Für den Biber ist die Aich und ihr naturbelassener Uferbereich ein idealer Lebensraum Foto: Ines Rudel

Der Biber fühlt sich im Kreis Esslingen wohl. Fachleute gehen davon aus, dass die bisher hier lebenden 15 Exemplare weiteren Lebensraum erobern werden. Weil sich der Nager die Umwelt nach seinem Bedürfnissen formt, sind Konflikte vorprogrammiert.

Aichtal - Der Hauptdarsteller hat sich rar gemacht an diesem Freitagnachmittag. Und weil Uwe Hiller eigentlich gar nichts anderes erwartet hat, hat er ein ausgestopftes Prachtexemplar von Castor fiber, dem eurasischen Biber, zum Treffpunkt an der Festhalle in Aichtal mitgebracht. Die rund 50 Teilnehmer der Exkursion „Den Bibern auf der Spur“ haben sich wohl oder übel mit einem Ersatz zufrieden geben müssen – auch wenn der Biberexperte Hiller das Tal der Aich, die sich naturbelassen zwischen den Aichtaler Teilorten Aich und Neuenhaus dahinschlängelt, als „Schlaraffenland“ für das größte Nagetier Europas bezeichnet.

Mindestens ein Exemplar, das haben frische Spuren gezeigt, teilt inzwischen die Meinung des Fachmanns. Im späteren Sommer, so prophezeit Hiller, werde das nicht nur das geschulte Auge des Kenners, sondern womöglich auch der unbedarfte Spaziergänger erkennen. „Wenn der Wasserspiegel der Aich weiter fällt, wird der Biber anfangen, einen Damm zu bauen“, sagt Hiller. Erst bei rund 80 Zentimeter Wassertiefe fühle sich das Tier in seinem Element und wenn das der Bach nicht hergibt, dann wird eben nachgeholfen.

Der Biber gestaltet sich seinen Lebensraum selbst

„Der Biber gestaltet sich seinen Lebensraum selbst“, erklärt Hiller. Und weil das Tier das Wasser ungern verlasse, könne es dann schon mal vorkommen, dass es entweder einen Kanal zu einem besonders lohnenden Fressplatz anlegt oder, des einfachen Zugangs halber, gleich die ganze Umgebung unter Wasser setzt.

Vor rund fünf Jahren ist der erste Biber im Kreis Esslingen gesichtet worden. Inzwischen schätzt Hiller den Bestand auf etwa 15 Tiere – das ausgewachsene, mehr als 30 Kilogramm schwere Exemplar, das zu Beginn des Jahres bei Unterensingen überfahren worden ist, gar nicht mitgerechnet. „Über kurz oder lang wird jedes geeignete Revier von einem Biber besetzt sein“, da ist sich der Experte sicher. Im Bayern, wo im Jahr 1966 damit begonnen wurde, den in Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerotteten Nager wieder anzusiedeln, sei es mittlerweile entlang der Flüsse und an den Seen schon eng geworden. „Da haben die Tiere auch schon mal Ausweichquartiere im Straßengraben und im Gartenteich bezogen“, sagt Hiller.

Von Gesetzes wegen ist der streng geschützte Vierbeiner immer der Sieger

So weit ist es im Kreis Esslingen noch nicht, wenngleich die Biberberater auf das Szenario vorbereitet sind. Neben Hiller, der auch Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbands Landkreis Esslingen ist, gibt es vier weitere Fachleute, die sich im Ehrenamt darum kümmern, dass Biber und Mensch sich nicht in die Quere kommen. Denn dann ist der Vierbeiner von Gesetzes wegen immer der Sieger. „Nicht nur der Biber ist streng geschützt, sondern auch sein Lebensraum“, klärt Hiller die Exkursionsteilnehmer auf.

Naturschutzrechtlich gesehen, wandelt die Truppe also auf vermintem Gebiet, als sie einen Blick auf die von einem Tier wohl ziemlich frisch angelegte Biberrinne wirft. Die unverkennbaren Bissspuren an den Bäumen sind dagegen schon älteren Datums, wie auch die Erdhaufen unter der Wasseroberfläche, die auf Grabungsarbeiten hinweisen. Wo der Biber seine Wohnhöhle angelegt hat, ist entgegen der landläufigen Meinung nur schwer zu erkennen. „Der Eingang liegt immer unter Wasser und an den Flüssen gräbt sich der Biber in die Böschungen hinein“, sagt Hiller. Die kunstvollen Holzburgen, die der Laie vor Augen hat, wenn er an den tierischen Baumeister denkt, legt der Biber nur an flachen Seeufern an, die über keine Böschung verfügen – oder eben am Gartenteich. . .

  
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