Hilde Reiser hat Tausende von Schülern in Kunst unterrichtet. Foto: Georg Linsenmann

Hilde Reiser hat einen Kalender herausgebracht. Die 90-Jährige hat eine bewegende Lebensgeschichte.

S-West - Hilde Reiser ist eine erstaunliche Frau. Die 90-Jährige hatte sich eigentlich „verkleinern“ wollen, auch weil „die Miete auf die Rente drückt“. Nach 60 Jahren also ihre Wohnung im Westen aufgegeben, um ins Atelier zu ziehen, das sie schon lange bei einer Freundin im Quartier betreibt. Doch dabei hatte das Herz versagt, sie war zusammengebrochen, „und irgendeine Arzt“ hatte sie „ins Leben zurückgeholt“. Und nun ist sie seit fast einem Jahr zur Pflege im Paulinenpark, ist ganz ans Bett gebunden. Erstaunlich, was sie dazu sagt: „Das Herz hatte Amen gesagt, und mir hatte es gereicht.“

Die ältere Dame glaubt an das Schicksal

Dann zögert sie einen Moment, will schließlich aber doch tun, was sie immer getan habe: „Sagen, was ich denke, auch wenn das wahrscheinlich nicht in der Zeitung gedruckt wird“, wie sie meint. Sie sagt also: „Ich will da zwar nur für mich sprechen, aber ich bin der Meinung, dass am Ende des Lebens nicht unbedingt mit allen Mitteln versuchen werden sollte, dieses Ende weiter hinauszuziehen. Man hat gelebt, und dann soll es auch mal gut sein. Ich jedenfalls konnte im Leben das machen, was ich wollte“, erklärt Hilde Reiser.

Sowieso wundert sie sich „über die Zufälle des Schicksals“, und woher sie den Mut hatte, den Weg als freie Künstlerin zu gehen, das wisse sie bis heute nicht. Auf Spurensuche begibt sie sich gleichwohl, versieht das aber mit einer Warnung: „Achtung, das kann dauern! Ich bin eine ausufernde Erzählerin!“ Selbstredend garniert sie das mit ihrem noch immer kräftigen Lachen. Gerade so, also ob sie die Großmutter wäre, die „immer durch das Feuer ging, und dabei war ich doch gar nicht so“. Und natürlich erinnert sie an den Großvater, „den die Nazis ins KZ gesteckt haben, weil er Kommunist war“. Die einfachen Verhältnisse in der bayerischen Heimat, das Schifferhäusle der Oma am Lech, die Mutter aus einer Bäcker-Familie, der Vater Vollwaise.

Für große Skultpuren fehlte das Geld

Der Vater kam über die Familie eines Schulkameraden „zu einer guten Bildung mit Musik. Sogar Reiten durfte er lernen!“ Das war die Wendung hin zum Musischen, der Vater wurde Schnitzer und Bildhauer, ihm wollte die Tochter nacheifern. Erst mit einer Schnitzer-Lehre in Berchtesgaden, dann mit dem Studium der Bildhauerei in München. Nach drei Semestern schwenkte sie um auf Malerei, landete in Stuttgart: „Ich wollte große Skulpturen machen, hatte aber nicht die Mittel für das Material.“

Zehn Semester hat sie hier studiert, auch bei Willi Baumeister bis zu dessen Tod im Jahr 1955. „Die Malerei wurde mein Leben, auch wenn ich davon nicht ganz leben konnte“, wie sie einräumt. Mehr als hundert Ausstellungen habe sie bestritten, Gruppenausstellung inklusive. Zum Lebensunterhalt hat sie nebenbei unterrichtet, vor allem an Fachschulen: „Ich glaube, ich haben ein paar Tausend junge Leute in der Stadt für die Kunst zu begeistern versucht“, stellt sie fest. Da Religion sie immer stark interessiert habe, „alle Religionen“, sie auch ganze Kapitel der Bibel auswendig kann, waren religiöse Themen auch in ihrem künstlerischen Dasein wichtig. So konnte sie auch eine Reihe von sakralen Räumen mit ausgestalten. Etwa die Glasfenster von St. Konrad in Stuttgart, den Kreuzweg der katholischen Kirche in Uhingen, Malerei im Gemeindezentrum von St. Fidelis oder in einer Seitenkapelle von St. Eberhard.

Sie blickt zurück auf ein zufriedendes Leben

Ihre Bilder streben zwar ins Abstrakte, haben aber starke Anklänge an christliche Ikonographie, nicht zuletzt aus den Themenkreisen Passion und Auferstehung. Das Zeichnerische ist darin offensichtlich, und wie sie mit den Farben auf der Leinwand arbeitet und dabei Farbräume eröffnet. „Das Messer laufen lassen“, habe ihr Vater beim Schnitzen empfohlen, „und so frei wollte ich auch beim Malen sein“.

Natürlich freut sie sich, dass nun der Jahreskalender der Diakonischen Altenhilfe Stuttgart entstanden ist: „Wir mussten das einfach machen“, sagt Eberhard Frei, der Hausleiter des Pflegezentrums Paulinenpark, „alle waren begeistert“. Das sei wieder „sei ein Dreh des Schicksals“, findet sie, und bringt die Dinge dann auf denn Punkt: „Alles was ich machen konnte im Leben, war interessant.“

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