Bis die Forschung durch klinische Studien geprüft wurde, bleibt nur, sich so zu schützen, dass man sich nicht mit dem Virus ansteckt. Foto: dpa

Dresdner und Hamburger Wissenschaftlern ist ein Durchbruch in der Aids­forschung gelungen: Sie haben Zellen von einer HIV-Infektion geheilt. Doch wann die Methode zur Therapie­ wird, ist noch unklar.

Wie funktioniert das HI-Virus?
Aidsviren befallen Zellen des menschlichen Immunsystems. Um sich zu vermehren, bauen die Erreger ihre eigene Erbgut-Information in das Erbgut einer bestimmten Immunzelle, der sogenannten T-Helferzelle. Diese wird sozusagen zum Virenkopierer und stellt immer neue Versionen des Erregers her. Das Virus tötet schließlich die Immunzellen ab. Damit schwächt es allmählich die Abwehrkräfte so massiv, dass der Organismus andere Krankheitserreger wie Bakterien, Viren und Pilze immer schlechter zu bekämpfen vermag. Daher verlaufen bei HIV-Infizierten Erkrankungen wie Lungenentzündung, Tuberkulose oder Herpes-Infektionen besonders schwer.
Was macht das HI-Virus nahezu unangreifbar?
Es ist die Schludrigkeit des HI-Virus, die es so gefährlich macht: Bei der Vermehrung im Körper baut es sich fehlerhaft zusammen, sagt der Infektionsmediziner Christoph Boesecke von der Uniklinik Bonn. Dadurch entstehen immer wieder neue Varianten. Und das macht es für die Forschung schwierig, einen Impfstoff gegen den Erreger zu finden. „Bislang gibt es daher nur Medikamente, die die Vermehrung des Virus im Blut hemmen“, sagt Boesecke. Sie verhelfen HIV-Infizierten zu einem weitgehend normalen Leben. Sie können eine Familie gründen und haben eine fast normale Lebenserwartung.
Wie wollen die Forscher das Virus unschädlich machen?
Bei der neuen Methode, die am Dienstag von Wissenschaftlern der Medizinischen Fakultät der TU Dresden und des Hamburger Heinrich-Pette-Instituts (HPI) im Fachblatt „Nature Biotechnology“ vorgestellt wurde, wird das Erbgut der HI-Viren aus den infizierten Immunzellen einfach wieder herausgeschnitten. Das funktioniert mit Hilfe einer sogenannten Gen-Schere. Diese besteht aus einem Enzym, der sogenannten Rekombinase, das einen möglichst großen Anteil der HI-Viren-Varianten erkennt. Damit kommt der Ansatz für mehr als 28 Millionen von insgesamt 37 Millionen HIV-Patienten in Frage. Dem Team ist es zudem gelungen, in mehr als 90 Prozent aller Blutproben die Viren zu finden und vollständig zu vernichten. In Zellkulturen und bei Mäusen wirkt die neue Rekombinase – ob sie es auch beim Menschen tut, muss sich aber erst zeigen. Die Forscher wollen nun in einer ersten klinischen Studie mit wenigen HIV-Patienten die Sicherheit des Ansatzes prüfen.
Wie könnte eine Therapie mit diesem Verfahren aussehen?
Eingesetzt werden könnte dieses Verfahren beispielsweise im Rahmen einer Stammzelltherapie, so die Forscher. Bei dieser würde man Vorläuferzellen der von HIV vorrangig befallenen Immunzellen von vornherein mit der Bauanleitung für diese Genschere ausrüsten. Dadurch produzieren die Zellen von selbst dieses Enzym und können die HIV-DNA bei einer Infektion sofort aus ihrem Genom herausschneiden. „Diese Forschung ist schon verheißungsvoll“, sagte Armin Schafberger, Medizinreferent der Deutschen Aids-Hilfe.
Wann könnte die Therapie medizinischer Alltag werden?
Die Methode müsste erst einmal in klinischen Studien getestet werden – und das könnte schwierig werden, sagt Armin Schafberger von der Deutschen Aids-Hilfe. Bei Eingriffen ins Erbgut bestehe immer die Befürchtung, dass das langfristig zu einer Krebserkrankung führen könne. Versuche an Patienten könnten – sofern alles gut laufe – fünf bis zehn Jahre dauern, schätzt Boris Fehse vom Hamburger Uniklinikum Eppendorf.
Was gibt es noch für vielversprechende Ansätze zur Heilung von Aids?
Forscher suchen schon lange nach Möglichkeiten, dem Aidsvirus beim Versuch, in den menschlichen Organismus einzudringen, gewissermaßen die Tür vor der Nase zuzuschlagen. So befallen Aidsviren Immunzellen, die passende Erkennungsmoleküle tragen, an die sie andocken können. Derzeit sind die Forscher dabei, Immunzellen ohne diese Erkennungsmoleküle zu konstruieren und sie damit vor der Infektion zu schützen. Auch hier würde eine Gen-Schere zum Einsatz kommen: Sie schneidet dann die Stelle im Erbgut, die für den Bau und die Ausbildung dieser Moleküle zuständig ist, einfach aus der DNA heraus.
Bis die Forschung durch klinische Studien geprüft wurde, bleibt nur, sich so zu schützen, dass man sich nicht mit dem Virus ansteckt. Das gelingt oft nicht wie erhofft: Die Weltgesundheitsorganisation hat im Jahr 2014 eine Rekordzahl von Neuinfektionen mit dem HI-Virus in Europa registriert. In Deutschland steckten sich nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) 3525 Menschen an. Das Virus wurde in knapp 44 Prozent der Fälle durch Sex zwischen Männern übertragen und in etwa 38 Prozent beim heterosexuellen Verkehr.
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