Kunst will genutzt werden – wie das ­Projekt der Klasse Mosler Foto: Stangl

Die Kunstakademie Stuttgarts lud am Wochenende zu ihrem Rundgang ein. Auch Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn war da – und interessierte sich vor allem für die Studenten-Ideen für das künftige Rosensteinviertel.

Plüsch und Pläne

Eine Drohne hängt im Raum und spuckt mit rotem oder blauem Plastik. Ein Skulptur führt hinab in die Welt der Kanäle. Ein Steinblock wird langsam empor gehoben, Beerensträucher ranken sich über ein T-Shirt. Eine Frau in transparentem Kleid steht in einem weißen Raum. Und Entwürfe für eine Bebauung des Rosensteinviertels reihen sich aneinander: Die Kunstakademie Stuttgarts lud am Wochenende zu ihrem Rundgang ein. Auch Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn war da – und interessierte sich vor allem für die Studenten-Ideen für das künftige Rosensteinviertel.

Fünf sind die „Rund-Gang“

Rund 850 Studierende arbeiten auf dem Weißenhof in den Fachrichtungen Kunst, Design, Architektur und Restauration. Sie alle beteiligten sich mit Einzel- oder Gruppenprojekten am Akademierundgang. Die fünfköpfige „Rund-Gang“ schuf Konzept und Gestaltung des Ereignisses: Plakate, die in Neonfarben leuchten, leichte Sitzmöbel aus Pappe überall auf dem Gelände der Akademie. Studierende der Fachrichtung Industrial Design widmeten sich dem Kochen unter freiem Himmel, alternativen Fast-Food-Konzepten, entwickelten eine ganze Reihe von mobilen Garküchen und erfanden nebenbei ein neues Gericht: Gefrorenes Obst und Gemüse wird dabei zerrieben.

Was ist Untergrund?

Jochen Damian Fischer ist fasziniert vom Stuttgarter Untergrund. Er hat das Kanalsystem erkundet, dort eine Welt eigenwilliger Ästhetik entdeckt, aus der er Bilder, Stimmungen, Artefakte zutage fördert. Sein mobiler Kanalwürfel suggeriert den Abstieg in diese Welt, kann aber auch über einem wirklichen Kanal geöffnet werden. Shinroku Shimokawa filmte seine Installation „Ich habe Angst“, bei der er einen Steinblock von 600 Kilogramm langsam durch Unterlegen immer neue Hölzer in den Himmel schiebt, und Sonja Guckenberger, auch sie studiert in der Klasse Udo Kochs Bildhauerei, hat die Lippen, das Atmen ihres eigenen Kindes gefilmt, ein Bild von existenzieller ­Intensität.

Eine Waffe in Plüsch

Flexibel in ihrer Anordnung sind die Arbeiten der Klasse von Andreas Opiolka und Cindy Cordt: Hier betritt der Besucher einen weißen Raum, Wände, bedeckt mit schmalen Schubladen. Er öffnet sie, entdeckt kleine Arbeiten der Studierenden, nicht betitelt, nicht gezeichnet, wird zum Kurator seiner eigenen Erfahrung. „2hoch72“ heißt das Projekt, die Klasse erhielt dafür den Preis der Akademie. Und die Drohne? Studierende der Klasse Birgit Brenner haben sie entwickelt. Ein Raum, ganz in Blau, eine Waffe in rosa Plüsch, die zerschnittene Strohhalme in die Luft schießt.

Inspiriert von einer Szene des Films „Matrix“ stellt die Arbeit die Frage nach Illusion und Wirklichkeit, Statements, die den Drohnenkrieg verharmlosen oder von seinem Schrecken erzählen, leuchten auf einem Bildschirm. Nahebei Installationen, die den Kampf der ­Geschlechter ironisieren und sehr intime Blicke auf das Grundgesetz gestatten. Der Rundgang 2015? Entsprach ganz der inhaltlichen Intensität, mit der die Kunstakademie im vergangenen Semester auch in ihrem Veranstaltungsangebot aufhorchen ließ. (mora)