18 Jahre lang ist Bundeskanzlerin Angela Merkel die Vorsitzende der CDU gewesen. Beerben wird sie nun Annegret Kramp-Karrenbauer. Foto: Getty Images Europe

Annegret Kramp-Karrenbauer schafft es, anders als Friedrich Merz, die Delegierten beim CDU-Parteitag mit ihrer Rede zu packen. Am Ende einer Zitterpartie gewinnt sie die Wahl knapp.

Hamburg - Ganz allein sitzt Annegret Kramp-Karrenbauer in ihrer Tischreihe. Die Anspannung eines aufreibenden Tages ist von ihr abgefallen, sie plaudert entspannt mit dem früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, als diese kurz bei ihr vorbeischauen. Danach aber sinkt sie wieder ein wenig in sich zusammen und starrt auf ihr Handy, das überquellen muss vor lauter Glückwunsch-Mitteilungen. Es ist gerade einmal eine gute Stunde hat, dass die Frau, die in der CDU alle nur „AKK“ nennen, zur neuen Vorsitzenden der größten deutschen Regierungsparteigewählt worden ist. Die Tränen der Rührung sind eben erst getrocknet.

 

Knapp fünf Stunden zuvor ist die Spannung mit Händen zu greifen, als Parteitagspräsident Daniel Günther, Schleswig-Holsteins Ministerpräsident, den entscheidenden Tagesordnungspunkt 16 aufruft und vorführt, wie die Tischwahlkabinen an den Plätzen der 1001 wahlberechtigten Delegierten zu handhaben sind. „Es kandidieren in alphabetischer Reihenfolge Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn.“

Der Dreikampf hat zu einem „Parteitag der Rekorde“ geführt, wie Bundesgeschäftsführer Klaus Schüler ihn nennt. Als „historisch für Europa“ bezeichnet Joseph Daul, Chef der christdemokratischen Parteienfamilie auf dem Kontinent, das nun etappenweise eingeleitete Ende der Ära Angela Merkel. 1700 Gäste, darunter viele Diplomaten und 1600 Medienvertreter aus aller Herren Länder, sind nach Hamburg gekommen und nehmen in Augenschein, wie das politische Erbe der Frau geregelt wird, die das US-Magazin „Forbes“ trotz allem wieder zur mächtigsten Frau der Welt gekürt hat.

Viele Mitglieder an der Basis sind euphorisiert

Was tippst du? Wie ist dein Gefühl? Die Delegierten versuchen, von den Kollegen aus anderen Landesverbänden ein Stimmungsbild zu bekommen. Ein klares Bild hat niemand aus den langen Vorgesprächen am Vorabend mitgebracht. Kramp-Karrenbauer oder Merz? Eine Prognose wagt fast niemand. „Halbe, halbe“, sagt ein NRW-Delegierter, als er nach dem Abstimmungsverhalten seiner Leute gefragt wird. Sie ist manchen im Pott, so meint er, „sozialpolitisch näher“ als der eigene Wirtschaftsmann Merz.

In Hamburg steht auch ein Hofbräuhaus. Bei viel Bier und Fleisch haben die Christdemokraten aus dem Südwesten dort Kriegsrat gehalten. Mit dem Ergebnis, dass auch die baden-württembergischen Truppen in unterschiedliche Richtungen marschieren. Das Merz-Lager ist stark, schließlich ist bekannt, dass Baden-Württemberger wie der Bundestagsabgeordnete Christian von Stetten und natürlich Wolfgang Schäuble die Kandidatur überhaupt erst ins Rollen gebracht haben. Der Bundestagspräsident hat rauschenden Applaus für sein klares Merz-Bekenntnis bekommen. Viele Mitglieder an der Basis sind euphorisiert, wie schon beim Kandidaten-Schaulaufen in Böblingen zu spüren war. Das geht so weit, dass ein Delegierter von dutzenden Austrittsdrohungen in seinem Kreisverband erzählt für den Fall, dass am Ende Kramp-Karrenbauer gewinnt.

Sie ist aber auch im Ländle nicht ohne Unterstützer. Der Lörracher Innenpolitikexperte Armin Schuster macht Werbung für AKK, obwohl sein Bauchgefühl Merz ebenfalls nicht abgeneigt ist: „Wir dürfen nicht mit dem Bauch entscheiden.“ Seiner Ansicht nach droht sonst ein grüner Bundeskanzler Robert Habeck, weil Merz’ zugespitzte Positionen der Union zwar prozentual nutzen, aber koalitionsunfähig machen könnten. Es gilt ja auch zu bedenken, dass die Wähler in Umfragen mehr auf eine Nachfolgerin zu stehen scheinen.

