Blick in den Bürgersaal mit einer Grafik auf der Leinwand: Viele Zuhörer kamen zur Gegenveranstaltung zum geplanten Gewerbepark an der Autobahn bei Aichelberg. Foto: Staufenpress

Eine Interessengemeinschaft ruft die Aichelberger auf, zukunfts- und tragfähige Entscheidungen zu treffen. Sie warnt vor Lärmbelastung, Luftverschmutzung, Flächenversiegelung und dem Verlust bedrohter Tierarten.

Widerstand gegen das geplante interkommunale Gewerbegebiet bei Aichelberg, über das die Aichelberger am 21. Mai in einem Bürgerentscheid abstimmen werden, hatte sich schon bei der vorigen Info-Veranstaltung der Gemeinde gezeigt, als 30 Landwirte mit Traktoren und Transparenten zu einem Spaziergang vor Ort kamen. Jetzt hat sich auch eine Interessengemeinschaft „Kein Gewerbepark Aichelberg“ formiert. Bei einer Info-Veranstaltung im Bürgerhaus warnte sie vor erheblichen Nachteilen, die ein rund 14 Hektar großes Gewerbegebiet an der A 8 für Natur und Mensch bringe

 

Noch seien die Felder nicht komplett im Eigentum der Kommune. Landwirt Michael Gölz aus Eckwälden empfand das grotesk, weil man im Mai über sein Eigentum abstimme. Eine Eigentümerveranstaltung galt der Verwaltung als Stimmungstest, bei der sich anonym zehn Personen von 15 gegen das Gewerbegebiet ausgesprochen hatten. Die Verwaltung versprach, bei einer Ablehnung die Sache auf sich beruhen zu lassen. Genau das Gegenteil sei passiert, man spüre jetzt den sozialen Druck.

Initiative: Steuereinnahmen stehen in keinem Verhältnis zu den Nachteilen

Stefan Flaig, stellvertretender Landesvorsitzender des BUND, sprach von Lärmbelästigung, Luftverschmutzung, Flächenversiegelung und dem Verlust bedrohter Tierarten. Dem stehe der Gewinn der Steuereinnahmen von gerade mal rund 100 000 Euro im Jahr, wie Gastredner Thilo Sekol später vorrechnete, in keinem Verhältnis. Diese Planung entspreche nicht dem langfristigen Allgemeinwohl. Sie reihe sich ein in eine verfehlte Politik, die seit 70 Jahren auf die gleiche Weise wirtschafte: „Unendliches Wachstum in einer endlichen Welt“, und bediente Wachstum und Wohlstand mit dem Verbrauch knapper Ressourcen wie Öl oder eben auch Äcker und Land. Flaig: „Wir begraben die Lebensgrundlage unter Asphalt.“

Wozu Klimaschutzgesetze, wenn Vorhaben wie diese alles konterkarierten? Klar behaupte die Verwaltung, dass 13,7 Hektar in Aichelberg den „Kohl nicht fett machten“, aber bei 1100 Kommunen im Land laufe überall ein ähnliches Programm ab, bei dem es um Arbeitsplätze, Gemeindefinanzen, Böden und Profit gehe, erklärte Flaig. Jedes weitere Gewerbegebiet unterstütze sämtliche Krisen. Mit der Klimakrise, Finanzkrise und den Migrationsbewegungen stünden wir erst am Anfang. Die geplante Logistik in Aichelberg heiße, große Hallen mit wenig Arbeitsplätzen, die woanders wegrationalisiert wurden oder verlagert würden. Und überhaupt liefe das Schlagwort „neue Arbeitsplätze schaffen“ ins Leere bei einem riesigen Arbeitskräftemangel. Zudem gebe es in Weilheim ein großes Gewerbegebiet, da sei eine Konkurrenzsituation vorstellbar. Im Kreis Göppingen gebe es genug freie oder brachliegende Gewerbeflächen.

Wolfgang Daiber, Uhinger Landwirt aus Leidenschaft und früherer stellvertretender Kreisvorsitzender des Bauernverbands, prägte den Leitspruch: „Wenn die Landwirtschaft stirbt, stirbt die Landschaft“, denn keiner kümmere sich mehr um Landschaftspflege, was unter Umständen den Kommunen finanziell auf die Füße falle. Die Landwirte sicherten eine Nahrungsmittelversorgung mit hochwertigen Produkten. Zugekaufte Produkte würden teilweise nicht einmal untersucht. „Auf einer Fläche von 13,7 Hektar wächst das Korn für 14 Millionen Brötchen oder 170 Tonnen Zucker aus Zuckerrüben“, sagte er, „wir sollten jeden Hektar erhalten“.

Bürgermeisterin verteidigt das Projekt als nachhaltig mit Leuchtturmcharakter

Für die Gemeinde habe das Projekt dennoch „Leuchtturmcharakter“ und sie sähen sich in einer „Vorreiterrolle“, denn die Betriebe seien zur Einhaltung aller Nachhaltigkeitsregeln verpflichtet, hielt Bürgermeisterin Heike Schwarz dagegen. Der promovierte Betriebswirt Thilo Sekol ist da skeptisch, weil Logistik anders gedacht werden könne, sagte er. Für ihn sei in der Kommunikation etwas falsch gelaufen, deshalb gebe es eine solche Veranstaltung der Interessengemeinschaft, fand er. „Eine genaue Aufstellung ohne Schönfärberei, mit Transparenz wäre da wichtig“. Bürgermeisterin Schwarz findet hingegen, dass in Sachen Kommunikation viel gelaufen sei.

Aichelberg steht vor der Entscheidung

Abschluss
  Bei einer dritten und abschließenden Veranstaltung der Gemeinde Aichelberg zur „zentralen Zukunftsfrage der gewerblichen Entwicklung“ soll es an diesem Freitag nochmals um den Planungsstand, die Gewerbeflächensituation im Kreis und die finanzielle Situation der Gemeinde gehen. Offene Fragen sollen beantwortet werden. der Abend beginnt um 18.30 Uhr im Bürgerhaus.

Entscheid
  Der Aichelberger Gemeinderat wollte diesen Bürgerentscheid, weil der Gewerbepark eine große Weichenstellung ist. Abgestimmt wird am 21. Mai.

Planung
Der Gemeinderat verfolgt diesen interkommunalen und dann auch nachhaltig geplanten Gewerbepark schon seit Ende 2016. Die Region Stuttgart muss zustimmen.