Aktion Weihnachten 2018 Gemeinsame Mahlzeit mit der „Familie“

Von Viola Volland 

Die drei Köche sind zufrieden – die Klöße haben sie am Vortag vorbereitet. Foto: vv
Die drei Köche sind zufrieden – die Klöße haben sie am Vortag vorbereitet. Foto: vv

Das Gemeindepsychiatrische Zentrum des Klinikums in Feuerbach ist Anlaufstelle für psychisch Kranke. Die Aktion Weihnachten unterstützt den Mittagstisch. Donnerstags kochen immer Klienten. Wir waren dabei.

Stuttgart - Es ist 12 Uhr an einem Donnerstagnachmittag – Zeit fürs Mittagessen im Gemeindepsychiatrischen Zentrum (GPZ) des Klinikums Stuttgart in Feuerbach. „Hallo Familie“, ruft Herr T. gut gelaunt in den Raum, in der Hand eine Schöpfkelle, vor sich große, dampfende Töpfe. Sofort bildet sich eine Essensschlange. Jeden Donnerstag kochen Herr T. und Herr D. zusammen im GPZ, manchmal, wie auch diesmal werden sie dabei von Herrn M. unterstützt, der ein gefragter Helfer in der Küche ist, weil der ehemalige Drogenabhängige ursprünglich aus der Gastronomie kommt. Alle drei sind selbst Klienten der niedrigschwelligen Anlaufstelle für psychisch Kranke.

Und sie haben sich ganz offensichtlich einen guten Ruf erkocht: 28 Leute sind gekommen, um sich Schweinenackenbraten, selbst gemachte schlesische Kartoffelknödel und mit Äpfeln verfeinertes Rotkraut schmecken zu lassen – für 2,80 Euro. „Das ist ja wie eine vorgezogene Weihnachtsfeier“, freut sich eine Frau aus der Schlange. Die Zubereitung war tatsächlich aufwendig: Dienstag haben Herr T. und Herr D. eingekauft, Mittwoch die Knödel gemacht – und nun haben sie zu dritt auch schon wieder seit drei Stunden in der Küche gestanden. „Wir sind ein Team, wir ergänzen uns“, sagt Herr T. Das gelte nicht nur für die Arbeit am Herd, sondern auch für ihre Diagnosen.

Alle gängigen psychischen Erkrankungen sind vertreten

Herr T. ist 39 Jahre alt und hat eine bipolare Störung, das Manische sei bei ihm stärker als das Depressive. „Ich bin der Aufgedrehte.“ Herr D. hingegen sei der Ruhige, der hole ihn wieder runter. Herr D. ist chronisch depressiv. Dennoch schafft er es, den Mittagstisch jede Woche mit zu verantworten. „Für mich bedeutet das, dass ich für etwas zu gebrauchen bin, ich kann die anderen beglücken, das tut mir gut“, sagt der 54-Jährige. Wenn er im GPZ zu tun habe, könne er nicht an seine Krankheit denken.

Auch den Besuchern sind die gemeinsamen Mahlzeiten wichtig. Schizophrenie, Depression, Angststörungen, Borderline – alle geläufigen psychischen Erkrankungen seien bei ihren Klienten vertreten, sagt die Dienststellenleiterin des GPZ Feuerbach/Weilimdorf, Stefanie Waller. Allein im Jahr 2017 hätten rund 606 Menschen das GPZ aufgesucht. Sie können hier die Angebote, wie Malen, Zumba-Tanzen oder Englischlernen nutzen, oder einfach nur zum Essen, zum Wäschewaschen oder zum gemeinsamen Spielen kommen. Drei Mal die Woche gibt es Mittagessen, einmal Frühstück. Das verleihe der Woche Struktur, erklärt Waller. Die meisten ihrer Klienten lebten allein.

Er freut sich, wenn es den anderen schmeckt

Wie bei Frau Ü., einer promovierten Sozialwissenschaftlerin, die an Borderline leidet und über die Trennung von ihrem Mann die Kontrolle über ihr Leben verlor. Auch für sie ist die Gemeinschaft „wie eine kleine Familie“. Langsam tastet sie sich zurück ins Leben – dabei helfe ihr das GPZ. Sie isst nicht jedes Mal mit, sondern setzt sich immer wieder auch nur zu den anderen dazu, weil sie zusätzlich eine Essstörung hat.

Oder wie bei Herrn M., den Koch, der geschieden ist, zwei erwachsene Kinder hat, die „nichts von mir wissen wollen“ und der sich freut, hier im GPZ Bestätigung zu bekommen. Der 55-Jährige hat auch noch ADHS, seit zwölf Jahren ist er clean. Herr M. packt sich seine Portion in eine Dose. Er isst nur abends feste Nahrung. Mit 20 Jahren hatte er auch als Folge des Drogenkonsums Magenkrebs, ihm wurde der Magen entfernt. Seither ist das Hungergefühl weg. Für ihn zählt, wenn es den anderen schmeckt.

Die Aktion Weihnachten unterstützt den Mittagstisch des Gemeindepsychiatrischen Zentrums des Klinikums. Außerdem wollen wir dem GPZ Ausflüge mit ihren Klienten ermöglichen: ins Museum, Theater, in die Oper. „Es geht um Aktivitäten, die sie alleine nicht machen würden, alleine trauen sie sich nicht“, erklärt Stefanie Waller. Wenn auch Sie helfen wollen, erfahren Sie wie hier Sie spenden können.