Der katholische Seelsorger und Autor Petrus Ceelen ist unheilbar krank. Für sein wohl letztes Werk „Denk Zettel“ rührt der gebürtige Belgier noch einmal die Werbetrommel.
Tamm - Welche Fragen stellt man einem Menschen, der womöglich nicht mehr allzu lange zu leben hat? Und wie nähert man sich überhaupt dem Thema Tod? Das sind Überlegungen, die einem Interview vorangehen, wenn das Gegenüber eine unheilbare Krankheit und ständig Schmerzen hat. Es sind auch Fragen, die für etwas sensibilisieren, das im Alltag gern verdrängt wird: das Sterben. „Wenn jemand geht, werden wir an die eigene Endlichkeit erinnert“, sagt Petrus Ceelen sachlich und fügt fast schmunzelnd hinzu: „Wer ehrlich ist, gibt zu, dass er mindestens schon einmal gedacht hat: ,Alle, nur nicht ich‘.“
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Ja, der 78-jährige Seelsorger, der sein Leben lang offen war für die Probleme anderer und sich für „die Menschen am Rand unserer Gesellschaft“ engagiert hat, weiß, dass er seinem Ende entgegen geht. Dieses Bewusstsein mischt sich in den Alltag: „Erhalte ich eine Termin-Anfrage, stelle ich mir die Frage: ,Lebst Du da überhaupt noch?‘ Auch der Blick auf Weihnachten, speziell im Hinblick auf die beiden Töchter und die drei Enkel, ist ungewiss. Erbarmungslos hämmert die Frage in seinem Kopf: „Ob ich da wohl noch da bin?“
Trost von Hermann Hesse
Doch mit wem, wenn nicht mit Petrus Ceelen, sollte ein Gespräch über den Tod unbefangen möglich sein? Der Mann, der unzähligen Mitmenschen einen würdevollen, feierlichen Abschied ermöglicht hat: Aidskranken, Obdachlosen, Drogenabhängigen, Straftätern sowie Menschen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis – und nun auch seiner Frau. Der als „Aidspfarrer“ bekannte Seelsorger und Autor vieler Bücher, nimmt bei Trauerreden gern die Symbolkraft der Bäume hinzu und rezitiert Hesses „Es weht der Wind ein Blatt vom Baum“.
Zweimal Diagnose Lungenkrebs
Doch jedes einzelne Blatt im weltweiten Meer der Blätter „hat für bestimmte Menschen ganz große Bedeutung und wird fehlen“, betont Ceelen, der einst davon ausging: „Ich werde wie meine Mutter hundert“. Jedenfalls sei seine Frau Christiane davon überzeugt gewesen.
Sie ist im Mai von ihm gegangen. Die Diagnose Lungenkrebs war ihr Todesurteil. Und nun ist es offensichtlich auch das von Petrus: „Wir haben beide die gleiche Krebsform“, sagt er tonlos und ergänzt: „Meine Wirbelsäule ist bereits voll von Metastasen“. Trotzdem ist Petrus Ceelen aktiv und geht etwa zu Vorträgen in die Schule. „Im Moment bin ich recht stabil. Vielleicht liegt es an dieser sündhaft teuren Tablette, die ich täglich nehme“, räsoniert der in Tamm lebende Theologe, der auch wieder Lesungen hält und Menschen beerdigt. „Ich lebe von Tag zu Tag; nur viel bewusster als früher“, sagt er und spricht viel über Dankbarkeit – „dem Grundgefühl meines Lebens“. Und wie in seinen Büchern sind es die klaren, kurzen Wortspielereien, die gleichzeitig sein Wesen verdeutlichen: „Wer denkt, dankt“, sagt er wie zu sich selbst und erklärt, dass die Dankbarkeit der Schlüssel für gute, glückliche Gefühle sei. „Stattdessen leben wir oft gedankenlos in den Tag hinein“.
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Die Dankbarkeit greift Petrus Ceelen auch in seinem neuesten und wohl letzten Buch „Denk Zettel“ auf, wo das feinsinnige, sensible Spiel der Worte und Bedeutungen seinen Lauf fortsetzt.
Petrus Ceelen zeigt sich dankbar „für viele, viele Begegnungen, die mein Leben bereichert haben“. Dieses Grundgefühl ist auch spürbar, wenn er über seine Frau spricht: „Christiane ist meinen Sonderweg stets mitgegangen. Sie hat mit mir Aidskranke besucht und bei uns zuhause empfangen. Christiane hat eine gute Art gehabt, mit Menschen, die am Rande stehen, umzugehen.“
Einsatz für Häftlinge
Für den letzten Abschnitt seines Lebens nimmt er seine Frau sogar als Vorbild: „Es ist unfassbar, wie tapfer sie gegangen ist – sie war so stark“, umschreibt er die letzten Tage ihres Lebens, die begleitet waren von der steten Angst, keine Luft zu bekommen. Auch Petrus Ceelen spürt diese Angst, beschäftigt sich intensiv mit der Thematik Atmen und stellt fest: „Ein- und ausatmen dürfen ist ein großartiges Geschenk. Und wie Goethe sagte: ,Doppelte Gnade‘. Ich musste so alt und krank werden, um das zu kapieren“.
Dass der gebürtige Belgier einigen auf die Füße getreten und immer wieder angeeckt ist, weil er etwa für die Gefangenen auf dem Hohenasperg bessere Bedingungen erstritten hat, darüber denkt er heute noch nach. Verständnis und Nachsicht für diejenigen zu zeigen, die von Anfang an keine Nestwärme hatten, das zeichnet ihn aus. Zugewandt und interessiert im Gespräch, stellt er seine Krankheit oft in den Hintergrund. Ceelen ist Seelentröster – bis zum Schluss. Gepaart mit einem Lebenswillen, der ihn aktuell an einem Buch arbeiten lässt, das „Dank-Zettel“ heißen soll und Menschen zu Wort kommen lässt, die Worte des Dankes an ihn gerichtet haben. Das ist ein kreativer Impuls, der ihn hoffentlich noch lange am Leben erhält.
Infos : Das Buch „Denk Zettel – Aus meiner bunten Lebensbibel“ kostet € 18,95; es ist erschienen bei Dignity Press