. Für ihn schaffte sie es, sich aufzuraffen. Sie ging zur Ausländerbehörde, wo sie auf eine hilfsbereite Sachbearbeiterin traf. Im Januar 2018, nach sieben Monaten, konnte Herr L. zurückkehren – ganz legal. „Abgemagert bis auf die Knochen“, sei er da gewesen, erinnert sie sich.

Sein Visum ist drei Jahre gültig und enthält die wichtige Arbeitserlaubnis. Es könnte aufwärts gehen. Herr L. hat im Oktober die gute Nachricht erhalten, dass sein algerisches Sportdiplom anerkannt wird. Aktuell macht er einen Sprachkurs, danach hofft er, als Trainer arbeiten und die beiden ernähren zu können. Frau L. kann aufgrund ihrer psychischen Erkrankung nicht mehr wie früher im Lager arbeiten. Sie ist mit einem Träger in Kontakt, der psychisch Kranken den Wiedereinstieg in Arbeit ermöglicht.

Sorgen machen ihnen die Schulden. Allein die Mietschulden betragen 1500 Euro. Der größte Posten ist eine Rechnung des Regierungspräsidiums Karlsruhe über knapp 2540 Euro. Die Kosten für die Abschiebung will das RP zurück haben. Zwei Raten haben sie bereits gezahlt. Die Aktion Weihnachten übernimmt den Rest der Abschiebekosten, damit das Paar eine Chance hat, aus der Schuldenfalle heraus zu kommen.

Sie können Spenden auf folgende Konten einzahlen: Baden-Württembergische Bank, Iban DE04 6005 0101 0002 3423 40 oder Schwäbische Bank, Iban DE85 6002 0100 0000 0063 00. Wenn Ihr Name veröffentlicht werden soll, vermerken Sie das bitte unbedingt bei der Überweisung.

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