Merry Sullivan durchforstet mit Reinhard Mauz Akten zu ihren Vorfahren aus dem Denkendorfer Gemeindearchiv. Foto: Ulrike Rapp-Hirrlinger

Eine Liebesheirat trotz aller Widerstände: Merry Sullivan erforscht die Geschichte ihrer Vorfahren aus Denkendorf. Was sie dabei entdeckt, überrascht selbst sie.

Es hört sich ein bisschen an wie eine Romeo-und-Julia-Geschichte, die man sich in Merry Sullivans Familie erzählte. Anders als bei Shakespeare allerdings mit Happy End. Nicht nur die Familien, sondern auch die Denkendorfer Obrigkeit stellte sich gegen die Heirat von Catharina und Jakob Friedrich Brucker. Sie war aus wohlhabendem Haus, er ein armer Schlucker. Am Ende jedoch setzten sich die beiden Liebenden durch und bekamen 1824 die Erlaubnis zur Heirat. 1831 wanderten die beiden mit ihren Kindern in die Vereinigten Staaten aus und ließen sich zunächst in Ohio, später in Iowa nieder. Ihre Nachfahrin Merry Sullivan hat sich nun in Denkendorf auf Spurensuche begeben und wurde unter anderem im Gemeindearchiv fündig.

 

Was heute selbstverständlich ist, war zu dieser Zeit äußerst ungewöhnlich. „Ehen wurden nach materiellen Gesichtspunkten geschlossen. Das hier war offensichtlich eine Liebesheirat“, sagt Reinhard Mauz, der Merry Sullivan bei ihrer Recherche beiseite stand. Dass ihre Ur-Ur-Urgroßeltern nach Amerika aus Liebe durchgebrannt waren, sei die Familiensaga gewesen, erzählt die 64-Jährige. Auch, dass Catharina Brucker, die den gleichen Geburtsnamen trug wie ihr späterer Ehemann, aus wohlhabendem Haus war, wurde erzählt.

Erbe und Armut: Die ungleichen Startbedingungen der Bruckers

Mauz, der sich intensiv mit Denkendorfs Ortsgeschichte beschäftigt, war ob dieses Details zunächst skeptisch, da der Ort zu dieser Zeit insgesamt eher arm war. Doch aus den Inventar- und Teilungsakten ergab sich ein klares Bild. Während Catharina Brucker das einzige überlebende Kind aus Johann Melchior Bruckers zweiter Ehe war und damit auf ein stattliches Erbe hoffen durfte, war Jakob Friedrich Brucker der Jüngste einer ganzen Schar von Kindern einer Witwe. Der Vater war früh verstorben. „Die älteren Geschwister bekamen noch ein sogenanntes Heiratsgut, aber für den Jüngsten blieb nichts mehr übrig“, erklärt Mauz. Johann Melchior Brucker dagegen war betuchter Bauer und hatte die Maierei des Klosters gepachtet. Zudem verlieh er Geld an andere. „Er hinterließ mit 2000 Gulden ein stattliches Vermögen“, so Mauz. Die Hälfte davon erbte später seine Tochter.

Ihre Farm in Clayton County, Iowa, haben sich Catharina und Jakob Friedrich Brucker vom Erbe Johann Melchior Bruckers gekauft. Zu sehen sind die 1833 in den USA geborene Tochter Christina (rechts) mit Sohn und Schwiegertochter, die die Großmutter von Merry Sullivan auf dem Arm hält. Foto: Ulrike Rapp-Hirrlinger (Reproduktion)

Nicht verwunderlich war also, dass Catharina Bruckers Familie sich vehement gegen die Heirat mit dem Habenichts aussprach. Auch Pfarrer und Bürgermeister sträubten sich lange gegen die Ehe, der nach damaliger Einschätzung die Lebensgrundlage fehlte, weiß Mauz. Doch das Paar blieb hartnäckig. Vielleicht waren es auch die drei unehelichen Kinder der beiden, die die Beteiligten schließlich zum Einlenken brachten.

Jakob Friedrich Bruckers Kampf ums Überleben in Denkendorf

Seine Familie brachte Jakob Friedrich Brucker in Denkendorf mehr schlecht als recht durch. Als gelernter Weber konnte er nicht mehr arbeiten, denn längst gab es mechanische Webstühle, mit denen die Handweberei nicht konkurrieren konnte. Eine größere Landwirtschaft besaß er nicht, und so verdingte er sich als Knecht. In der Zeit nach der Heirat wurden sieben weitere Kinder geboren. Dass die jungen Liebenden nicht schnurstracks nach der Heirat nach Amerika abreisten, sondern erst 1831, also sieben Jahre später, den Neustart wagten, hat Merry Sullivan überrascht. Also waren ihren Vorfahren doch keine Ausreißer. Auch über die unehelichen Kinder habe man in der Familie geschwiegen.