Da passt die Meldung ins Bild, dass von sechs Ostalbkreis-Vertretern offenbar fünf für Kramp-Karrenbauer stimmen wollen. Hat sich der Wind zu ihren Gunsten gedreht? „Die einen haben ihre Meinung eher herausposaunt, die anderen in die Partei hineingehört“, sagt der Karlsruher Europaabgeordnete und AKK-Wähler Daniel Caspary dazu, „das hat vielleicht ein falsches Bild von der Verteilung der Unterstützung im Landesverband erzeugt.“

In AKK setzt auf innere Stärke, nicht auf äußere Lautstärke

Das Applausometer während der Bewerbungsreden gibt ebenfalls noch keinen Aufschluss darüber, wie es ausgeht. Viele Zuhörer haben den Beifall für Kramp-Karrenbauer und Merz ähnlich stark wahrgenommen – allerdings sind die Fans der Saarländerin eher zufrieden, während das Lager des Sauerländers wohl mehr erwartet hat. „Die Rede von Friedrich Merz hätte emotionaler sein können“, wird Staatssekretär Norbert Barthle sagen, als die Niederlage seines Favoriten feststeht. Daniel Günther wiederum wird die „ganz starke Rede“ seiner Favoritin loben, die „den richtigen Ton getroffen und vermutlich den Ausschlag gegeben hat“. Spahn bekommt für seine ehrliche Rede viel Zuspruch, wenn er etwa eingesteht, dass er zum Rückzug gedrängt wurde, es sich für ihn aber „richtig anfühlt hier oben zu stehen“.

Mut ist das Thema von Annegret Kramp-Karrenbauers Rede. Sie fragt, ob „wir den Mut haben, nicht den Schwarzmalern hinterherzulaufen“, auch mal „gegen den Zeitgeist“ zu handeln, „eine europäische Armee“ in das nächste Wahlprogramm zu schreiben oder eine Dienstpflicht einzuführen, weil es „unseren Staat nicht zum Nulltarif gibt“. Richtig laut wird es, wenn sie nah bei den Menschen ist und „nicht nur die großen Erzählungen“ à la Merkel zum Besten gibt. Da ist dann viel Bauchgefühl im Spiel. Sie fordert das schnelle Mobilfunknetz „an jeder Milchkanne“, beklagt, dass Eltern wie Kinder auf das Geld für moderne Schulen warten. Sie verweist auf ihre lange Regierungserfahrung und hat einen Seitenhieb auf Merz parat. Ihrer Ansicht nach kommt es bei politischer Führung „mehr auf die innere Stärke als auf die äußere Lautstärke an“.

Laut ist Merz überhaupt nicht. Und auch der Saal schweigt, als er in die neunziger Jahre zurückblickt, als man sich „beim besten Willen nicht“ habe vorstellen können, welche Herausforderungen die Zeit mit sich bringe. Einer aus seinem Camp fühlt sich eher an ein „Referat“ erinnert, während die beiden Kontrahenten eine Geschichte über sich und ihre Partei erzählt haben. Merz nimmt schon noch Fahrt auf, redet über die Sorgen der Bürger, auf die auch seine CDU nicht genug eingegangen sei: „Sie haben abends Angst und erwarten, dass der Staat die Kontrolle behält.“ Es brauche „einen Strategiewechsel“.

Merz sagt, er bestreite nicht den guten Willen der bisherigen Parteiführung, die AfD wieder klein zu kriegen, deren Rolle als stärkste Oppositionskraft im Bundestag er „einfach unerträglich“ findet, „aber es gelingt uns augenscheinlich nicht“. Da jubeln sie ihm wieder zu. Das gilt erst recht, wenn er „eine Agenda für die Fleißigen“ fordert, weil nur die Sozialdemokraten einen Staat wollten, der ständige eine lenkende Hand über seine Bürger halte: „Das wollen wir nicht.“

Ein Zeichen der Geschlossenheit

Um 16.11 Uhr verliest der Kieler Ministerpräsident Günther das Ergebnis des ersten Wahldurchgangs. 50 Stimmen fehlen AKK da zur absoluten Mehrheit, Merz liegt 58 Stimmen hinter ihr. Nun kommt es im zweiten Wahlgang darauf an, wohin die 157 Stimmen gehen, die Spahn eingeheimst hat. Einer aus dem Umfeld des Bundesministers prognostiziert, seine Unterstützer würden sich jeweils etwa zur Hälfte den beiden anderen Konkurrenten anschließen. Es machen Gerüchte die Runde, dass Kramp-Karrenbauer einen Deal mit der Jungen Union eingefädelt und deren Chef den Generalsekretärsposten angeboten haben könnte.

Um 16.58 Uhr verrät Günther, wie sich die schlussendlich 999 Stimmen verteilt haben: „Friedrich Merz: 482.“ Mehr muss er gar nicht sagen, da fallen sie bereits über Annegret Kramp-Karrenbauer her, die mit 517 Stimmen die Mehrheit errungen hat. Mit mindestens angefeuchteten Augen betritt sie die Bühne, winkt, nimmt die Ovationen der Delegierten entgegen. Die 56-Jährige Mutter dreier Kinder, verheiratet mit einem ehemaligen Stahlarbeiter unter Tage, ist die neue Vorsitzende der Christlich Demokratischen Union.

Sie holt als Zeichen der Geschlossenheit die beiden Unterlegenen auf die Bühne, von denen wohl nur Spahn noch längere Zeit als Präsidiumsmitglied mit im engeren Führungszirkel arbeiten wird. Merz bietet nur allgemein seine Hilfe an, kandidiert aber nicht für ein anderes Amt. Tagungsleiter Günther macht selbst auf die potenzielle Spaltungsgefahr wegen des knappen Wahlausgangs aufmerksam. Es gibt Meldungen von ersten Austritten enttäuschter Merz-Fans. Kramp-Karrenbauer steht nun die große Aufgabe bevor, das Parteitagsmotto mit Leben zu füllen: „Zusammenführen. Und zusammen führen.“