Queen Henni (vorne) bei der Gala zum Auftakt des 40-Jahr-Jubiläums der Aids-Hilfe mit Vorstandsmitgliedern und Moderator Jürgen Hörig auf der Bühne des Friedrichsbau Varietés Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Aids-Hilfe wird 40 Jahre alt – doch das Jubiläum wird getrübt von der Aufregung um die Kündigung eines langjährigen Angestellten. Der Streit geht nun vor Gericht.

Als die Aids-Hilfe vor 40 Jahren in Stuttgart als Selbsthilfe gegründet worden ist, war die Arbeit des Vereins ein Kampf gegen Tod, Tabus und Stigmatisierung. Auch wenn es heute wirksame Medikamente gegen die Immunschwächekrankheit gibt, bleiben Prävention, Aufklärung und Betreuung wichtig. Darin sind sich die Experten einig. Die junge Generation weiß oft wenig über die Gefahren sexuell übertragbarer Krankheiten.

 

Doch statt sich um den Vereinszweck zu kümmern, muss sich die Aids-Hilfe erneut mit sich selbst beschäftigen. Unvergessen sind die Turbulenzen um die Entlassung des umstrittenen Geschäftsführers im Sommer 2022, der den Verein 16 Jahre lang geführt hatte. Es gab Mobbingvorwürfe, Konflikte im Team sowie mit ehemaligen Mitarbeitern und Ehrenamtlichen, deren Engagement plötzlich unerwünscht war.

Es ist vorbei mit der erhoffen Ruhe

Nach dem heftigen Knall hat sich die Aids-Hilfe neu aufgestellt. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr ist es vorbei mit der erhofften Ruhe. Erneut sorgt eine fristlose Kündigung für Aufregung. Ein Diplom-Pädagoge, der 29 Jahre lang fest angestellt war und zuletzt HIV-positive Menschen in zwei Wohngemeinschaften des Vereins betreut hatte, wurde fristlos entlassen. Das führt in der Rainbow-Community zu Fragen. Liegt das Zerwürfnis an zwischenmenschlichen Problemen? Was hat sich der Angestellte nach 29 Jahre ohne Klagen plötzlich zuschulden kommen lassen? Der Vorstand dementiert nicht, dass keine Abmahnung verschickt wurde, wie dies der Betroffene versichert.

Eine Abmahnung soll Mitarbeitern die Chance geben, ihr kritisiertes Verhalten zu ändern und spielt arbeitsrechtlich eine wichtige Rolle. „Die Gründe für die Kündigung wurden mir nicht genannt“, sagt der langjährige Angestellte. Am Arbeitsgericht will er sich nun auf seine Stelle einklagen.

Vorstandsmitglieder äußern sich nicht zu dem Fall

In der Community hört man, dass die Aids-Hilfe ihr Geld lieber für Prävention einsetzen sollte statt für Anwaltskosten. Da der geschasste Angestellte bald 60 Jahre alt wird, hätte man ihn bis zur Rente weiterarbeiten lassen sollen, sagen die Kritiker der Entlassung. Sie fordern einen menschlichen Umgang mit Mitarbeitern, die so lange im Verein tätig gewesen sind. Keines der drei Vorstandsmitglieder will auf Anfrage zu dem Fall Stellung nehmen, weil dies die Anwältin empfohlen habe. Die meldet sich schließlich.

Bei der Entscheidung des Vorstands habe man „die Interessen“ des Mitarbeiters berücksichtigt, ebenso die gesetzlichen Vorgaben, versichert die Anwältin Miriam Faiß und fährt fort: „Es ist nicht in unserem Sinne, die Aids-Hilfe in einem schlechten Bild dastehen zu lassen. Für uns ist allerdings oberste Priorität, das Persönlichkeitsrecht aller Betroffenen zu wahren.“

