Sie singen, sie sprechen, sie sammeln Spenden: Etwa 1400 Sternsinger waren im Kreis Esslingen unterwegs. Doch die Zahl der Betreuer und Kinder ist rückläufig.
Ein wenig geht er unter. Man muss schon genau hinschauen, um den Segensgruß der Dreikönige am großen Tor des Esslinger Landratsamtes erkennen zu können. Der Aufkleber mit den Buchstaben „C+M+B“ und der Jahreszahl verschwindet fast in der dunklen Umrandung der Eingangspforte. Die Anfangsbuchstaben stehen für „Christus mansionem benedicat“, also für „Christus segne dieses Haus“. Sternsinger aus Wendlingen und Erkenbrechtsweiler haben den Segenswunsch anlässlich eines Besuches bei Landrat Marcel Musolf am Donnerstagnachmittag angebracht.
Aufkleber, wie der beim Landratsamt in den Pulverwiesen in Esslingen, sind im Kommen. Denn sie seien an Plastiktüren leichter zu erkennen und besser zu lesen, verrät Hedwig Ziegler, die für die Organisation der Sternsinger in Erkenbrechtsweiler mit zuständig ist. Die traditionelle Kreide für das Anbringen des Segensspruches der Sternsinger habe zwar nach wie vor ihre Fans, könne aber an solchen Plastiktüren nur schwer angebracht werden. Selbst bunte Striche seien dort kaum lesbar.
Am Eingang des Landratsamts prangt nun also etwas versteckt ein Aufkleber. Monika Scafuro, die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im katholischen Dekanat Esslingen-Nürtingen, ist mit den Sternsingern in die Kreisbehörde gekommen: Etwa 1400 Jungen und Mädchen, sagt sie, waren im Kreis Esslingen zum Jahreswechsel unterwegs. Die ersten Gruppen seien ab Freitag, 26. Dezember, losgezogen: „Sie bringen dabei die Weihnachtsbotschaft zu den Menschen, spenden ihnen den Segen für das neue Jahr und sammeln Spenden für andere Kinder.“
Sternsinger wenden sich gegen Kinderarbeit
Viele Kinder und Jugendliche seien begeistert bei der Sache gewesen. Besonders das diesjährige Motto habe viele beschäftigt und sehr nachdenklich gemacht: Unter der Devise „Schule statt Fabrik – Sternsingen gegen Kinderarbeit“ gehe es darum, Kinder und Jugendliche aus oft ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen herauszuholen und ihnen einen Schulbesuch zu ermöglichen. Stellvertretend dafür würden zwei durch die Aktion unterstützte Projekte in Bangladesch stehen.
Anfang 2025 waren bei der Sternsingeraktion bundesweit mehr als 48 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen, im Kreis Esslingen waren es mehr als 344 000 Euro gewesen. Die endgültigen Abrechnungen für 2026 liegen zwar noch nicht vor, doch Monika Scafuro rechnet mit einem Gesamtergebnis von etwa 348 000 Euro.
In vielen Gemeinden im Kreis Esslingen waren die Sternsinger unterwegs – doch in manchen Kommunen konnten entweder keine Organisatoren oder keine Kinder dafür gewonnen werden: „Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die sich in diesem Jahr bereit erklärt haben, als Sternsinger unterwegs zu sein, hat im Vergleich zum letzten Jahr in vielen Gemeinden deutlich abgenommen.“ Gründe dafür sieht Monika Scafuro im demografischen Wandel, weniger kirchlich sozialisierten Kindern und Jugendlichen oder auch mehr Urlaubs- und Ausflugsfahrten von Familien während der Tage zwischen den Jahren.
Manche Sternsinger kommen nur nach vorheriger Anmeldung
Personalmangel also auch bei Sternsingern und ihren Betreuern. In manchen Gemeinden konnten Spenden für die Aktion daher im Pfarrbüro abgegeben werden, sagt Monika Scafuro. Auch im Innenstadtbereich von Nürtingen habe es an Organisatoren gefehlt, „sodass die Sternsinger dort ,nur’ auf dem Wochenmarkt anzutreffen waren“. In anderen Kommunen, so ergänzt Volker Weber, der katholische Dekan im Landkreis Esslingen, seien Sternsinger wegen des Mangels an Mitstreitern nur nach einer vorherigen Anmeldung zu Gemeindemitgliedern gegangen. Informationen dazu seien auf der Homepage und in den Aushängen der örtlichen Kirchengemeinde veröffentlich worden. In anderen Orten, so der Dekan, gebe es die Aktion „Sternsinger kommen zum Punkt“. Die Jungen und Mädchen würden sich für einen bestimmten Zeitraum an einem fixen Ort wie einem Gemeindezentrum oder einem zentralen Platz aufhalten, singen, Segenssprüche aufsagen und die Aufkleber verteilen. Die Menschen könnten dann einfach vorbeikommen.
Im Landratsamt aber gab es einen Live-Besuch vor Ort. Schwarz geschminkte Sternsinger waren nicht dabei. Sie, sagt Monika Scafuro, seien generell selten geworden. Das Kindermissionswerk als eine der Organisatorinnen der Aktion empfehle, zur Vermeidung rassistischer Diskriminierung Abstand davon zu nehmen: „Schwarze Menschen kommen nicht ,automatisch’ aus Afrika. Wenn früher ein Sternsinger schwarz geschminkt wurde, sollte er den ,afrikanischen König’ darstellen. Dieser Sinn, den das Schminken einst hatte, ist heute nicht mehr erkennbar“, heißt es in einer Medieninfo des Kindermissionswerks. Diese Empfehlung sei nicht übertrieben: „Wir sind bereit dazuzulernen. Dazu gehört es für uns auch, Traditionen noch einmal anzuschauen und die Frage zu stellen: Ist es gut, dass wir so weitermachen?“. Zudem, so Monika Scafuro, werde es zunehmend schwieriger, Darsteller zu finden, die sich die Gesichter schwarz färben lassen wollten. Das Schminken sei eben sehr aufwendig.
Sternsinger im Kreis Esslingen
Dekanat
Das katholische Dekanat Esslingen-Nürtingen ist nach eigenen Angaben deckungsgleich mit dem Landkreis Esslingen. Es umfasst 31 Kirchengemeinden, vier italienische und vier kroatische katholische Gemeinden, die in 14 Seelsorgeeinheiten zusammengefasst sind. Im Dekanat leben rund 100 000 Katholikinnen und Katholiken. Die Geschäftsstelle ist in Esslingen.
Motto
Die Sternsinger wurden nach Angaben des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in das Motto „Schule statt Fabrik – Sternsingen gegen Kinderarbeit“ der diesjährigen Aktion eingewiesen. So erfuhren die Jungen und Mädchen, dass weltweit etwa 138 Millionen Kinder und Jugendliche unter besonders ausbeuterischen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen Arbeiten leisten müssen.