Gehen ist besser als zur Schule fahren, da sind sich Schüler, Lehrer und Eltern der Riedseeschule mit der Polizei einig. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

35 Grundschulen beteiligen sich an der Aktion „Sicher zu Fuß zur Schule“. 35 andere Grundschulen nehmen gar nicht oder nicht mehr teil. Die Gründe dafür sind unterschiedlich.

Stuttgart - Einmal in der Woche wird Tom Albrecht von seinem Papa mit dem Auto in die Schule gebracht. Das ist aber eine Ausnahme. Sonst geht der Viertklässler aus der Riedseeschule den etwa einen Kilometer langen Weg durch lauter Wohnstraßen ohne kritische Gefahrenstellen selbstverständlich zu Fuß. Meist zusammen mit den Schwestern Jule und Anne Volkert.

„Eigentlich kommen alle unsere Buben und Mädchen zu Fuß in die Schule“, versichert Alexandra Beyer, die Rektorin der vierzügigen Grundschule mit 308 Schülern. „Das Projekt ,Sicher zu Fuß zur Schule‘ gab dafür die Initialzündung.“ Denn die Riedseeschule gehörte zu den ersten 20 Grundschulen, die an dem Gemeinschaftsprojekt von Stadt, Staatlichem Schulamt, Polizeipräsidium und dem Förderverein Sicheres und Sauberes Stuttgart teilgenommen haben. „Damals hatten die Elterntaxis bei uns überhandgenommen“, erinnert sich die Rektorin. Rund um die Wendeplatte neben dem Schulhaus sei es durch Fahrzeugpulks immer öfter zu gefährlichen oder zumindest zu unfallträchtigen Situationen gekommen.

Selbstständigkeit der Kinder fördern

Genau diese Unsitte und damit auch die überbesorgten sogenannten Helikopter­eltern wollten die Initiatoren des Projektes „Sicher zu Fuß zur Schule“ ausbremsen. Und gleichzeitig wollte man die Selbstständigkeit der Kinder fördern. „Die Eltern bekommen bei der Einschulung Pläne für den sicheren Schulweg, der von der ersten Klasse an trainiert wird, außerdem sind die Kinder durch die Verkehrserziehung von früh an gut auf diese Herausforderung vorbereitet“, sagt Andreas Jenner vom Referat Prävention im Stuttgarter Polizeipräsidium.

„Die Aktion ist eine Erfolgsgeschichte“, kann Andreas Passauer, der Beauftragte für Verkehr und Mobilität am Staatlichen Schulamt, nach vier Jahren Laufzeit vermelden und dabei auf beeindruckende Zahlen verweisen: 2019 haben fast 7700 Buben und Mädchen teilgenommen und bei einer durchschnittlichen Schulweglänge von 700 Metern eine Laufleistung von 54 600 Kilometern geliefert. Das weiß man so genau, weil die Schulen für das Projekt und ein Belohnungssystem genau Buch führen und die Ergebnisse melden müssen, wie viele Kinder wie oft und wie lange laufen. In Wirklichkeit sind es offenbar längst viel mehr.

Elterntaxis nicht überall ein Problem

Alexandra Beyer ist nach drei Jahren aus dem Projekt ausgestiegen – da war das Ziel erreicht und zum Selbstläufer geworden. Man solle, meint die Rektorin, die Kinder auch nicht mit zu vielen Aktionen überfrachten. Ihre Kollegin Bianca Krämer-Martin von der Raitelsbergschule im Stuttgarter Osten ist gar nicht erst eingestiegen. „Unsere Schüler, 250 insgesamt, wohnen alle ziemlich schulnah, benutzen die öffentlichen Verkehrsmittel oder kommen zu Fuß, auch in Gruppen“, schildert die Rektorin. Die Sache mit den Elterntaxis sei hier nie wirklich ein Problem gewesen, was auch an der Bevölkerungsstruktur des Viertels liege. Bianca Krämer-Martin verschweigt nicht, dass sie anderen Projekten Priorität einräumt: „Zum Beispiel soziales Lernen.“ Andreas Passauer zeigt dafür Verständnis: „Die Schulen wählen gezielt besondere Projekte, um pädagogische Schwerpunkte zu setzen, die von Quartier zu Quartier unterschiedlich sind.“ Alexandra Beyer überlegt sich, ob sie wieder ins Projekt einsteigen soll: „Die Sache mit den Pluspunkten ist vielleicht ein neuer Anreiz. Und es müssen ja immer neue Schüler und ihre Eltern überzeugt werden.“

Tom, Jule und Anne haben auch ohne Pluspunkte Spaß auf dem Schulweg. Da gibt es den kleinen Hund, den die Mädchen gern streicheln. Und die Obsthänd­lerin, die ihnen Hasenfutter für die Karnickel schenkt. Im Elterntaxi gäbe es das ­alles nicht.

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