Unsere Redaktion hat mit weiteren ehemaligen Mitarbeitern der Aids-Hilfe gesprochen, die in den vergangenen Jahren entlassen wurden – zum Teil auch vor der Neuaufstellung. „Der Vorstand ging bei mir dilettantisch vor“, sagt einer der Betroffenen. „Die ersten drei Kündigungen waren falsch formuliert; da hatte mein Anwalt leichtes Spiel.“ Eine weitere Ex-Mitarbeiterin sagt, man habe sie „mit zweifelhafter Begründung abgemahnt“. Daraufhin habe sie selbst gekündigt und sofort eine Stelle beim Jugendamt bekommen. Ein dritter Angestellter sagt, man habe ihn „mit Aktenarbeiten schikanieren wollen“. Im Urlaub habe er den Brief mit der fristlosen Kündigung erhalten – kurz vor seinem 25-Jahr-Betriebsjubiläum. Alle Ehemaligen wollen vor Gericht aussagen.

Die Geschäftsstelle der Aids-Hilfe befindet sich im Stuttgarter Westen. Foto: Aids-Hilfe

Ist das Arbeitsklima bei der Aids-Hilfe unter den acht Angestellten so schlecht? Von Insidern ist zu hören, dies habe vor allem an dem Geschäftsführer gelegen, der vor fast drei Jahren gehen musste. Dass damals ein Riss durch den Verein ging, wirke bis heute nach, heißt es. Im aktuellen Fall gibt es Stimmen, die sagen, der Diplom-Pädagoge habe sich nicht ins Team einfügen können. Die meisten Beschäftigten der Geschäftsstelle wollten nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten. Der Kündigungsstreit erinnere an einen Rosenkrieg. Dies wirke sich politisch aus, wird in der Community gewarnt: Wer Zuschüsse ablehne für Vereine, die sich für Minderheiten einsetzen, fühle sich nun bestätigt.

„Durch Mobbing krank geworden“

Die Gruppe um den entlassenen Mitarbeiter erhebt schwere Vorwürfe, was Mobbing, eine schlechte Arbeitsatmosphäre und Fehlverhalten in der Geschäftsstelle betrifft. Der Streit ist eskaliert. Der Ehemann des Gekündigten etwa berichtet: „Mein Mann ist durch Mobbing seiner Kollegen krank geworden, und das hatte er thematisiert. Einmal ist er in der Geschäftsstelle morgens zusammengebrochen, und wir verbrachten den Rest des Tages in der Notaufnahme des Katharinenhospitals.“

Vorstand der Aids-Hilfe weist Mobbing-Vorwürfe zurück

Der Vorstand der Aids-Hilfe widerspricht diesen Vorwürfen. „Das Bild, das hier gezeichnet wird, entspricht nicht der Realität“, erklärt Michael Deobald im Namen der drei Vorstandsmitglieder und versichert: „Unsere Beschäftigten arbeiten engagiert, professionell und verantwortungsvoll.“ Hinzu kämen etwa 120 ehrenamtliche Mitarbeitende, deren Anzahl erneut gestiegen sei. Dieser Einsatz sei ein Indiz dafür, dass „die Unterstellungen einer negativen Arbeitsatmosphäre“ nicht stimmten.

Kündigungen ehemaliger Beschäftigter betrafen nach Deobalds Worten „fast ausschließlich die Amtszeit des früheren Geschäftsführers“. Mit der neuen Leitung arbeite der Vorstand „gezielt an einer Stabilisierung der Personalstruktur“. Bei der Mitgliederversammlung an diesem Donnerstag will der Vorstand den Kündigungsstreit ansprechen, „ohne Persönlichkeitsrechte zu verletzen“.

Verhandlung vor dem Arbeitsgericht am 11. Juli

Die Freude über den 40. Geburtstag und die Erfolge – im vergangenen Jahr gab es laut dem Vorstand fast 1000 Beratungen, 2266 Tests auf HIV, Syphilis, Hepatitis C sowie 383 Präventionsveranstaltungen – wird durch die heftige Kritik getrübt, die von der Gruppe der Ehemaligen vorgetragen wird und die in der Community kontrovers diskutiert wird. Am 11. Juli wird sich das Arbeitsgericht Stuttgart mit dem Fall befassen.