Lino da Silva hat etliche Figuren am Vertikaltuch auf Lager Foto: Caroline Holowiecki

Der Deutsch-Brasilianer Lino da Silva gibt in Stuttgart-Degerloch Akrobatikkurse für Kinder und Erwachsene. Wegen Corona ruht der Unterricht aktuell. Stattdessen klettert er auf Bäume.

Degerloch - Das Interview muss warten, denn Lino da Silva hängt oben im Baum. Eifrig nestelt er an einem Seil, das er zwischen zwei Kastanien gespannt hat, und befestigt mit einem Karabiner einen langen roten Schal, der bis zur Erde reicht. Zack, zack, schon ist er wieder auf der Erde. „Wenn ich nicht in der Luft bin, bin ich auf dem Boden“, sagt er breit grinsend. Die Elemente wirbelt der 49-Jährige tatsächlich gern mal durcheinander. Edilson Lino da Silva, so sein voller Name, ist Artist.

Gelernt hat er seinen Job in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro. Lino da Silva holt einen dicken Ordner hervor, blättert und zeigt sein Diplom, erworben an der Nationalen Zirkusschule. 3374 Trainingsstunden habe er dafür absolviert, auch Ballett oder Schauspiel gelernt. Über das Papier streicht er wie über einen Schatz. „Das war mein Traum“, sagt er. Bereits während des Militärdienstes habe er alle mit seinen Späßen aufgeheitert. „Du musst auf die Bühne“, hätten ihm viele gesagt. Mit 22 Jahren habe er sich schließlich für die Ausbildung angemeldet. „Das ist alt, normalerweise fängt man das als Kind an.“

Körpergefühl liegt ihm im Blut

Heute kann er alles, was man von einem Zirkusartisten erwartet. Akrobatik auf dem Seil, am Vertikaltuch oder am Boden, Stelzen- und Kugellauf, Ballonmodellage, Einradfahren, Jonglage. Seine Spezialität: Feuerspucken. „Meine Arbeit ist mein Hobby, ich bin immer glücklich“, sagt er. Auch Capoeira, den brasilianischen Kampftanz, oder Samba habe er schon unterrichtet. „Das ist im Blut, in der Kultur“, sagt er und wiegt leicht die Hüfte.

Lino da Silvas erstes großes Engagement in Deutschland war im Europapark. 2001 hat er sich als Künstler schließlich selbstständig gemacht. Heute tritt er auf Galas oder in Diskotheken auf, außerdem lässt er sich für Kinderanimation buchen oder mimt regelmäßig auf dem Schlossplatz einen Spiderman und bringt Passanten zum Staunen. „Stuttgart muss Spaß haben“, sagt er. Ein wichtiges Standbein sind Kurse. In Degerloch unterrichtet er auf dem ISS-Campus an der Sigmaringer Straße sowohl Kinder als auch Erwachsene, außerdem bietet er Personal Trainings an. Aktuell ruht das alles allerdings coronabedingt. Im Oktober, hofft er, könnte es in Degerloch weitergehen. Und bis es so weit ist, trainiert er täglich entweder in seiner Wohnung in Zuffenhausen oder vor dem Wohnblock auf beziehungsweise über einer Grünfläche. „Alle Nachbarn kennen mich schon“, sagt er lachend.

Sein Look hilft ihm

Lino da Silva ist ein quirliger Typ. Der Mann mit den muskulösen tätowierten Armen und dem geflochtenen Ziegenbärtchen springt immer wieder von seinem Stuhl auf und zeigt etwas, er gestikuliert und lacht. Leicht sei das Geschäft als selbstständiger Künstler nicht, bekennt er, aber dass er Brasilianer sei, sei förderlich. „Ich habe eine andere Haut, andere Haare, mein Look hilft“, sagt er. Dennoch: Lino da Silva hat Deutschland und die Deutschen liebgewonnen. „Mir gefällt das System, alles funktioniert“, sagt der Vater einer zwei Monate alten Tochter. Seit seinem Einbürgerungstest 2013 hat er die doppelte Staatsbürgerschaft, und zum Beweis zückt er stolz seinen Personalausweis. Auch seine Sprachkenntnisse habe er schon deutlich verbessert. Nur mit einem Wort will es einfach nicht klappen. „Eichhörnchen“ kommt Lino da Silva nicht über die Lippen. Obwohl er die Tierchen ständig trifft, wie er kichernd sagt. Oben im Baum vor seinem Haus.

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