Das alte und neue Gehäuse der Lutherkirchenorgel ist in der Werkstatt der Firma Lenter vorübergehend aufgebaut. Foto:  

Unsere Aktion „Blick hinter die Werkstore“ führt die Leser der Fellbacher Zeitung zu einem Orgelbauer. In der Werkstatt steht die restaurierte Orgel der Lutherkirche.

Fellbach - Fast so groß wie ein Einfamilienhäuschen ist das Gehäuse der Lutherkirchenorgel – vier Meter breit, fünf Meter tief und sechs Meter hoch. In der hellen und nach Holz duftenden Werkhalle der Firma Lenter ist der Prospekt – das äußere Erscheinungsbild einer Orgel – nach monatelanger Vorarbeit aufgebaut worden. Und er kann mitsamt den restlichen Einbauten und einem Teil der Pfeifen von unseren Lesern bei einem Blick hinter die Werkstore besichtigt werden. Am Samstag, 6. August, zeigt und erklärt Markus Lenter, Chef des gleichnamigen Orgelbaubetriebs in Sachsenheim, am Beispiel der Lutherkirchenorgel, was alles zu seinem umfangreichen Arbeitsgebiet gehört.

Eine Orgel ist kein Möbelstück

Das geht schon mal bei den vielfältigen handwerklichen Voraussetzungen los, sagt der 39-Jährige: „Ein Orgelbauer muss mit Holz arbeiten können und mit Metall, er muss Zimmermann sein und Schlosser, Elektriker und Elektroniker.“ Wenn er dann auch noch Orgel spielen kann – umso besser. „Eine Orgel ist nicht einfach ein Möbelstück“, sagt Lenter, „man muss sie klanglich planen.“ Deshalb hat er beim Abbau im Juni vergangenen Jahres erst mal getestet, „was die Kirche macht: ist sie trocken, ist sie hallig, welche Obertöne schluckt sie und welche Untertöne“. Dabei hat Lenter festgestellt, dass die Lutherkirche „eher akustisch trocken“ ist und dass sich die Rigipsdecke nicht gerade vorteilhaft auf den Klang auswirkt.

Spuren einer Kettensäge

Markus Lenter wird unsere Leser auch auf die speziellen Schwierigkeiten beim Restaurieren einer Orgel hinweisen: „Es ist komplexer als ein Neubau, denn man muss sich darauf einlassen, was der Erbauer gemacht hat.“ Im speziellen Fall also eine Verbindung schaffen zwischen 1780 und 2016. Erschwerend kommt hinzu, dass der Denkmalschutz genau aufpasst, ob auch alles korrekt wieder hergestellt wird. So wurde zum Beispiel zum Bau der Lutherkirchenorgel Fichtenholz verwendet. Also muss alles, was ersetzt oder neu installiert wurde, aus dem gleichen Material sein, bis zum kleinsten Ergänzungshölzchen. „Da wo’s bröselt, muss man ran“, sagt der Orgelbauer. Und zu richten gab es viel: Um 1900 wurde das historische Weinmar-Gehäuse komplett zersägt, weil man eine größere Walcker-Orgel in dem kleinen Gehäuse unterbringen wollte. Außerdem wurden in den sechziger Jahren rigoros Stahlträger eingebaut. Damals üblich, aber inzwischen völlig verpönt. Markus Lenter zeigt am neuen Konstrukt die radikalen Nähte, die nahe legen, dass da damals einer mit der Kettensäge durch ist.

Die historische Substanz gilt es zu bewahren

Eine der vielen Aufgaben des Orgelbauers war es deshalb, die Bausünden von damals zu reparieren, die Statik nur auf Holzbasis neu zu berechnen und das Trägerwerk entsprechend zu konstruieren. Sein erklärtes Ziel: „Ein Maximum der historischen Substanz zu bewahren.“

Da es sich dabei um sehr viel Handarbeit handelt, und bei den Steckverbindungen sehr vorsichtig gehobelt und gesägt wird, ist es nicht verwunderlich, dass es etwa ein Jahr dauert, bis eine zu restaurierende Orgel in neuem Glanz dasteht. „Für ein mittleres Instrument rechnen wir 5000 bis 6000 Arbeitsstunden“, sagt Markus Lenter.

Über diese und viele andere spannende Details wird er unsere Leser beim Blick hinter die Werkstore informieren. Zum Beispiel, dass eine Orgel atmet, dass ein Spieltisch nichts mit Zocken zu tun hat, oder zu was es einen Schiebestock braucht. Mit viel neuem Wissen versehen dürfen die Fellbacher dann besonders gespannt sein, wie die neue Orgel beim Einweihungskonzert am 1. Advent in der Lutherkirche klingen wird.

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