In den USA ging es für die Familie, die sich nun „Brooker“ nannte, wirtschaftlich bergauf. Sie ergriff die Chance, die sich ihr bot. Jakob Friedrich fand Arbeit in einer Salzmine in Ohio. Dort wurden vier weitere Kinder geboren, darunter 1833 Merry Sullivans Ururgroßmutter Christina. Später zog die Familie weiter nach Clayton County in Iowa. Dort konnte sie eine Farm vom Staat zunächst pachten. Der Kauf der Farm 1843 geht zeitlich einher mit dem Tod von Catharinas Vater, wodurch sie ein Vermögen erbte. „Es war sehr fruchtbares Land, von dessen Ertrag sie gut leben konnten. Aber sie mussten auch hart arbeiten“, erzählt Sullivan, die selbst auf dieser Farm aufgewachsen ist. Die Brookers wurden wohlhabend.

Merry Sullivan entdeckt entfernte Verwandte in Europa

Noch immer lebt Sullivans Mutter auf der Farm, auch wenn das Land inzwischen verpachtet ist. Ihre Großmutter habe in ihr das Interesse für die Ahnenforschung geweckt, erzählt Merry Sullivan. „Sie sprach noch Deutsch, und mit ihr besuchten wir oft den Friedhof, auf dem Catharina aus Denkendorf begraben ist.“ Seit die Logopädin im Ruhestand ist, widmet sie sich der Suche nach ihren europäischen Vorfahren und noch auf dem alten Kontinent lebenden Verwandten. Einige entfernte Cousins hat sie während ihrer Europareise, die sie jetzt mit ihrem Mann John unternommen hat, bereits aufgetan. In Denkendorf allerdings sei es angesichts der vielen Menschen, die den Namen Brucker tragen, eher schwierig, Verwandte zu identifizieren, meint Mauz. Auch die Häuser, in denen die Bruckers lebten, stehen nicht mehr.

Merry Sullivan wollte auch herausfinden, warum ihre Vorfahren Deutschland verlassen haben. Durch ihre Recherche habe sie erst einen Eindruck bekommen, wie schwierig das Leben ihrer Denkendorfer Vorfahren gewesen sei, sagt Sullivan, die selbst Mutter von zwei erwachsenen Kindern ist und heute im US-Bundesstaat Washington lebt. Nachdem sie in Denkendorf dank großer Unterstützung durch Reinhard Mauz und der Gemeinde so viel über ihre Familiengeschichte herausgefunden habe, erwäge sie nun, daraus ein Buch zu machen, sagt Sullivan.

Hohe Kindersterblichkeit

Exemplarisch
„Die Familiengeschichte der Bruckers ist sozialgeschichtlich sehr interessant“, sagt Reinhard Mauz und nennt als Beispiele die agrarisch geprägte Gesellschaft in Denkendorf in einer Zeit, in der Missernten zu Hungersnot und Schulden führten. Es gab eine rigide, materiell ausgerichtete Heiratspolitik. Heiraten durfte zudem nur derjenige, der eine Familie ernähren konnte. „Man wollte nicht, dass sie dem sogenannten Armenkasten und damit der Gemeinde zur Last fallen.“

Kindersterblichkeit
Die ersten sechs Kinder der Bruckers und später ein weiteres starben im Kindesalter. Gründe für die hohe Mütter- und Kindersterblichkeit waren die allgemein schlechte Versorgung und Krankheiten. Die Lebenserwartung war insgesamt gering. Drei Kinder im Alter von vier, drei und zwei Jahren nahmen die Bruckers in die USA mit. Nur der Vierjährige überlebte.

Auswanderer
Jakob Friedrich Brucker schickte im Herbst 1831 einen Brief in die Denkendorfer Heimat und vermeldete die glückliche Ankunft in der Neuen Welt. Dieser rief im Ort eine wahre Auswanderungswelle hervor. Brucker beschrieb, wie leicht man dort zu Wohlstand kommen könne. Dadurch sei eine große Lust zur Auswanderung entstanden, notierte der damalige Pfarrer. Bei manchen war es die Hoffnung auf ein besseres wirtschaftliches Auskommen, andere flohen, weil sie ihre Schulden nicht begleichen konnten oder anderes auf dem Kerbholz hatten.